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Michael Haneke im Gespräch : Ich bin gerne unangenehm

  • -Aktualisiert am

Michael Haneke Bild: EPA

Michael Haneke galt lange als Regisseur des grausamen Blicks. Ein Gespräch über seinen neuen Film „Happy End“, neurotische Familien, französische Schauspieler und die Frage, warum wir kein Recht auf Drama haben.

          Lange galt Michael Haneke als Regisseur des grausamen Blicks, bei seinem letzten Film „Amour“, für den er den Oscar bekam, überraschte er mit seinem Talent zur Zärtlichkeit. Jetzt, fünf Jahre später, erzählt er in „Happy End“ von einem unglücklichen Mädchen in einer neurotischen Familie in Calais, von unsichtbaren Flüchtlingen und vom Internet als Beichtmaschine.

          Sie haben mal gesagt, dass man sich als Autor am besten gar nicht auf Interviews einlassen sollte, um das Werk nicht zu vereindeutigen und seine Interpretation nicht zu stark vorzugeben. Wie waren denn die Gespräche zu „Happy End“ bisher? Haben Sie schon viel zu viel vereindeutigt?

          Ich hoffe nicht, ich bemüh‘ mich redlich.

          Ein Grund dafür, dass man Sie so oft auffordert, Ihre Filme zu erklären, ist ja der Eindruck, es handele sich um kalte, grausame Filme. Ist der Titel „Happy End“ ein ironischer Kommentar zu diesem Vorwurf?

          Nein, denn ich finde ja, das stimmt nicht. Nicht ich schau grausam auf die Welt, die Welt ist halt so, wie sie ist: widersprüchlich und schwierig. Wenn dann jemand versucht, etwas von dieser schwierigen Widersprüchlichkeit einzufangen, wird ihm das schon als Zumutung oder Grausamkeit angerechnet. „Funny Games“ ist mein einziger wirklich aggressiver Film. Die anderen sind nur Abbilder der Gesellschaft, die ich um mich herum sehe. Ich bilde mir sogar ein, dass ich einen anteilnehmenden Blick darauf habe, wie die Leute sich in ihren Nöten verhalten.

          Bei der Familie in Calais, von der „Happy End“ erzählt, sind das vor allem emotionale Nöte. Sie sind wohlhabend und gebildet, aber emotional völlig unfähig. Sie scheinen gar keine Selbstverständlichkeit und Wärme im Umgang miteinander zu haben ...

          ... naja, diese Art des Umgangs ist eben ihre Selbstverständlichkeit. Und die sind schon um Wärme bemüht.

          In einer Szene relativ am Anfang zum Beispiel, in der die 13-jährige Ève nach der Medikamentenüberdosis ihrer Mutter bei ihrem Vater ankommt, um bei ihm zu wohnen: Da weiß er überhaupt nicht, wie er mit ihr reden soll und versucht nicht einmal, sie zu trösten. Das Gespräch der beiden klingt so mechanisch.

          Das liegt aber nicht daran, dass der Vater kalt wäre. Als seine Tochter im Auto plötzlich zu weinen anfängt, entschuldigt er sich ja sogar: „Es tut mir leid, ich bin ungeschickt, was soll ich machen?!“ Das spielt Matthieu Kassovitz übrigens wunderbar: Wie er darauf reagiert, als sie dann im Spital zu ihm sagt: „Ich weiß, du liebst niemanden“ – völlig fassungslos und überfordert! Weil er es eben einfach nicht kann. Dass da auf einmal diese Tochter auftaucht, die er praktisch nicht kennt, ist nicht leicht für ihn. Das ist ja das Wesen einer dramatischen Konstruktion: Situationen zu kreieren, die den Charakter auf den Prüfstand stellen. Jemand der bloß böse oder einfach nur mies ist, interessiert mich nicht. Jeder Mensch ist zu allem fähig, er muss nur in die entsprechende Situation kommen. Es sind die Verhältnisse, die den Menschen zu dem machen, was er ist.

          Hat es dann auch etwas mit den Verhältnissen in der französischen Gesellschaft zu tun, dass „Happy End“ schon ihr vierter Film ist, der in Frankreich spielt?

          Ach nein, die Gründe sind viel banaler: Isabelle Huppert gibt’s nicht auf Deutsch. Jean-Louis Trintignant auch nicht. Außerdem sind die Finanzierungsbedingungen in Frankreich wesentlich angenehmer. Ganz simpel: Dort ist der Kuchen groß und hier ist der Kuchen klein. Doch der wichtigste Grund sind die Schauspieler. Nicht, dass die deutschsprachigen schlecht wären. Aber Jean-Louis ist eben weltweit einmalig.

          Kinotrailer : „Happy End“

          Jean-Louis Trintignant spielt in „Happy End“ Èves Großvater. Es gibt eine Szene zwischen den beiden, in der er ihr die Geschichte vom Tod seiner Frau erzählt: Er hat sie lange gepflegt und dann in einer Art Sterbehilfe umgebracht. Es ist die Geschichte, die er schon in „Amour“ gespielt hat. Durch ihre gemeinsame Verbindung zum Tod und durch das Geschichtenerzählen entsteht zwischen Großvater und Enkelin eine Nähe. Das ist das einzige Mal, dass sich zwei Familienmitglieder in diesem Film wirklich zuhören.

          Die Konstellation zwischen Enkelin und Großvater ist eben relativ entspannt. Als die Kleine im Spital liegt, hört ihr Vater ihr schon auch zu, er ist nur in einer ganz anderen Stresssituation. Und die Szenen zwischen Isabelle Huppert und ihrem Sohn sind ein Musterbeispiel für neurotische Familienverhältnisse: Es funktioniert nicht, egal wie man sich bemüht. Sie hat ihn offensichtlich mit dem Erfolgsdruck, den sie auf ihn ausübt, unfähig gemacht, normal zu reagieren. Familie ist eben eine neurotische Konstruktion. Zusammenleben ist eine schwierige Sache. Alleine leben ist auch eine schwierige Sache. Die Welt ist einfach nicht so lustig, wie sie im Mainstreamkino erscheint.

          Welche Idee stand am Anfang von „Happy End“?

          Die Geschichte von Ève habe ich aus der Zeitung: In Japan hat ein 14-jähriges Mädchen seiner Mutter über Wochen Gift ins Essen gemischt und die Wirkung im Internet dokumentiert. Als Leute die Mutter erkannt und die Polizei alarmiert haben, wurde sie ins Spital gebracht. Sie konnte gerettet werden. Später kam heraus, dass die Tochter im Internet ausführlich über Giftmörder recherchiert hatte. Das hat mich sehr beeindruckt, ich fand, das ist eine erzählenswerte Geschichte. Was mich daran am meisten interessiert hat: Warum stellt sie den Mordversuch ins Internet?

          Eigentlich dumm, wenn man nicht entdeckt werden will.

          Genau. Sie will entdeckt werden. Das Internet hat heute die Funktion der Beichte übernommen. Ich stell was rein – mal schauen, ob sie mich erwischen. Natürlich nicht bewusst. Das Mädchen selbst würde vielleicht sagen: Ich wollte angeben. Aber der eigentliche Grund ist, dass sie in ihrem Unglück entdeckt werden will. Ihre Schuld soll entdeckt werden, und zwar zusammen mit dem Unglück, das ihre Schuld ja erst möglich gemacht hat.

          Èves Smartphonevideo von ihrer Mutter ist die erste Szene des Films. Die ganze Einstellung besteht aus der Smartphoneperspektive, die ersten Minuten ist das Filmbild deshalb vertikal statt horizontal. Ist das die logische Konsequenz nach Ihren früheren Filmen „Benny’s Video“ und „Caché“, wo die ersten Szenen eine Videoaufnahme und eine DVD-Wiedergabe gezeigt haben, um das Smartphone als nächste Stufe des medialen Blicks auch formal zu reflektieren?

          Auch. Es bietet sich natürlich an, es ist auch formal ein schöner Anfang und eine gute Klammer mit dem Schlussbild. Es ist formal die angemessene Form – hätte man es anders gemacht, wäre es einfach falsch gewesen.

          Wie sind Sie jetzt eigentlich auf den Titel des Films gekommen? Stand der gleich am Anfang fest?

          Nicht gleich am Anfang, aber sobald ich wusste, wie die Geschichte enden soll, ist mir der relativ schnell eingefallen. Ich find’s einen guten Titel.

          Weil er so doppeldeutig ist?

          Den Titel kann man auf fünfundzwanzig Weisen interpretieren, aber ist es natürlich ein ironischer Titel. Das Ende ist dort so happy, wie das game funny war. Es ist ja auch kein Titel für ein Drama sondern für eine Farce.

          Der Film sei eine Farce, weil diese Figuren kein Drama mehr verdient hätten, haben Sie dazu in Cannes gesagt.

          Die Figuren vielleicht schon, aber wir als Gesellschaft, wir alle hier, die wir verwöhnt im Mittelpunkt des Wohlstands sitzen, haben kein Recht auf ein Drama. Muss ich morgen länger arbeiten, sind Miete und Butterpreis zu hoch, verlässt mich meine Frau oder nicht: solche Scherze, das sind unsere Dramen. Die kann man aber nicht ernst nehmen. Der, dem es gerade zustößt, nimmt es natürlich ernst – wenn meine Frau mich verließe, nähme ich das sehr ernst. Und wer mit einer Krebsdiagnose oder etwas ähnlichem konfrontiert ist, nimmt das sicher und mit Recht sehr ernst. Trotzdem sind die Nöte in unsern Breiten läppisch im Verhältnis zu dem, was andere Menschen nicht zuletzt als Folge des Kolonialismus unserer Vorfahren erleben müssen. Das vergessen die Leute aber gerne, das ist ihnen unangenehm.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Und Sie erinnern sie daran.

          Weil ich eben gerne unangenehm bin. Wir haben hier die bestmöglichen Voraussetzungen, mitmenschlich zu sein, weil wir im vollen Luxus leben. Wir sind es aber nicht, wir sind bloß mitmenschlich mit uns selbst.

          In „Happy End“ kommen auch die Flüchtlinge in Calais vor.

          Ja, aber nur dadurch, dass sie nicht vorkommen. Sie sind die Unsichtbaren am Rand. Wenn sie ins Zentrum gerückt werden, dann nur, um sie als Druckmittel für eine Privatfehde zu nutzen.

          Sie meinen die Szene, in der Isabelle Hupperts Sohn Pierre zur Verlobungsfeier seiner Mutter ein paar Flüchtlinge mitbringt?

          Ja. Er benutzt das Leid anderer für seine private Rache. Vor dem Hauptgang erzählt er noch schnell, wie die Familie des einen bei lebendigem Leib verbrannt ist... Nur, um sich an seiner Mutter und deren Verlobten zu rächen. Und die Flüchtlinge stehen daneben und verstehen kein Wort.

          Immerhin dürfen sie dann zum Essen bleiben.

          Ja. Die Heuchelei feiert abstruse Blüten. Am Schönsten finde ich an der Szene den Einfall, den Toby Jones hatte, der Isabelle Hupperts Verlobten spielt: Einer der Flüchtlinge kommt mit einem Rucksack herein und er nimmt ihm den ab, um Mitgefühl und Höflichkeit zu demonstrieren. Toby kam während des Drehs mit dem Vorschlag und ich fand das genial!

          War das die Stelle von „Happy End“, bei der Sie am meisten gelacht haben?

          Ich lache nie bei meinen Filmen.

          Ich dachte, ich hätte mal gelesen, Sie selbst würden im Gegensatz zu Ihren verstörten Zuschauern bei Ihren Filmen oft laut lachen.

          Ich lächle manchmal beim Schreiben. Oder wenn ich mich hinterher daran erinnere. Über Toby Jones’ Vorschlag mit dem Rucksack habe ich sehr gelacht, aber der kam ja auch nicht von mir.

          „Happy End“ wirkt insgesamt offener als viele Ihrer früheren Filme. Durch das stellenweise Komödiantische im Ton, aber auch in der Form, die weniger streng ist. Am Ende ist da das offene Meer ... Befreien sich Ihre Figuren und ihre Filme gerade?

          Naja, Jean-Louis würde sich ja gerne befreien und das klappt nicht so richtig.

          Nervt es Sie eigentlich sehr, dass die Leute ständig darauf warten, wann Sie endlich altersmilde werden?

          Vielleicht werde ich irgendwann altersblöde. Vielleicht hoffen manche da drauf. Milde ist keine sehr produktive Eigenschaft für einen Dramatiker.

          Ab Donnerstag im Kino

          Quelle: F.A.S.

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          Kinotrailer : „Happy End“

          „Happy End“; 2017. Regie: Michael Haneke. Darsteller: Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz. Start: 12.10.2017

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