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Michael Haneke im Gespräch : Ich bin gerne unangenehm

  • -Aktualisiert am

Kinotrailer : „Happy End“

Jean-Louis Trintignant spielt in „Happy End“ Èves Großvater. Es gibt eine Szene zwischen den beiden, in der er ihr die Geschichte vom Tod seiner Frau erzählt: Er hat sie lange gepflegt und dann in einer Art Sterbehilfe umgebracht. Es ist die Geschichte, die er schon in „Amour“ gespielt hat. Durch ihre gemeinsame Verbindung zum Tod und durch das Geschichtenerzählen entsteht zwischen Großvater und Enkelin eine Nähe. Das ist das einzige Mal, dass sich zwei Familienmitglieder in diesem Film wirklich zuhören.

Die Konstellation zwischen Enkelin und Großvater ist eben relativ entspannt. Als die Kleine im Spital liegt, hört ihr Vater ihr schon auch zu, er ist nur in einer ganz anderen Stresssituation. Und die Szenen zwischen Isabelle Huppert und ihrem Sohn sind ein Musterbeispiel für neurotische Familienverhältnisse: Es funktioniert nicht, egal wie man sich bemüht. Sie hat ihn offensichtlich mit dem Erfolgsdruck, den sie auf ihn ausübt, unfähig gemacht, normal zu reagieren. Familie ist eben eine neurotische Konstruktion. Zusammenleben ist eine schwierige Sache. Alleine leben ist auch eine schwierige Sache. Die Welt ist einfach nicht so lustig, wie sie im Mainstreamkino erscheint.

Welche Idee stand am Anfang von „Happy End“?

Die Geschichte von Ève habe ich aus der Zeitung: In Japan hat ein 14-jähriges Mädchen seiner Mutter über Wochen Gift ins Essen gemischt und die Wirkung im Internet dokumentiert. Als Leute die Mutter erkannt und die Polizei alarmiert haben, wurde sie ins Spital gebracht. Sie konnte gerettet werden. Später kam heraus, dass die Tochter im Internet ausführlich über Giftmörder recherchiert hatte. Das hat mich sehr beeindruckt, ich fand, das ist eine erzählenswerte Geschichte. Was mich daran am meisten interessiert hat: Warum stellt sie den Mordversuch ins Internet?

Eigentlich dumm, wenn man nicht entdeckt werden will.

Genau. Sie will entdeckt werden. Das Internet hat heute die Funktion der Beichte übernommen. Ich stell was rein – mal schauen, ob sie mich erwischen. Natürlich nicht bewusst. Das Mädchen selbst würde vielleicht sagen: Ich wollte angeben. Aber der eigentliche Grund ist, dass sie in ihrem Unglück entdeckt werden will. Ihre Schuld soll entdeckt werden, und zwar zusammen mit dem Unglück, das ihre Schuld ja erst möglich gemacht hat.

Èves Smartphonevideo von ihrer Mutter ist die erste Szene des Films. Die ganze Einstellung besteht aus der Smartphoneperspektive, die ersten Minuten ist das Filmbild deshalb vertikal statt horizontal. Ist das die logische Konsequenz nach Ihren früheren Filmen „Benny’s Video“ und „Caché“, wo die ersten Szenen eine Videoaufnahme und eine DVD-Wiedergabe gezeigt haben, um das Smartphone als nächste Stufe des medialen Blicks auch formal zu reflektieren?

Auch. Es bietet sich natürlich an, es ist auch formal ein schöner Anfang und eine gute Klammer mit dem Schlussbild. Es ist formal die angemessene Form – hätte man es anders gemacht, wäre es einfach falsch gewesen.

Wie sind Sie jetzt eigentlich auf den Titel des Films gekommen? Stand der gleich am Anfang fest?

Nicht gleich am Anfang, aber sobald ich wusste, wie die Geschichte enden soll, ist mir der relativ schnell eingefallen. Ich find’s einen guten Titel.

Weil er so doppeldeutig ist?

Den Titel kann man auf fünfundzwanzig Weisen interpretieren, aber ist es natürlich ein ironischer Titel. Das Ende ist dort so happy, wie das game funny war. Es ist ja auch kein Titel für ein Drama sondern für eine Farce.

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