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Medien Zeig mir das Spiel vom Tod

22.01.2004 ·  Es ist, dramaturgisch betrachtet, sehr wertvoll: Was die Medien aus Mord, Totschlag und Sterben machen.

Von Norbert Schneider
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Wie sterben wir? Wie blicken wir auf den Tod? Wie zeigen ihn die Medien? Was geschieht mit uns, wenn der Tod individuell tabuisiert, in der Öffentlichkeit aber zur Schau gestellt wird? An diesen Fragen zeigt sich, wie weitgehend Prozesse von Individualisierung und die Entwicklung der Mediengesellschaft zusammenhängen.

Viele Jahrhunderte war das Sterben vor allem ein soziales Ereignis. Man starb im Kreise seiner Lieben. Wichtiger als die Ängste des Sterbenden waren die der Gemeinschaft, sie könnte sich im Augenblick eines Todes nicht als stark erweisen. Der Tod eines Mitglieds war stets eine ihrer schwersten Bedrohungen. Erst im neunzehnten Jahrhundert wurde aus dem embedded death langsam das für den einzelnen schlechthin Furchtbare. Die Gemeinschaft trat zurück. Michel Foucault bemerkte spöttisch, seither habe "jedermann ein Recht auf seinen kleinen persönlichen Kasten für seine kleine persönliche Verwesung".

Individueller Tod ohne Öffentlichkeit

Indem der Tod individuell wird, verliert er an Öffentlichkeit. Er selbst wie auch seine Orte werden privat. Eine Ausnahme bilden die toten Prominenten. Sie, die ein Medienleben führten, sterben oft noch einen zweiten, einen Medientod, wie James Dean oder Marilyn Monroe, wie Elvis Presley, Lady Diana oder auch Uwe Barschel. Manche sterben Jahre später noch einen dritten Tod wie John F. Kennedy in Oliver Stones Film "JFK" oder Hanns-Martin Schleyer in Heinrich Breloers Fernsehzweiteiler "Todesspiel".

Jenseits der Prominenz aber wird der Tod ausgebürgert und das Krankenhaus zum "Ort des normalen Todes" (Philippe Aries). Viele sterben hinter geschlossenen Türen für sich allein. Auch die Sprache duckt sich weg. Weder nennt man den Tod noch den Tannewetzel noch einen Ritter noch ist er Schlafes Bruder oder Freund Hein. Es gibt keine schönredenden Metaphern mehr. Günther Anders bemerkte, "daß immer weniger von uns einfach an Lebensmüdigkeit oder Altersschwäche sterben. Einfache Todesfälle sind bereits altertümliche Raritäten. Zumeist wird der Tod hergestellt. Gestorben wird. Nicht Sterbliche sind wir Heutigen, primär vielmehr Ermordbare." Beim Leichenbegängnis wird nicht mehr gefeiert.

Tod der Namenlosen

Ein elementares Ereignis verschwindet im Unsichtbaren - einerseits. Andererseits ergreift in den Medien, speziell im Fernsehen, nun auch der Tod der Namenlosen das Publikum. Aus medialer Distanz nimmt es teil an Kriegen und an Katastrophen von Lengede bis Lockerbie, von Aids bis Sars. Dieses Publikum will alles sehen, und alles wird gezeigt. Die Todesbilder in den Massenmedien, und seien sie, wie nach dem Schulmassaker in Erfurt, gestellt, gehören zum Grundbestand täglicher Information. Auch Todesängste schrecken nicht.

In fiktionalen Unterhaltungsprodukten ist das Paar von Liebe und Tod unübertroffen, wie einst in "Love Story" (1969) oder James Camerons Version vom "Untergang der Titanic" (1999), und eine besondere Variante vom Tod im Kino bieten solche Filme, die aus der Sicht eines Sterbenden oder Toten erzählen, "Der sechste Sinn" etwa (1999), "American Beauty" (1999) oder "The Hours" (2002). Als ein Meister aus Deutschland bestimmt der Tod die Filme zum Holocaust, sei es "Korczak" (1990) oder "Schindlers Liste" (1994), die Fernsehserie "Holocaust" (1978) oder "Der Pianist" (2001). Kriegsfilme ebenso wie Antikriegsfilme sind immer Todesfilme, wie auch viele Western, deren Helden Lee Clark Mitchell einmal als living dead men definierte: "Spiel mir das Lied vom Tod". Manchmal allerdings bleibt der Tod unsichtbar, gleichwohl beherrschend als Quelle einer diffusen Angst: mors certa hora incerta.

Mehr Tod im Fernsehen als im Kino

Das anschwellende Todesquantum im Kinofilm steigert sich noch dramatisch im Fernsehen. Man wird so schnell keinen Abend finden, an dem nicht viele Male getötet und gestorben wird. Aus der Alltagswahrnehmung fast verschwunden, ist auf dem Bildschirm soviel Tod wie nie.

Wie im Kino, so begegnet man ihm auch im Fernsehen oft am Anfang einer Geschichte, vor allem in den zahllosen Krimis. Sie sind ein tragender Pfeiler in der Grundversorgung des Publikums geworden. Im ZDF ist Freitag der Krimitag. Die ARD hat sich vor Jahren schon für den Sonntag entschieden. Neuerdings setzt sie auch am Donnerstag einen "Tatort" ein und montags und dienstags zur Eröffnung des Abends eine Krimiserie. Das ZDF wiederum belegt den Freitag mit einem kriminalistisch geprägten Doppelpack. Zusätzlich gibt es etliche Krimiserien im Vorabendprogramm. Bei den privaten Sendern sieht es nicht anders aus. Die sehr populären Angebote reichen vom "Bullen von Tölz" bis zu "Kommissar Rex" oder " Abschnitt 40".

Tote zu Anfang sind Anlaß zur Handlung

Ein Toter am Anfang löst freilich nur selten Trauer aus. Er ist vielmehr Anlaß der Handlung. Wenn darin eine Botschaft steckt, dann die, daß der Tod alles prägt. Gar so banal, wie es scheint, ist das nicht, denn diese Machart verbraucht sich nicht. Sie entfaltet immer wieder neuen Reiz, zu Beginn oder mitten in einer Handlung, als Ende eines Spannungsbogens oder als Anfang eines neuen. Eben noch tritt das Geschehen auf der Stelle, da betritt jemand den Raum und sagt: "Übrigens, X ist tot!", und schon verschwinden die Falten auf dem Gesicht des Kommissars. Es gibt auch Fortschritt durch Tod. Der Todesfall - als Mord, als Ende einer Krankheit oder als Selbsttötung - steuert Handlungen also nicht nur von Anfang an, er steuert sie auch um. Er ist dramaturgisch betrachtet besonders wertvoll. Das Leben geht weiter mit Hilfe des Todes. Nur selten steht er am Ende (um so beherrschender sind diese raren Fälle dann bei Preisverleihungen).

Die Art, wie Sterbende oder auch Tote in den Informationsprogrammen, in Nachrichten oder Dokumentationen gezeigt werden, ist in der Regel zurückhaltend. Da Bildnachrichten vom Tod so häufig sind, darf man von einer Gewöhnung des Publikums ausgehen. Das ändert sich bei Erdbeben, bei Verkehrs- und Naturkatastrophen, bei Amokläufen. Hohe Einschaltquoten entsprechender Sondersendungen sind ein Zeichen für den Wunsch nach Vergewisserung. Robert Gernhardt faßt dies lakonisch in den ironischen Vierzeiler "Abendliche Tagesschau": "Sehe ich die Leichen alle / Haben sie kein Leben / Habe ich mein Leben noch / Freu mich meines Lebens." Das Motiv solchen Zuschauerverhaltens, in dem sich Schrecken und Mitleid, Neugier und Voyeurismus mischen, ist die beruhigende Gewißheit, daß es wieder einmal sichtbar nur die anderen getroffen hat.

Mittel, mit denen getötet wird, sind überschaubar

Die Mittel, mit denen getötet wird, sind überschaubar. Die Kugel steht weit an der Spitze, aber auch Messer und Schnur leisten ihren Dienst, die Faust, nicht selten der tödliche Unfall, in einem berühmten Fall sogar ein Halstuch. Beliebt ist auch Gift, gerührt wie geschüttelt, und naheliegend die Krankheit, die sich in Form der jeweils letzten Seuche zunächst lautlos in eine Geschichte hineinfrißt und sich dann nach und nach alles nimmt. Im Fernsehkrimi stirbt man meistens rasch. Der im Mittelalter so verachtete Sekundentod, die mors repentina, wird zum Idealfall. Macht euch keine Sorgen! Es geht ganz schnell.

Bei all den Toten gehört auch der Friedhof als dominierender Schauplatz in die deutsche Fernsehunterhaltung. Keine kleine Nebenrolle muß so oft besetzt werden wie die des Geistlichen am offenen Grabe. Zugleich zeigt sich der Friedhof - und neues Leben blüht aus den Lupinen! - als ein Ort, an dem die Überlebenden noch einmal neu anfangen können wie seinerzeit auf dem Wiener Zentralfriedhof nach der Beerdigung des "Dritten Manns". Zur Logik dieses Ortes gehört, daß nichts mehr geht, wenn einer im Sarg liegt - vorausgesetzt, da liegt der Richtige, was nicht immer der Fall ist. So wird die Exhumierung, in der Wirklichkeit eher selten, zu einem durchaus vertrauten Akt, wie auch der Leichenschauraum mit seinen Tiefkühlkammern zu einem vertrauten Ort geworden ist.

Tod in der Klinik

Es liegt auf der Hand, daß der Tod in der Klinik, auch der Fernsehklinik, ein und aus geht. Sie ist sein Haus. Er ist ihr Herr. Man stirbt dort wortwörtlich in Serie, bevorzugt in Ambulanzen oder der Intensivstation. Ohne das Fernsehen wüßten wir von ihr nur wenige Näheres, wüßten auch wir nicht, daß dieser Ort zur Falle werden kann, wenn jemand nicht nur krank ist, sondern auch verfolgt wird. Selbst in gut geführten Häusern paßt plötzlich niemand auf. Türen öffnen sich wie von selbst, und der Krankenraub nimmt seinen Lauf. Das heimische Bett dagegen als Ort des Todes, der Haustod, ist in Film und Fernsehen eine Rarität. Er beschränkt sich auf Fälle, in denen zum Beispiel der Mythos von der Familie als letzter Instanz erzählt wird wie in "Vom Winde verweht".

Wie muß man einen solchen Sachverhalt, den man an zahllosen Beispielen weiter entfalten könnte, bewerten: daß nämlich der Tod - ganz anders als im täglichen Leben - in einem solchen Quantum und in einer solchen Qualität das Fernsehen beherrscht? Aries geht auf diese Frage in seinem großen Werk " Geschichte des Todes" (1982) nicht ein. Birgit Richard setzt seiner These vom Verdrängen des Todes in ihrem Buch " Todesbilder. Kunst, Subkultur, Medien" (1995) die Behauptung entgegen, "daß die westliche Gesellschaft den Tod nicht verdrängt", sondern daß sie sich "im Zeitalter optischer Speichermedien neue Symbolisierungsorte" für den Tod geschaffen hat: den Film, die Printmedien, das Fernsehen.

Triviale Omnipräsenz

Die Omnipräsenz des Todes im Fernsehen erscheint zunächst trivial, weil schließlich alle Menschen sterben. Ist es da nicht ganz folgerichtig, daß der Tod den Bildschirm derart beherrscht? Doch diese Frage verwechselt den Tod, den jeder stirbt, beachtet oder unbeachtet, pompös oder anonym, mit dem für jedermann massenmedial sichtbar verbreiteten und damit den Augenblick des Todes mit dem Augenblick des gezeigten Todes, die Wirklichkeit mit der dargestellten Wirklichkeit (Auerbach). Dabei ist es genau diese Differenz zwischen der alltäglichen Unsichtbarkeit des Todes und dem jederzeit sichtbaren Fernsehquantum, die nach einer Erklärung sucht.

Der aus dem Alltag verdrängte Tod ist durch die elektronische Hintertür in den Fernsehalltag zurückgekehrt, der freilich seinerseits ein Stück Alltag ist, und dies durchaus im Umfang seiner natürlichen Größe. Er kehrt allerdings zurück ohne die Unerträglichkeit des individuellen Schmerzes. Er kehrt ausschließlich als der Tod der anderen zurück.

Verändert der Blick auf den Tod die Wahrnehmung?

Wie verändert diese Rückkehr durch den Bildschirm hindurch ins Auge unsere Wahrnehmung des Todes? Wird der Tod entwertet? Jedenfalls verändert er sich auf eine spezifische Weise. Er wird "desozialisiert" (Birgit Richard). Er verschwindet nicht, er taucht gewandelt wieder auf. Er durchläuft eine Strecke vom Öffentlichen ins Private und zurück ins Öffentliche, jetzt also ins Öffentliche der Medien. Dabei wird der Tod sichtbar übersichtlich: seine Orte, seine Ursachen, seine Anlässe, seine Verarbeitung. Trotz einer geradezu sichtbaren Abwesenheit hat der Tod keinen Augenblick den öffentlichen Raum verlassen. Er wechselt nur die Straßenseite und kommt jetzt von dort, woher auch sonst die Bilder kommen.

Gewiß gibt es jenseits der Fernsehbilder nach wie vor Todesbilder, die ihrerseits auf die Fernsehbilder einwirken, in der bildenden Kunst, vor allem der Fotografie. Aber auch solche außerhalb des Fernsehens ins Auge fallenden Bilder bleiben nicht in ihrer eigenen Welt. Sie wirken auf diejenigen ein, die Fernsehen machen, worunter sich jederzeit auch Künstler finden. Damit übernimmt das Fernsehen als eine Institution der Gesellschaft, in welcher Einstellungen und Moden, Trends und Tendenzen nur selten generiert, aber immer umfassender sichtbar gemacht oder verstärkt werden, eine öffentliche Aufgabe. Das Fernsehen bewahrt und bringt vieles zurück, was andernfalls verlorenginge, weil es in der Alltagserfahrung marginalisiert wird, aus den Augen gerät und scheinbar verschwindet. Das Fernsehen (und andere Medien wie der Film) findet und erfindet dafür Bilder. Der Tod geht also nicht verloren. Er ist aus dem Alltag ausgesickert und ins Fernsehen eingesickert, Tag für Tag. Und von dort sickert er zurück in den Alltag des Fernsehens, Bild für Bild, und findet dort einen neuen Platz.

Die Rolle des Fernsehens in der Gesellschaft

Das Fernsehen, also die Autoren, die Reporter, die Kameraleute, die Redakteure, die Produzenten bestimmen über die Bilder. Das macht die Rolle des Fernsehens in einer Gesellschaft außerordentlich bedeutend, weit bedeutender, als es abfällige Begriffe wie "Kasten" oder "Pantoffelkino" oder "Glotze" ahnen lassen. Aus dieser Rolle eines Herrschers über die Bilder erwächst eine große Verantwortung. Das Fernsehen, welcher Provenienz auch immer und ob es dies will oder nicht, nimmt an einer öffentlichen Aufgabe teil. Es kann darauf nicht freiwillig verzichten, etwa aus Bescheidenheit; allenfalls aus Ahnungslosigkeit. Wenn Fernsehen heute in weitem Umfang die Todesvorstellungen in einer Gesellschaft sichtbar macht, dann muß die Gesellschaft darauf achten, daß das Fernsehen in dieser Rolle beobachtet wird, so wie es darin beobachtet werden muß, was es an Sexualität oder Gewalt sichtbar macht. Denn Mißbrauch ist jederzeit möglich.

Der Tod im Fernsehen begegnet uns in einer überschaubaren Zahl von Stereotypen. Wir sehen nicht jede Art des Sterbens, nicht jede Art von Tod. Der Tod wird überwiegend als das unnatürliche Ende des Lebens gezeigt, als Folge einer Gewalthandlung, auch einer solchen der Natur, oder als Schlußpunkt einer Krankheit. Es sind Einwirkungen von außen, die dem Leben ein Ende setzen, selten der natürliche Tod.

Sauber und geruchlos

Dieses Defizit wird ein wenig kompensiert durch das Institut der Fernsehklinik. In ihr kommt der Tod, in seinem eigenen Haus, zu uns zurück, allerdings - wie auch sonst! - sauber und geruchlos. Man wird sich nicht an diese Toten erinnern müssen, wenn sie erst optisch entsorgt sind.

Aber auch solche Veränderungen ändern nichts daran: Der Tod kommt zurück durch den Schirm hindurch, als ein Tod auf Distanz auch dort, wo seine Grausamkeit ohne Einschränkung oder Abschwächung gezeigt wird. Es ist die Distanz zwischen Schauen und Fühlen, zwischen Sehen und Begreifen, zwischen Mittelbarkeit und Unmittelbarkeit. In Klinikserien wie "Emergency Room", so kommerziell sie auch gemacht sein mögen, auch in der abgesetzten Serie "Die Anstalt", ist gleichwohl etwas davon zu spüren, wie hinter der routinierten, flapsigen, auch frivolen Behandlung von Leben und Tod die Grausamkeit des Plötzlichen, des Eingriffs von außen lauert. Der Tod zeigt sich im Fernsehen nicht in erster Linie als integraler Bestandteil einer jeden Biographie, obwohl er dies ja ohne Zweifel ist. Er bleibt in den Bildern etwas Drittes, etwas, das zum Leben hinzutritt, indem es ihm ein Ende setzt: ein additum alienum. Erst lebt man, dann stirbt man, eins nach dem anderen, sukzessiv. Und erzählt wird das am liebsten in umgekehrter Reihenfolge. Da ist nichts von einer Einheit von Leben und Tod, von der die Antiphon aus dem elften Jahrhundert weiß: "Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen." Da ist nichts von Montaigne: Philosophieren lernen heißt sterben lernen.

Erzwungene Beschleunigung

Auch der Tod zeigt sich durch mediale Abläufe erzwungen beschleunigt. Auch das ist anders als im Leben. So kennt der Zuschauer kaum noch den gewissermaßen normalen Toten. Er würde ihn also auch nicht wiedererkennen. Das hat zur Folge, daß für Bilder aus einer solchen fremden, unerlebten Welt in dem Massenmedium der Anknüpfungspunkt fehlen würde. Also bleiben sie aus. In der Regel kommen nur der Tod, nur das Sterben ins Bild, die der Zuschauer kennt. Aber er kennt sie, hier schließt sich der Zirkel, aus dem Fernsehen. Die Aufforderung des Zuschauers ans Fernsehen heißt: Zeig mir das Spiel vom Tod! Und dann: Play it again! Zeig mir den Tod, den ich kenne. Den ich aus dem Fernsehen kenne. Also den, der der Tod der anderen ist.

Doch der Tod ist keineswegs nur die Ursache für Verlustgefühle oder Trauer. Ein Toter stellt an einen Lebenden nicht nur die Frage: Was wird einmal aus mir? Der Tod im Fernsehen erfüllt zugleich eine medienspezifische Funktion. Er ist nicht nur ein Problem, er ist auch eine Lösung. Sowohl für die Berichte der Journalisten als auch für die fiktionalen Darstellungen ist der Tod in der Regel ein Faktor der Dramaturgie. Er ist also einerseits ein Trauerfall, aber andererseits oft auch ein Spiel im Spiel. Gerade am Anfang einer Geschichte, wenn alles darauf ankommt, den Zuschauer zu binden, ist der Tod ein Köder, der sich nie verbraucht.

„Ungeheure Macht des Negativen“

Die Umbettung des Todes aus der Gesellschaft in ihr Leitmedium mit der entsprechenden Präsenz ist nicht nur das Überlaufen eines unerträglichen Phänomens, der "ungeheuren Macht des Negativen" aus Hegels Vorrede zur "Phänomenologie des Geistes" hinüber in die Wellness-Zonen des Erträglichen. Der Tod ist ein bevorzugtes Mittel zum Zwecke der Unterhaltung. Derselbe Mensch, der den Tod aus seinem Leben verdrängt, kann vom Tod im Fernsehen nicht genug bekommen. Offenbar haben das Fernsehen und seine Zuschauer eine Verabredung getroffen. Das Fernsehen bietet reichlich Tod, und der Zuschauer schaut häufig hin. Das garantiert die Quote. Das Fernsehen nimmt mit dem Tod als einem Genußmittel eine Tradition auf, die durch alle Medien ging und geht, die unterhalten. Unterhaltung erlaubt es, alles Sorgen auf Zeit zu entsorgen. Wir amüsieren uns zu Tode? Es ist tatsächlich nur eine Kleinigkeit anders: Wir amüsieren uns mit dem Tod. Um ein wenig entspannter zu leben.

Der Autor ist Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. Er übernimmt dieses Jahr die Leitung des Fernsehfilmfestivals der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste in Baden-Baden. Das Stück ist die stark gekürzte Fassung eines Textes, der demnächst in dem Band "Der Tod im Leben" in der Serie Piper erscheint.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.01.2004, Nr. 19 / Seite 36
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