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Medien Die Höhe der Absätze spielt keine Rolle

28.08.2005 ·  Die Vorbereitungen für amerikanische Fernsehduelle sind akribisch und folgen sehr viel strikteren Regeln als die deutschen. Doch nicht zuletzt Bushs Wiederwahl hat gezeigt: Wer ein Duell gewinnt, der gewinnt noch lange nicht die Wahl.

Von Matthias Rüb
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Was hatten die selbsternannten Fachleute nicht alles gewußt im Herbst der amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2004: John Kerry habe bei den drei Fernsehdebatten gegen George W. Bush mindestens einen Zwei-zu-Eins-, möglicherweise auch einen Drei-zu-Null-Sieg errungen.

Der leichte Vorsprung des Amtsinhabers vor seinem Herausforderer vom Sommer sei dahingeschmolzen, Kerry liege nunmehr, zwei Wochen vor dem Wahltermin am 2. November, in Front, und sollte es tatsächlich zum Machtwechsel im Weißen Haus kommen, würde es zu einem guten Teil an den direkt übertragenen Rededuellen vor den Augen und Ohren von Millionen Amerikanern an den Bildschirmen gelegen haben.

Waren die Debatten überflüssig?

Bekanntlich ist es dann doch nicht zum Machtwechsel gekommen, sondern zu einem recht klaren Wahlsieg Bushs über Kerry mit etwa drei Millionen Stimmen Vorsprung - auch wenn es im Bundesstaat Ohio zunächst nach einer Hängepartie mit ungewissem Ausgang ausgesehen hatte. Waren die drei Fernsehdebatten der Präsidentschaftskandidaten und das zusätzliche Rededuell vor den Kameras der Vizepräsidentschaftskandidaten Dick Cheney und John Edwards also unwichtig, gar überflüssig?

Dagegen spricht schon der Umstand, daß sich die politischen Lager mit geradezu wissenschaftlicher Akribie auf die Rededuelle vorbereitet hatten. Die Fernsehdebatten fanden am 29. September an der Universität von Miami in Coral Gables, am 8. Oktober an der Washington-Universität von St. Louis im Bundesstaat Missouri sowie am 13. Oktober an der Arizona State University in Tempe statt. Dick Cheney und John Edwards saßen sich in Cleveland im Bundesstaat Ohio für anderthalb Stunden gegenüber. Themen bei der ersten Debatte waren die Außenpolitik und der Heimatschutz, bei der zweiten Debatte vom 8. Oktober wie beim Aufeinandertreffen der running mates Cheney und Edwards war der Themenkreis nicht festgelegt und in Tempe beim letzten Duell ging es vor allem um wirtschaftliche Fragen und um die Innenpolitik.

Kontrolle nicht abtreten

Bush und Kerry hatten sich samt ihren Beraterstäben intensiv auf die Debatten vorbereitet und die öffentlichen Wahlkampfauftritte vor den Fernsehdebatten auf ein Minimum reduziert. Präsident George W. Bush setzte sich mit Senator Judd Gregg aus New Hampshire auseinander, der in einem Probeduell die Rolle Kerrys spielte. Der Herausforderer John Kerry wiederum probierte mit dem Washingtoner Anwalt Greg Craig, der seinerseits den Präsidenten gab. Die Wahlkampfteams der Amtsinhaber und der Herausforderer hatten sich zuvor nach wochenlangen zähen Verhandlungen auf ein 32 Seiten starkes Memorandum geeinigt, in welchem Ablauf und Regelwerk für die jeweils anderthalbstündigen Fernsehdebatten bis in jede Einzelheit festgelegt worden waren.

Anders als in Deutschland, wo die Redaktionen der öffentlich-rechtlichen und der privaten Fernsehsender selbst die Regie bei den Fernsehdebatten führen und auch die Moderatoren bestellen, übernimmt diese Aufgabe in den Vereinigten Staaten eine 1987 eigens gegründete unabhängige Kommission. Diese ließ sich bei der Vorbereitung der Debatten im vergangenen Jahr nicht von den Wahlkampfstäben der Kandidaten dazu überreden, daß die vier Moderatoren der einzelnen Debatten - respektierte Journalisten dreier privater Sender und des öffentlich-rechtlichen Fernsehkanals PBS - das Dokument ebenfalls unterzeichneten: Sie wollte die Kontrolle über das Verfahren bei den Fernsehduellen nicht an die Wahlkampfteams abtreten.

Keine Schweißperlen erlaubt

In dem Schriftstück wurde unter anderem festgelegt, daß die beiden Kandidaten nicht hinter ihrem Stehpult hervortreten und auch keine direkten Fragen an ihren Gegner richten - nur rhethorische Frage waren erlaubt. Es gab keine Stellungnahme zu Beginn, dafür ein zweiminütiges Schlußstatement jedes Kandidaten. Notizen, Dokumente oder gar Schaubilder waren nicht erlaubt, es durften keine Aufzeichnungen während der Debatte gemacht werden. Personen im Publikum durften nicht direkt angesprochen oder befragt werden.

Film- und Tonaufnahmen von den Debatten, die zur besten Sendezeit direkt von den wichtigsten Sendern übertragen wurden, durften hernach nicht für Wahlkampfzwecke eingesetzt werden. Wer die erste Frage beantworten und wer als letzter seine Schlußbemerkung zu machen hatte, wurde durch das Los entschieden. Und die veranstaltenden Universitäten hatten dafür Sorge zu tragen, daß in der Halle oder Aula die Temperatur trotz Scheinwerferlichts in etwa konstant blieb, auf daß den Kandidaten nicht der Schweiß auf die Stirne trete oder gar sichtbar das Oberhemd färbe.

„Geht es Ihnen heute besser als vor vier Jahren?“

Die Moderatoren hatten dafür Sorge zu tragen, daß beide Kandidaten in etwa die gleiche Redezeit bekamen. Außerdem hatten sie die Kandidaten darauf hinzuweisen, wenn ihre Redezeit - in der Regel zwei Minuten pro Antwort - abgelaufen war. Zusätzlich erhielten die Kandidaten Lichtzeichen, die auch für die Fernsehzuschauer erkennbar waren, wenn sich ihre Redezeit dem Ende zuneigte. Die Stehpulte, hinter welcher die Kandidaten während der Debatte standen, hatten exakt die gleiche Höhe, keiner der Kandidaten durfte Schuhe mit besonders dicken Sohlen oder hohen Absätzen tragen, um etwa größer als der Gegner zu erscheinen.

Die Vorbereitungen für die Fernsehduelle in Amerika sind mit gutem Grund so akribisch, die starren Regeln haben ihren mit Sinn. Denn in der mittlerweile mehr als vierzig Jahre währenden Geschichte der Fernsehdebatten gab es immer wieder Augenblicke, die für den weiteren Verlauf des Wahlkampfes und die Wahlen mitentscheidend waren. Präsident Richard Nixon war 1960 schlecht rasiert und transpirierte, was ihn im Vergleich zum jugendlichen, glattrasierten John F. Kennedy ins Hintertreffen brachte. Denkwürdig ist zudem die Schlußsentenz, mit welcher Ronald Reagan bei seiner Debatte mit Jimmy Carter 1980 den entscheidenden Schlag führte: „Geht es Ihnen heute besser als vor vier Jahren?“

Bisher unerreichter Zuschauerrekord: 81 Millionen

Präsident Bush der Ältere wurde 1992 von der Kamera beim Blick auf seine Armbanduhr ertappt, was den Eindruck der patrizischen Realitätsferne verstärkte und dem energischen Herausforderer Bill Clinton weitere Vorteile brachte. Der denkwürdigste Augenblick der Debatten zwischen Vizepräsident Al Gore und George W. Bush im Jahr 2000 war das ungeduldige Kopfschütteln und das vernehmliche Seufzen Gores angesichts der „törichten“ Einlassungen Bushs - was das Bild vom arroganten, kalten Gore und vom bescheidenen, leutseligen Bush festigte.

Die erste Debatte zwischen Bush und Kerry Ende September 2004 verfolgten etwa 65 Millionen Zuschauer - das waren weit mehr als die 47 Millionen beim ersten Duell zwischen Gore und Bush vier Jahre zuvor, aber weniger als beim bisher unerreichten Zuschauerrekord von fast 81 Millionen bei der Debatte Reagan gegen Carter 1980. An diesem Trend läßt sich zweierlei ablesen. Die Wahlen vom vergangenen Jahr waren zum einen so heftig umkämpft wie lange nicht, und beide Lager vermochten ihre Anhänger und Wähler beispiellos zu motivieren - zum Debattenschauen ebenso wie zum Wählen: Mehr als 120 Millionen Amerikaner gaben bei den Wahlen vom 2. November ihre Stimme ab, so viele wie nie zuvor. Auch die prozentuale Wahlbeteiligung von 59 Prozent war für amerikanische Verhältnisse hoch, wobei sie in den besonders umkämpften „Schlachtfeldstaaten“ sogar Werte von mehr als 65 Prozent erreichte.

Eigentlich schon gut vertraut

Andererseits ist ein Kandidatenduell im Fernsehen heute nicht mehr ein so bemerkenswertes Spektakel wie noch vorfünfundzwanzig Jahren - beim Superbowl-Finale um die amerikanische Football-Meisterschaft 2004 waren mehr Zuschauer dabei als beim Gladiatorenkampf der Präsidentschaftskandidaten vor der allenthalben beschworenen „Schicksalswahl“. Und anders als von den selbsternannten Fachleuten vorausgesagt (nach dem angeblich klaren Sieg John Kerrys bei den Fernsehdebatten) gab es bis zum Wahltag keine Trendumkehr - George W. Bush wurde im Amt bestätigt.

Die Zweikämpfe in Amerika, die Debatten der Spitzenkandidaten der Parteien in Deutschland im Fernsehen sind gewiß wichtig in unserer Epoche der „Mediendemokratien“ - aber so wichtig nun auch wieder nicht. Längst nämlich sind die Kandidaten, ihre Positionen und ihre Sentenzen, ihre Haartracht und ihre Kleidung, ihre Mimik und ihre Gestik fast schon bis zum Überdruß bekannt. So gut ist man mit Angie und mit Gerhard, mit George W. und mit John zumal aus dem Fernsehen vertraut, daß eine entscheidende Fernsehdebatte eben nichts mehr entscheidet.

Quelle: F.A.Z., 29.08.2005, Nr. 200 / Seite 36
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