21.11.2005 · Ist Ballack wichtiger als Benedikt XVI.? „Star-Control“, das neue „Wichtigkeits-Barometer“ der „Bunten“, weiß die Antwort. Mehrfach täglich wird eine aktuelle Online-Rangliste der Medienpräsenz erstellt.
Von Jörg ThomannAngela Merkel liegt vorne, ganz knapp vor Franz Müntefering. Edmund Stoiber schlägt George W. Bush. Kofi Annan muß sich Peer Steinbrück beugen, liegt aber einen Platz vor Michael Ballack. Benedikt XVI. wiederum ist an Jürgen Rüttgers vorbeigezogen. In der aktuellen Rangliste belegt der Papst Platz dreiundzwanzig.
Womit wir nun erstmals ganz genau wissen, wer „Deutschlands wichtigste Menschen“ sind. Jene nämlich hat die „Bunte“ durch ihr „Star-Control“ getauftes „Wichtigkeits-Barometer“ ermittelt, das soeben auf ihrer Website freigeschaltet wurde und sich mehrmals täglich aktualisiert.
Woran aber mißt ein Medium wie die „Bunte“ die Bedeutung eines Menschen? An seiner Medienpräsenz natürlich: Eine eigens entwickelte Software errechnet, wie oft die mehr als 10.000 Leute, die in der Liste auftauchen, in den aktuellen Berichten von Online-Medien und Weblogs erwähnt werden. Als modernes Meßinstrument der Aufmerksamkeitsökonomie läßt das neue Online-Barometer das Personenregister der gedruckten „Bunten“ alt aussehen - und bietet nicht nur passionierten Nach-sich-selbst-Googlern eine frische Spielwiese, die man so schnell nicht verläßt.
Futter für Medienkritiker
Nebenbei liefert die „Bunte“ auch der Medienkritik feinstes Futter. Klärt hier doch ein Medium höchstselbst darüber auf, wen Journalisten bedeutend finden - und das ist nicht, wie in grauer Vorzeit, gleichzusetzen mit respektabel. Wenn die Rubrik „Mode“ mit großem Abstand Kate Moss anführt, wenn in der „Wirtschaft“ Peter Hartz auf einem stolzen dreizehnten Platz liegt, wenn es eine Kategorie „Society“ gibt, in der sich, wer Pech hat, zwischen Paris Hilton, Claudia Effenberg und Katie Price wiederfindet, dann ahnt man, daß in dieser modernen Wirtschaftswunderwelt selbst schlechte Presse eine harte Währung ist.
Die mediale Selbstkritik auf die Spitze treibt die „Bunte“ aber dadurch, daß sie auch ihre eigene Chefredakteurin Patricia Riekel auflistet. Noch während wir an diesem Text schreiben, ist sie um 186 Plätze auf Rang 2877 abgestürzt. Hoffen wir für sie, daß „Star-Control“ ein schönes Medienthema wird.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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