30.01.2005 · Wenn das die Phantasie nicht beflügelt: Springer spricht mit Saban über die Mehrheit an Pro Sieben Sat.1. Oder wird es Rupert Murdoch vielleicht doch gelingen, seinen privaten Albtraum zu beenden?
Von Michael HanfeldWenn das die Phantasie nicht beflügelt: Was wir am Samstag in einer Meldung vorsichtig als sich verdichtendes Gerücht angaben, hat sich übers Wochenende nach Recherchen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und des „Spiegels“ verdichtet: Der Springer-Chef Mathias Döpfner hat in Los Angeles mit Haim Saban, dem Haupteigentümer des Fernsehkonzerns Pro Sieben Sat.1 verhandelt, um - wie Verhandlungskreise bestätigen - dort die Mehrheit zu übernehmen.
Die Gespräche fanden auf Sabans Einladung statt, der jedoch nicht nur mit Springer spricht, sondern auch mit Rupert Murdoch, Viacom und Warner. Dabei geht es wohl um Sabans eigene wie um die Anteile der Finanzinvestoren, mit denen er vor eineinhalb Jahren zu einem Spottpreis von 525 Millionen Euro 50,6 Prozent des Grundkapitals und achtzig Prozent der Stimmrechte an Pro Sieben Sat.1 erworben hat. Zwölf Prozent der Kapitalanteile liegen bei Springer.
Ein „politischer Akt“
Es geht jedoch nicht darum - soviel scheint festzustehen -, daß Saban sich von seinem deutschen Fernsehkonzern, der 2004 ein gar nicht so schlechtes Ergebnis erzielt hat, aber an der Börse niemanden begeistert, ganz verabschiedet. „Er wird mit Pro Sieben Sat1. auf jeden Fall in der einen oder anderen Form in Verbindung bleiben“, ist zu erfahren. Was nur heißen kann, daß Saban seinen eigenen Anteil nicht ganz verkaufen und sich an sein auf den Münchner Medientagen 2003 pathetisch-unterhaltsam gegebenes „Versprechen“ halten wird, daß er die Sender nicht mal eben schnell kauft und dann wieder verkauft. Abgesehen davon hat er in der „New York Times“ bekannt, daß er sein Investment in Deutschland auch als politischen Akt sieht, mit Blick auf Israel und die Bedeutung der Beziehungen dieses Landes zu Israel. Das klang durchaus nach politischer Mission.
Doch es können ja auch die Investmentbanker sein, die Saban mit ins Boot geholt hat, die für Bewegung sorgen. Es könnte sich bei den Gesprächen aber selbstverständlich auch um eine jener grandiosen Finten handelt, für die Saban bekannt ist. Denn erinnern wir uns: Wie er Pro Sieben Sat.1 seinerzeit im Sommer 2003 im zweiten Anlauf nachgeworfen bekam, nachdem er die Bücher geprüft und scheinbar zurückgezogen hatte - das war ausgebuffte Zockerei auf hohem Niveau, die selbst die großen Spieler in diesem Lande verblüffte.
Das Ende eines privaten Albtraums
Wenn aber Springer jetzt bald oder mittelfristig zum Zuge kommt, stellt sich die Frage, wie der Vorstandschef Mathias Döpfner die angeblich geforderte Kaufsumme von 1,5 Milliarden Euro finanzieren will. Und wenn stimmt, was der „Spiegel“ schreibt, daß Rupert Murdoch und andere angeblich eine halbe Milliarde Euro mehr bieten, stellt sich die Frage, ob der NDR-Intendant und ehemalige ARD-Vorsitzende Jobst Plog am Ende mit seinem Memento nicht recht behält, daß man einmal rechtzeitig darüber nachdenken sollte, was es bedeutet, wenn am Ende Rupert Murdoch kommt, der sicherlich gern seinen Albtraum überwände, daß er auf dem zweitgrößten Medienmarkt der Welt bislang kläglich gescheitert ist. Überall sonst in der Welt formt er Medien und Politik nach seinem Bilde, nur bei uns - noch - nicht.
Doch zunächst geht es ja um Geldgeschäfte. Fest steht nach den Recherchen dieser Zeitung, daß Mathias Döpfner und der Springer-Finanzchef Steffen Naumann bei Saban waren und mit ihm über die Zukunft von Pro Sieben Sat.1 und über andere mögliche gemeinsame Geschäfte gesprochen haben. Es wird verhandelt, auch wenn der Statthalter von Haim Saban, Adam Chesnoff, sagt, daß sein Boss mit seiner Position bei Pro Sieben Sat.1 im Augenblick zufrieden sei. Und auch wenn eine Sprecherin von Pro Sieben Sat.1 einen anstehenden Verkauf dementiert.
Das heißt ja noch lange nicht, daß sich das nicht schnell ändern und bei den Finanzinvestoren anders aussehen kann, deren Namen Harald Schmidt, als er noch bei Sat.1 und witzig war, an einem unterhaltsamen Abend einmal auswendig gelernt hat. Ob er sich heute noch an sie erinnert? Wahrscheinlich nicht, jetzt heißen seine Kardinäle schließlich Struve, Pleitgen, Gruber und Plog und die Holding Degeto. Da spielt die Vita von irgendwelchen Helmans-&-Friedmans-Bankern keine Rolle mehr.
Eine besondere Note
Mit Murdoch als möglichem Übernehmer im Hintergrund bekommen auch die Sondierungsgepräche, welche Springer bereits in München geführt hat, und die anstehende Unterredung mit dem Chef der bayerischen Landesmedienanstalt, Wolfgang Ring, der den von Bayern aus gemanagten Privatfunk in München lizenzrechtlich überwacht, eine besondere Note. Denn vor diesem Szenario - alles hypothetisch, wie gesagt - bekommt die Frage „Was wäre, wenn Springer die Mehrheit an Pro Sieben Sat.1 übernimmt?“ einen ganz anderen Klang. Und konzentrationsrechtlich gesehen, muß Springer erst mal zum Bertelsmann-Konzern aufschließen, zu dem mit der RTL-Gruppe und Gruner + Jahr zwei der auf ihren Märkten europaweit führenden Unternehmen gehören.
Bei Pro Sieben Sat.1 fragt man sich derweil, ob Springer das Geld, und wenn dieses, dann auch das notwendige Know-how hat. Bislang hat der Zeitungs- und Zeitschriftenkonzern, um es nett zu sagen, im Fernsehen eher eine unglückliche Rolle gespielt, sobald es um inhaltlichen Einfluß ging. Ob der Übertritt von Hubertus Meyer-Burckhardt vom Springer-Vorstand in den von Pro Sieben Sat.1 im letzten Sommer auch in dieser Hinsicht besondere Bedeutung erlangt? Inthronisation des Herolds gewissermaßen? Springer ante portas. Daß Leo Kirch das noch erleben muß.