Home
http://www.faz.net/-gs6-si98
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Medien Protest gegen neuen Chef: „Berliner Zeitung“ mit Notausgabe

30.05.2006 ·  Aus Protest gegen die Berufung eines neuen Chefredakteurs ist die „Berliner Zeitung“ am Dienstag morgen nur mit einer zwölfseitigen Notausgabe erschienen. Die Redaktion fühlte sich durch die Entscheidung überrumpelt.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Aus Protest gegen die Berufung eines neuen Chefredakteurs ist die „Berliner Zeitung“ am Dienstag morgen nur mit einer zwölfseitigen Notausgabe erschienen. Die sonst bereits am Abend vertriebene Frühausgabe war am Montag abend gar nicht erschienen.

Die Belegschaft protestiert damit dagegen, daß der Chefredakteur und Geschäftsführer der „Hamburger Morgenpost“, Josef Depenbrock, mit sofortiger Wirkung die Nachfolge von Uwe Vorkötter angetreten hat. Die Zeitung druckt fast nur Material von Nachrichtenagenturen ab. Die Redaktion begründete die Aktion auf der Titelseite mit ihrer „Sorge über die Zukunft unserer Zeitung“. Befürchtet werde, das es zu einer „Verquickung zwischen redaktionellen und wirtschaftlichen Interessen“ und damit zu einem „Verlust journalistischer Qualität und Unabhängigkeit“ kommen werde.

„Qualität bleibt Gütesiegel“

Zudem kritisiert die Redaktion, daß die Berufung des neuen Chefredakteurs vor Abschluß eines neuen Redaktionsstatuts erfolge. In ihm soll ein Vetorecht gegen die Berufung eines Chefredakteurs verankert werden. Depenbrock soll neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur gleichzeitig in der Geschäftsführung der BV Deutsche Zeitungsholding für die redaktionellen Belange der Gruppe tätig sein. In dieser Gesellschaft haben die angloamerikanischen Investoren ihre Zeitungen in Deutschland zusammengefaßt, wie die „Berliner Zeitung“, den „Berliner Kurier“ und die „Hamburger Morgenpost“.

Hinter der Zeitungsholding stehen die angloamerikanischen Finanzinvestoren Mecom (David Montgomery) und Veronis Suhler Stevenson, sie haben den Berliner Verlag und die „Hamburger Morgenpost“ gekauft. Deren einstiger Alleinbesitzer Hans Barlach wird Herausgeber der „Morgenpost“, ebenso wie Depenbrock, der damit in der Zeitungsholding drei Jobs auf einmal übernimmt. In der Notausgabe der Zeitung betont Depenbrock, daß auch nach seiner Berufung „Qualität unser Gütesiegel“ bleibe. Dazu gehöre, daß die Redaktion ihre Sicht der Dinge auch dann darstellen dürfe, wenn dies mit „Kritik und Skepsis gegenüber Verlagsleitung und Chefredaktion verbunden“ sei.

Depenbrock ist Nachfolger von Uwe Vorkötter, der als Chefredakteur zur „Frankfurter Rundschau“ wechselt. Er freue sich sehr, daß man mit Depenbrock jemanden gefunden habe, „der mit seinem breiten Erfahrungsschatz als Journalist, Chefredakteur und Medienmanager über die Voraussetzungen verfügt, die ,Berliner Zeitung' als führende Qualitätszeitung der Hauptstadt erfolgreich weiterzuentwickeln“, teilte der Geschäftsführer des Berliner Verlags, Peter Skulimma, am Montag morgen der düpierten Redaktion mit.

Aufgeladene Stimmung

Die Redaktion der „Berliner Zeitung“ ist durch die Berufung regelrecht überrumpelt und vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Entsprechend aufgeladen ist die Stimmung. Noch in der vergangenen Woche hatte die Redaktion mit einer von 110 Redakteuren und Mitarbeitern unterschriebenen Petition an die Geschäftsführung appelliert, bei der Bestallung des neuen Chefredakteurs mitreden zu dürfen. Man solle das Protestpotential der Mitarbeiter nicht unterschätzen, hieß es drohend. Der Geschäftsführer Skulimma hatte in der Zwischenzeit durchblicken lassen, daß man die Berufung eines neuen Chefredakteurs nicht übers Knie brechen müsse.

Doch es kam anders und war anders geplant. Die Eigentümer des Berliner Verlags, die erkennbar kein Interesse an der Mitbestimmung der Mitarbeiter haben, haben schnell Fakten geschaffen und die Redaktion, die sich vehement gegen die Übernahme des Verlags durch die Finanzinvestoren gewehrt hatte, ausgespielt. Die Reaktion des Betriebsrats fiel entsprechend aus: Die Berufung Depenbrocks sei ein grober Vertrauensbruch und gefährde die redaktionelle Unabhängigkeit des Blattes, meinte die Betriebsratsvorsitzende Renate Gensch.

Schlechte Nachrichten für die Redaktion

Aus der Perspektive der Finanzinvestoren betrachtet dürfte die Sache genau andersrum aussehen und wie eine Ideallösung scheinen: Als Chefredakteur und Geschäftsführer in Berlin und als Herausgeber in Hamburg personifiziert Josef Depenbrock die neue Geschäftslinie quasi - die mit Sicherheit auf Synergien zwischen den einzelnen Blättern ausgerichtet ist. Am wahrscheinlichsten dürften diese zwischen der „Hamburger Morgenpost“ und dem zum Berliner Verlag zählenden Boulevardblatt „Berliner Kurier“ zu erbringen sein. Für die Redaktionen sind das schlechte Nachrichten.

Der neue Chefredakteur der „Hamburger Morgenpost“, heißt es noch, soll „zeitnah“ berufen werden. Uwe Vorkötter tritt seinen Job bei der „Frankfurter Rundschau“ am 1. Juli an. Dort wiederum laufen die Verhandlungen über einen neuen Mehrheitsgesellschafter auf hohen Touren, in Rennen sollen noch die Verlage Holtzbrinck, Madsack und DuMont Schauberg sein.

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa / miha. / F.A.Z., 30.05.2006, Nr. 124 / Seite 40
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr 2