Noch sind die fiktiven Interviews, die der Schweizer Hollywood-Journalist Tom Kummer in Amerika für deutschsprachige Zeitungen erfand, nicht vergessen. Jahrelang wurden sie von den Magazinbeilagen des Züricher "Tages-Anzeigers" und der "Süddeutschen Zeitung" gerne und mit einer gewissen Blindheit gedruckt. Als Tom Kummers Tun ruchbar wurde, erfand man dafür den Begriff "Borderline"-Journalismus. Nun erschüttert ein noch dreisterer Fall journalistischer Schizophrenie die Schweiz - und zunächst einmal den in Zürich erscheinenden "Sonntags-Blick", der noch immer unter den Folgen des Borer-Skandals leidet (F.A.Z. vom 22. Juli).
"Alles ist anders, nichts hat sich verändert": Unter diesem Titel veröffentlichte die Sonntagszeitung aus dem Ringier-Verlag in der Woche des 11. September einen Artikel, als dessen Verfasser der amerikanische Erfolgsautor David Margolick genannt wurde. Margolick hat zahlreiche Bücher geschrieben, in diesem Herbst erscheint von ihm in den Vereinigten Staaten ein Werk über die beiden Boxer Joe Louis und Max Schmeling. Stolz präsentierte das Boulevardblatt mit der größten Reichweite aller Schweizer Zeitungen seinen Gaststar: "Der Autor David Margolick über das Lebensgefühl der Amerikaner heute".
Größte Pleite seit Borer
Eine Woche später mußte der "Sonntags-Blick" seine größte Pleite seit der Borer-Affäre eingestehen. Der Aufsatz stamme nicht von Margolick, sondern von einem freien Mitarbeiter der Zeitung in New York mit dem Namen Lorenz Wolffers. Dieser habe seinen Fehler eingestanden. Die Redaktion trennte sich von ihm und bedauert den Vorfall mit dem Hinweis, die Täuschung sei ohne ihr Wissen erfolgt. Der Fall ist ein schwerer Schlag für die Zeitung, die um Seriosität bemüht ist und verzweifelt versucht, vom Borer-Image wegzukommen.
Lorenz Wolffers, der für den "Sonntags-Blick" den Essay von Margolick beschaffen sollte und ihn, weil dies nicht gelang, gleich selber schrieb, ist nicht irgendein unbekannter Journalist. Er war Sprecher des schweizerischen Holocaust-Fonds, mit dem das Land Kriegsopfer entschädigte. Wolffers hatte für die Agentur AP gearbeitet und war Chefredakteur des "Aufbau", der angesehenen deutschsprachigen jüdischen Zeitung in New York. Seit Mitte dieses Jahres stand er beim "Sonntags-Blick" unter Vertrag.
Kleinlaut vermeldet
Etwas kleinlaut vermeldete die "Neue Zürcher Zeitung" am Dienstag den Skandal. Denn vor seiner Abwerbung durch Ringiers Boulevardblatt war Lorenz Wolffers für andere Schweizer Zeitungen und insbesondere regelmäßig für die "NZZ am Sonntag" tätig gewesen. Noch Ende Mai berichtete er vom Hauptsitz der Vereinten Nationen über die Auseinandersetzungen um den Irak. Die NZZ zitiert den Redaktionsleiter ihrer Sonntagszeitung, Felix E. Müller, der über die Beiträge in der eigenen Zeitung erklärt, es gebe "keine Anhaltspunkte, daß die von Wolffers gelieferten Artikel falsche Angaben enthalten hätten".
Doch noch ist man dabei, die umfangreiche Produktion von Wolffers erst einmal wiederzulesen. Und manche befürchten, daß es nicht beim Einzelfall "Sonntags-Blick" bleiben wird, sondern eine Kettenreaktion von Enthüllungen gefälschter Geschichten zu erwarten ist. Borderline-Journalisten haben sich bisher meistens als Wiederholungstäter erwiesen.