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Medien Ein unkontrolliertes Experiment

15.07.2004 ·  Der "Frauentausch" sorgt weltweit für Aufregung und Quote, RTL wartet heute mit einer vergleichsweise harmlosen Variante auf.

Von Stefan Niggemeier
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Hinterher wird sich der Heinz geärgert haben, daß er bei diesem Frauentausch mitgemacht hat, aber in dem Moment, als ihm dies klar wurde, waren die Fernsehleute schon wieder abgereist. Die letzte Szene, die wir sehen, ist, wie Heinz seiner Jutta um den Hals fällt und Stefanie ihrem Ralf und alle glücklich sind, mit ihren Lieben wieder vereint zu sein. Die Woche davor waren sie getrennt, weil die Frauen in der Familie des anderen Mannes lebten, als Teil eines "Experiments", wie RTL seine neue Sendung "Ich tausche meine Familie" nennt (die intern, analog zu "GZSZ" und "DSDS", unter der freundlichen Bezeichnung "ITMF" läuft).

Für Heinz war die Vorfreude auf das Wiedersehen vermutlich am größten, denn Stefanie, seine Tauschfrau auf Zeit, hatte überhaupt keine Lust, in seiner Frittenbude in Duisburg zu stehen, "Pommes Spezial" über den Tresen zu reichen, Zwiebeln, Tomaten und Gurken zu schälen und mit dem schwergängigen "Frittentaxi" Bestellungen nach Hause zu liefern.

Vergleichsweise harmlos

Die Jutta hat das immer klaglos gemacht, bis zum Umfallen, und zwischendurch noch den Haushalt zu Hause, was für Heinz natürlich ganz praktisch war. Was Heinz im Moment des Wiedersehens noch nicht wußte: In der Woche, in der sie weg war, hat Jutta mit Hilfe ihres Tauschmannes einige Dinge entdeckt: Daß sie gut aussieht, wenn sie sich schminkt. Daß sie ruhig mal enge Jeans tragen kann. Und daß Arbeit nicht alles ist im Leben. Vor der Abreise zurück in ihre alte Umgebung sagte sie noch: "Ich werde ein Stück Richtung für mich finden", und: "Heinz wird sich ändern müssen.

Der arme Heinz. Schade, daß wir das nicht mehr sehen, wenn er merkt, welche Auswirkungen diese kleine Fernsehsendung auf sein Leben haben wird. So ist das bei "Experimenten": Man weiß vorher nicht, was dabei rauskommt. Auch nicht in dieser vergleichsweise harmlosen Variante des Frauentausch-Konzeptes, die RTL von heute an siebenmal zeigt. Das schlimmste an der ersten Konstellation ist schon, daß Stefanie ausdrücklich gesagt hatte, daß sie ein bißchen geruchsempfindlich sei, und nun ausgerechnet in der Frittenbude arbeiten sollte. Das ist für den Schwestersender RTL 2 vergleichsweise Kindergarten.

Kontrolliertes Experiment

Dort läuft die Sendung unter dem Titel "Frauentausch" seit eineinhalb Jahren mit zunehmendem und inzwischen außerordentlichem Erfolg. Die Auswahl der gezeigten Szenen ist krasser, die Paarungen sind von deutlich größerer Brisanz: wenn etwa eine Frau vom Land, die in Städten nicht atmen kann, in eine Plattenbausiedlung im Osten Berlins verschickt wird und von ihrem Tauschmann mit unnachgiebiger Strenge verdonnert wird, mit drei kleinen Kindern in öffentlichen Verkehrsmitteln quer durch die Stadt zu fahren, um in einem Second-hand-Laden einzukaufen.

Das Prinzip bei RTL 2: Schicke die am fiesesten tätowierte lesbische Punkbraut zu dem reaktionärsten Oberspießer, und richte alles drum herum darauf ein, daß es sofort knallt und die Schreierei nicht erst nach dem zweiten Werbeblock beginnt. Da ist vieles geplant und kalkuliert, doch um ein kontrolliertes Experiment handelt es sich nicht. Wenn Kinder dazwischensitzen, wenn sich die Erwachsenen anbrüllen oder Schläge androhen, sitzen halt Kinder dazwischen. Und wenn einer der Beteiligten in Tränen ausbricht, ist das nicht blöd gelaufen, sondern gehört zum Pflichtrepertoire. Wenn nicht spätestens nach drei Tagen eine der Frauen zusammenbricht, weil sie mit ihrem Tauschmann nicht kann, die Kinder sie nicht mögen oder sie einfach das alles nicht mehr aushält, ist etwas schiefgelaufen bei der Produktion.

Mulmiges Gefühl

Die RTL-2-Variante ist harmlos im Vergleich zu dem, was der kleine österreichische Privatsender ATV plus aus dem Format gemacht hat. Fast ausschließlich vom Rand der Gesellschaft rekrutiert er seine Kandidaten und zeigt die Abgründe, die sich dort auftun - ungefiltert und unkommentiert. Bisheriger Höhepunkt war eine Sendung, in der die Mütter einer türkischen und einer rassistischen österreichischen Familie tauschten. Die Türkin wurde vor der österreichischen Familie beschimpft, ihre Familie zu Hause derweil von der österreichischen Mutter. Begriffe wie "Kanakenhütte" und "Drecksau" fielen.

Der Sender verwies darauf, daß es kein Drehbuch gebe und die Redaktion "bewußt nicht eingreift": "Die Protagonisten sprechen in ihrer gewohnten Sprache." Vermutlich macht nicht die Künstlichkeit des Experiments, sondern genau dieses Abbild der verdrängten Realität das mulmige Gefühl aus, das sich beim Betrachten der Sendung in all ihren Formen einstellt - alles verpackt in einen Rahmen, der allein der Unterhaltung, nicht der Dokumentation verpflichtet ist.

Trashige Familiendramen

Auch in Großbritannien, wo das Format unter dem Titel "Wife Swap" erfunden wurde, sorgt es für Diskussionen über die Ethik einer solchen Sendung, vor allem aber für hervorragende Quoten. Das Konzept ist derzeit eines der erfolgreichsten weltweit: Vom Herbst an wird auch in den Vereinigten Staaten eine Version laufen, dort hat das Network ABC die Rechte erworben. In Deutschland bastelt Kabel 1, das gerade mit seiner Identität hadert und gerne RTL 2 wäre, an einer eigenen Variante; Pro Sieben sitzt an einem "Urlaubstausch", und auf RTL 2 wird der "Frauentausch" vom Herbst an sogar täglich eine halbe Stunde lang am Vorabend laufen - dann ist eine Woche lang die Entwicklung eines einzigen Frauentausches zu sehen, was nicht nur eine neue Dramaturgie in die Geschichte bringt, sondern auch das Format noch günstiger macht. Selbst das ZDF hat schon die Flexibilität der Idee erkannt und am Donnerstag vergangener Woche erstmals Thomas Gottschalk den Platz eines normalen Familienvaters einnehmen lassen, was ebenso harmlos wie unterhaltsam war. Die Zuschauerresonanz war ordentlich, mehrere weitere Ausgaben sind geplant.

Tresor TV, die Produktionsfirma von "Ich tausche meine Familie", die auch "Gottschalk zieht ein" herstellt, hatte von RTL den Auftrag bekommen, eine deutlich weniger kontroverse "Wife Swap"-Version als die von RTL 2 zu drehen - auch um die Werbewirtschaft nicht zu verschrecken, die solchen Formaten immer noch skeptisch gegenübersteht. Es muß ein echtes Dilemma gewesen sein: Ein Jahr lang ließ RTL die Folgen ungesendet im Schrank liegen und schaute zu, wie RTL 2 das Format in Deutschland etablierte. "Ich tausche meine Familie" ist weniger grenzwertig, aber auch weniger spannend als "Frauentausch". Dessen trashige Familiendramen üben einen ganz anderen Sog aus - so beunruhigend der auch sein mag.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.07.2004, Nr. 163 / Seite 40
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