04.05.2005 · Köln galt einst als der aufstrebende Medienstandort in Deutschland. Doch die hochfliegenden Pläne haben sich nicht erfüllt. Sagt Harald Schmidt, Medienschaffender in der Domstadt, im Interview.
Köln galt einst als der aufstrebende Medienstandort in Deutschland. Doch die hochfliegenden Pläne haben sich nicht erfüllt. Sagt Harald Schmidt, Medienschaffender in der Domstadt.
Herr Schmidt, seit 15 Jahren wohnen und arbeiten Sie in Köln und betreiben hier mittlerweile auch Ihr eigenes Studio. Was reizt Sie so am Medienstandort Köln?
Vor allem die Lage. Die Stadt hat eine hervorragende Anbindung: Flughafen, ICE-Bahnhof, Autobahnen - alle Wege führen nach Köln.
Mehr hat der Standort nicht zu bieten?
Außer der Philharmonie und dem Museum Ludwig reizt mich kulturell hier nichts. Köln hat ja teilweise schon etwas Drittwelthaftes, überall Schlaglöcher, es versifft immer mehr. Aber ich bekomme von der Stadt auch ehrlich gesagt nicht viel mit.
Warum?
Ich gehe ja so gut wie nie aus hier. Es gibt eigentlich nur zwei Restaurants in Köln, wo man gut essen kann. Aber da sitzen alle diejenigen, die man gerade nicht sehen will, meist Konkursmasse aus der Führungsetage von abgewickelten Sendern. Davon halte ich mich fern, das zieht mich irgendwie runter. Deswegen ist die Stadt für mich im Prinzip bloß eine Autobahnabfahrt mit Schlafgelegenheit.
Das dürfen Sie keinem Kölner sagen.
Doch, das sage ich. Die meisten sind dann beleidigt und rennen zu ihrem Zweitligafußball. Auf eine gewisse Weise genieße ich es aber trotzdem, in Köln zu leben. Die Stadt ist leicht zu händeln.
Was meinen Sie damit?
Wenn eine Region ein hohes Tempo vorgibt und ein kultureller Höhepunkt den nächsten jagt, muß man schließlich auch selbst gucken, wo man bleibt. In Köln ist das anders, hier kann ich mich ohne Hast bequem entwickeln. Man hat hier alle Möglichkeiten.
Auch im Medienbereich?
Gerade dort! Abgesehen von den technischen Berufen, braucht man ja für fast nichts eine abgeschlossene Berufsausbildung. Gagschreiber werden Sie heutzutage doch schon, wenn Sie eine Pizza ausfahren und zufällig wie Jack Nicholson gucken können oder zwei lustige Sprüche draufhaben.
Das klingt simpel.
Nun gut, Sie sollten schon noch eine Umhängetasche und eine Trainingsjacke besitzen, damit man Sie als Medienschaffenden erkennt. Es gibt genügend Produktionsfirmen, die sich dann um Sie reißen. Davon wimmelt es hier in Köln ja geradezu. Häufig trifft man dann auf Chefs, die mit schwerer Hornbrille und stoppelig rasiertem Gesicht bedeutend in die Runde gucken. Nach den phantastischen Homepages der Firmen hat es den Anschein, als produzierten sie bald den zweiten Teil von Titanic.
Noch ein Untergang?
Zumindest für die Unternehmen selbst. Denn wer weiß schon, wie es trotz des glorreichen Scheins bei ihnen mit Umsatz und Rendite aussieht? Aber sie sind in bester Gesellschaft: Ich kenne mittlerweile viele Aussteiger, die hierher gekommen sind, „weil die Atmosphäre so toll ist“. Langsam befürchte ich, daß es ein sicheres Zeichen für einen Karriereknick - wenn nicht sogar für das Karriereende - ist, wenn es heißt: Der will nach Köln.
Wie läßt sich der Standort denn wieder aufmotzen?
Schwer zu sagen. Vielleicht müßte die Regierung sich stärker einmischen. Als es um die Auflösung von Viva und die Fusion mit MTV ging, hat ja sogar unsere Landesmediendomina Miriam Meckel (Staatssekretärin für Europa, Internationales und Medien; die Red.) versucht zu intervenieren und mit Frequenzentzug gedroht. Wenn die Unternehmen nicht spuren, muß eben der Staat eingreifen. Als alter Kommunist finde ich das toll! Gebracht hat es am Ende aber leider nicht so viel.
Dafür kommt der Nachrichtensender n-tv nach Köln.
Ja, gut. Aber mein Eindruck ist, daß die nur drei Mitarbeiter haben, die sich umschminken oder andere Perücken aufsetzen. Das wird aus dem Hinterzimmer heraus betrieben. Früher hieß so etwas doch Piratensender, wenn ich mich recht erinnere.
Hat Köln als Medienstandort also seine besten Zeiten hinter sich?
Der Zenit ist überschritten, keine Frage. Köln wird es schwer haben, zumal alle Standorte in Deutschland um funktionierende Sender und Produktionsfirmen streiten. Aber solange der WDR und RTL vor Ort sind, wird Fernsehen hier noch lange stattfinden. Ich gehe außerdem davon aus, daß zumindest die Insassen der Big Brother-Container in Köln bleiben. Vermutlich sogar als Produktionsleiter oder Senderbosse.