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Medien Die Kamerateams warteten schon

21.05.2004 ·  Ein unerfreuliches Jubiläum der Fernsehgeschichte: Wie mit einer Schießerei in Los Angeles im Mai 1974 das Fernsehen sich erstmals live auf die Spur des Verbrechens setzte.

Von Katja Schmid
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Ungeschönt und voller Wucht. Kaum etwas wirkt stärker als Live-Bilder. Vor allem wenn der Inhalt grausam und ekelerregend ist. Nicht nur Fernsehsender, auch Terroristen wissen das seit langem. Die Anschläge auf das World Trade Center waren der bisherige Gipfel der medialen Inszenierung von Gewalt, die zweite Passagiermaschine wurde vor laufenden Kameras in den Südturm gelenkt und brachte Tausenden den Tod. Die Täter konnten davon ausgehen, daß achtzehn Minuten nach dem Einschlag der ersten Maschine in den Nordturm zahlreiche Kameras auf die Twin Towers und damit auch auf den Südturm gerichtet sind.

Die Allgegenwärtigkeit von Kameras, die sendefähiges Material liefern, ist eine Entwicklung, die sich bereits in den sechziger Jahren anbahnte. Vor dreißig Jahren genau - am 17. Mai 1974 - führte sie zur ersten Live-Übertragung eines gewalttätigen Geschehens. Ein Jubiläum der Fernsehgeschichte, das wenig Anlaß zur Freude gibt. War doch der Auslöser eine Schießerei sondergleichen, bei der mehr als vierhundert Polizisten stundenlang ein Versteck der Symbionese Liberation Army (SLA) unter Beschuß nahmen. Mitten in Los Angeles in einem Wohnviertel, das nur zum Teil geräumt werden konnte, weil die Bewohner sich weigerten, ihre Häuser zu verlassen.

Zweistündiges Feuergefecht ohne Werbeunterbrechungen

Wie durch ein Wunder kamen nur jene sechs Terroristen ums Leben, die sich verbarrikadiert hatten. Der Rest der Nation erlebte den Kugelhagel vor dem Bildschirm. Denn übertragen wurde das rund zweistündige Feuergefecht von allen großen Sendern, und zwar ohne Werbepausen und andere Unterbrechungen. Eine einschneidende Seh-Erfahrung für die Fernsehnation, die bis dahin nur sorgfältig geplante Live-Bilder zu sehen bekommen hatte.

Rechtzeitig vor Ort waren die Teams, weil sie - wie in den Vereinigten Staaten bis heute üblich - den Polizeifunk abhörten und mitbekamen, daß sich etwas zusammenbraute. Unter den Zuschauern befand sich auch die Verleger-Tochter Patricia Hearst, die am 4. Februar 1974 von der SLA entführt worden war. Das Pikante an ihrer Situation: Die damals Neunzehnjährige nannte sich zum Zeitpunkt der Schießerei "Tania" und war Mitglied der Symbionesischen Befreiungsarmee geworden, die sich als Truppe von Robin Hoods Gnaden gerierte und aus diesem Grund von Pattys Vater, dem Medienmogul Randolph Hearst, kein Lösegeld, sondern Nahrungsmittelspenden für Arme im Wert von mehreren Millionen Dollar forderte.

„Tod dem faschistischen Insekt“

Die Geschichte der SLA ist recht kurz. Nur rund zwei Jahre lang war die selbsternannte Befreiungsarmee aktiv und hatte kaum mehr als ein Dutzend Mitglieder. Um so gewalttätiger waren die Aktionen der gemischtrassigen Truppe unter der Losung "Tod dem faschistischen Insekt, das sich vom Leben des Volkes ernährt". Gegründet wurde die SLA im August 1973 von Polit-Aktivisten und Berkeley-Studenten. Im November 1973 erschoß die SLA den farbigen Schulleiter Marcus Foster. Angeblich, weil er Ausweise einführen wollte, welche die Schüler von Oakland stets bei sich tragen sollten - tatsächlich war Foster dagegen.

Am 4. Februar wurde Patty Hearst aus ihrem Apartment in Berkeley entführt. Die Aktion machte die Terrorgruppe schlagartig berühmt. Die Millionenerbin wird fünfzig Tage lang in einem Kleiderschrank gefangengehaltenund vom Anführer der Gruppe, Donald "Cinque" DeFreeze, als Vertreterin der Ausbeuterklasse beschimpft. Später bekommt sie mehr Freiheiten - und wird die Geliebte von SLA-Mitgründer William Wolfe. Am 3. April 1974 hat sie sich vollständig verwandelt: Auf einem Tonband gibt Patty Hearst alias "Tania" ihren Eintritt in die SLA bekannt. Um der Öffentlichkeit das neue Ich zu präsentieren, posiert sie mit schwarzem Käppi und Maschinenpistole vor dem Banner der SLA, einer siebenköpfigen, gewundenen Schlange. Zwölf Tage später nimmt sie an einem Überfall auf die Hibernia Bank in San Francisco teil. Auf den Bildern der Überwachungskamera ist die bewaffnete Patricia Hearst deutlich zu erkennen. Vor Gericht wird sie behaupten, sie sei einer Gehirnwäsche unterzogen worden.

Von Bill Clinton vollständig begnadigt

Nach der Polizeiaktion vom 17. Mai 1974 verstecken sich die überlebenden SLA-Mitglieder an wechselnden Orten. Erst im September 1975 wird Patty Hearst zusammen mit dem Ehepaar Harris verhaftet. Das Gericht verurteilt Hearst zu sieben Jahren Gefängnis. Knapp zwei Jahre später kommt sie auf Betreiben des damaligen Präsidenten Jimmy Carter frei. Im Januar 2001 wird sie von Bill Clinton vollständig begnadigt, kurz vor Ende seiner Amtszeit. Für die restlichen Mitglieder der SLA laufen die Dinge weniger günstig. Das Ehepaar Harris verbringt acht Jahre im Gefängnis und wird im Februar 2003 zusammen mit weiteren ehemaligen SLA-Mitgliedern erneut verurteilt. Diesmal wegen des Mordes an Myrna Opsahl bei einem Banküberfall im April 1975.

Daß die Akten wieder geöffnet wurden, lag nicht zuletzt an den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Bis zum heutigen Tag hat Amerika die Bedrohung von innen nicht verwunden, und nach den Anschlägen auf das World Trade Center brachen die alten Wunden wieder auf. Besonders hart bestraft wurde Kathleen Soliah, die bis zu ihrer Ergreifung im Jahre 1999 unter dem Namen Sara Jane Olson ein Leben als Hausfrau und Mutter führte. Im Februar 2003 wird sie zu insgesamt zwanzig Jahren Haft verurteilt.

Die Menschen hinter den Taten

Den Filmemacher Robert Stone haben Aufstieg und Niedergang der SLA schon seit Jahren fasziniert. Doch erst, als er auf bislang unbekanntes Filmmaterial stieß, wagte er sich an das Projekt. In seinem Dokumentarfilm "Guerrilla: The Taking of Patty Hearst", der auf der Berlinale 2004 zu sehen war und Ende des Jahres im US-amerikanischen Kino anläuft, läßt Stone einige der Protagonisten von damals zu Wort kommen und zeichnet mit einer Fülle an Material die Entwicklung der SLA nach. Obwohl Stone keinerlei Sympathien für die Terroristen hegt, gelingt es ihm, die Menschen hinter den Taten greifbar zu machen.

Eine der Schlüsselszenen im Film ist die Schießerei vom 17. Mai 1974. Ermöglicht wurden die ungewohnten Bilder seinerzeit durch tragbare Fernsehkameras, die den Reportern größere Freiheiten vor Ort einräumten. Zusätzlich wurde, wie damals üblich, auf sechzehn Millimeter gedreht. Dieses Material jedoch mußte vor der Ausstrahlung entwickelt werden, so daß es, wenn überhaupt, erst bei späteren Aussendungen zum Einsatz kam. Ein Großteil der Filme wurde vernichtet, als die Sender auf Video umstiegen und ihre Archive entrümpelten. Robert Stone kombiniert in seiner Dokumentation Video- und bislang unbekanntes Sechzehn-Millimeter-Material, das er aufgespürt hat.

Freilich gab es schon vor dem 17. Mai 1974 Live-Berichte. Allerdings waren diese auf die eine oder andere Weise weit im voraus geplant - wie anläßlich der Landung auf dem Mond im Juni 1969. Und selbst wenn es vor laufenden Kameras zu unvorhergesehenen Ereignissen kam - wie bei der Ermordung Lee Harvey Oswalds durch Jack Ruby im November 1963 -, so rechnete dort der Täter auf die Bilder seiner Tat. Die Berichterstatter warteten ja auf Oswalds Verlegung in ein anderes Gefängnis.

Eindämmung des ungefilterten Live-Berichts

Inzwischen sind Live-Bilder kaum mehr wegzudenken aus dem Fernsehgeschehen. Der Nachrichtensender CNN huldigt dem Genre und hat mit der Fokussierung auf Aktuelles in Echtzeit Sender in aller Welt beeinflußt, nicht zuletzt den arabischen Nachrichtensender "Al Dschazira". In letzter Zeit jedoch ist eine Eindämmung des ungefilterten Live-Berichts zu beobachten. Und zwar längst nicht nur bei der Kriegsberichterstattung, die von "eingebetteten" und damit irgendwie eingebundenen Korrespondenten maßgeblich bestritten wird, sondern auch in der Unterhaltung.

Um Peinlichkeiten wie die entblößte Brust von Janet Jackson künftig zu vermeiden, sind Sender nämlich dazu übergegangen, Live-Übertragungen geringfügig zeitversetzt zu senden. Auf diese Weise lassen sich Skandale von vornherein vermeiden, so die Überzeugung. Tatsächlich jedoch zeigt die Diskussion um die unterdrückten Folterbilder aus dem Militärgefängnis Abu Ghraib, daß Skandale nicht vermieden werden, indem man die Existenz von Bildern negiert. Ob und in welchem Umfang man diese jedoch veröffentlichen soll, ist eine andere Frage. Dem bewußten Kalkül mit dem Schrecken, den die verfilmte Gewalt auslöst, entkommt heute niemand mehr.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.05.2004, Nr. 118 / Seite 43
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