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Michael Haneke im Gespräch : Ich bin gerne unangenehm

  • -Aktualisiert am

Der Film sei eine Farce, weil diese Figuren kein Drama mehr verdient hätten, haben Sie dazu in Cannes gesagt.

Die Figuren vielleicht schon, aber wir als Gesellschaft, wir alle hier, die wir verwöhnt im Mittelpunkt des Wohlstands sitzen, haben kein Recht auf ein Drama. Muss ich morgen länger arbeiten, sind Miete und Butterpreis zu hoch, verlässt mich meine Frau oder nicht: solche Scherze, das sind unsere Dramen. Die kann man aber nicht ernst nehmen. Der, dem es gerade zustößt, nimmt es natürlich ernst – wenn meine Frau mich verließe, nähme ich das sehr ernst. Und wer mit einer Krebsdiagnose oder etwas ähnlichem konfrontiert ist, nimmt das sicher und mit Recht sehr ernst. Trotzdem sind die Nöte in unsern Breiten läppisch im Verhältnis zu dem, was andere Menschen nicht zuletzt als Folge des Kolonialismus unserer Vorfahren erleben müssen. Das vergessen die Leute aber gerne, das ist ihnen unangenehm.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Und Sie erinnern sie daran.

Weil ich eben gerne unangenehm bin. Wir haben hier die bestmöglichen Voraussetzungen, mitmenschlich zu sein, weil wir im vollen Luxus leben. Wir sind es aber nicht, wir sind bloß mitmenschlich mit uns selbst.

In „Happy End“ kommen auch die Flüchtlinge in Calais vor.

Ja, aber nur dadurch, dass sie nicht vorkommen. Sie sind die Unsichtbaren am Rand. Wenn sie ins Zentrum gerückt werden, dann nur, um sie als Druckmittel für eine Privatfehde zu nutzen.

Sie meinen die Szene, in der Isabelle Hupperts Sohn Pierre zur Verlobungsfeier seiner Mutter ein paar Flüchtlinge mitbringt?

Ja. Er benutzt das Leid anderer für seine private Rache. Vor dem Hauptgang erzählt er noch schnell, wie die Familie des einen bei lebendigem Leib verbrannt ist... Nur, um sich an seiner Mutter und deren Verlobten zu rächen. Und die Flüchtlinge stehen daneben und verstehen kein Wort.

Immerhin dürfen sie dann zum Essen bleiben.

Ja. Die Heuchelei feiert abstruse Blüten. Am Schönsten finde ich an der Szene den Einfall, den Toby Jones hatte, der Isabelle Hupperts Verlobten spielt: Einer der Flüchtlinge kommt mit einem Rucksack herein und er nimmt ihm den ab, um Mitgefühl und Höflichkeit zu demonstrieren. Toby kam während des Drehs mit dem Vorschlag und ich fand das genial!

War das die Stelle von „Happy End“, bei der Sie am meisten gelacht haben?

Ich lache nie bei meinen Filmen.

Ich dachte, ich hätte mal gelesen, Sie selbst würden im Gegensatz zu Ihren verstörten Zuschauern bei Ihren Filmen oft laut lachen.

Ich lächle manchmal beim Schreiben. Oder wenn ich mich hinterher daran erinnere. Über Toby Jones’ Vorschlag mit dem Rucksack habe ich sehr gelacht, aber der kam ja auch nicht von mir.

„Happy End“ wirkt insgesamt offener als viele Ihrer früheren Filme. Durch das stellenweise Komödiantische im Ton, aber auch in der Form, die weniger streng ist. Am Ende ist da das offene Meer ... Befreien sich Ihre Figuren und ihre Filme gerade?

Naja, Jean-Louis würde sich ja gerne befreien und das klappt nicht so richtig.

Nervt es Sie eigentlich sehr, dass die Leute ständig darauf warten, wann Sie endlich altersmilde werden?

Vielleicht werde ich irgendwann altersblöde. Vielleicht hoffen manche da drauf. Milde ist keine sehr produktive Eigenschaft für einen Dramatiker.

Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.S.

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