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Medien : Bush, der Goldesel

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Mother Jones gibt „Roten Alarm” Bild: F.A.Z.

Michael Moore war hier mal Chefredakteur, aber nur für vier Monate: Das links-alternative Magazin „Mother Jones“ hat vor der Amerika-Wahl Hochkonjunktur. Das verdankt es auch dem Präsidenten.

          Das Vorhängeschloß ist offen, notdürftig sind zwei Ketten um die Griffe geschlungen. Allein ein grauer Klebestreifen hält die Türen zusammen. Die Fotografie illustriert die Titelgeschichte des aktuellen Heftes von "Mother Jones": "Höchste Alarmbereitschaft - Wie der Heimatschutz Bushs Obsession mit dem Irak zum Opfer fiel". Matthew Brzezinski, ein ehemaliger Korrespondent des "Wall Street Journal", wirft dem amerikanischen Präsidenten vor, zu wenig gegen den Terrorismus zu tun, da er sich nur mit dem Irak-Krieg beschäftige.

          Das Magazin "Mother Jones" zählt zu den links-alternativen Medien in den Vereinigten Staaten, die vor der Präsidentenwahl Hochkonjunktur haben. Die letzten Ausgaben fanden rund ein Drittel mehr Leser, sagt die deutsche Redakteurin Monika Bäuerlein. Die republikanische Regierung wirkt schon seit längerem verkaufsfördernd: 1998 setzte "Mother Jones" rund 132.000 Exemplare ab, im Juni dieses Jahres waren es bereits 236.000.

          "Jungen und Mädchen, trefft den neuen Goldesel für linke Herausgeber - Präsident George W. Bush", höhnte die ebenfalls linksliberale New Yorker Stadtzeitschrift "The Village Voice" vor ein paar Wochen: "Wenn ,Mother Jones' eine Dankeskarte verschicken müßte, dann an die 1600 Pennsylvania Avenue" - die Adresse des Weißen Hauses. Was schlecht sei für das Land, sei oft gut für "The Nation", wird auch Victor Navasky, der Herausgeber des gleichnamigen Magazins, das eine der ältesten linken Zeitschriften des Landes ist, gern zitiert. Die Auflage seines Blattes stieg von 94.000 verkauften Exemplaren im Dezember 2000 im vergangenen Jahr auf 165.000.

          Aussterbende Spezies

          "Mother Jones" hat sich mit thematisch breitgefächerten Reportagen einen Namen gemacht. Die Zeitschrift, 1976 gegründet und nach der politischen Aktivistin und sozialen Reformerin Mary Harris Jones benannt, untersucht den Einfluß großer Konzerne auf Politik und Gesellschaft. Neben Umweltverbrechen recherchiert sie Korruptions- und Unternehmensskandale. Doch trotz der Auflagenerfolge gehört das Magazin einer aussterbenden Spezies an. "Seit es ,Mother Jones' gibt, ist die Zahl der unabhängigen Medienverlage in den Vereinigten Staaten von fünfzig auf sechs gesunken", sagt Roger Cohn, der fünf Jahre Chefredakteur war, bevor er vor wenigen Tagen kündigte - um sich eine Pause zu gönnen. Die meisten der alternativen Zeitungen und Zeitschriften haben Zeitungskonzerne aufgekauft.

          Doch wie weit es Bush-kritische Stimmen in den Vereinigten Staaten bringen können, hat Michael Moore bewiesen, der zu Beginn seiner Karriere bei "Mother Jones" Station gemacht hat. Moore kam 1986 als Chefredakteur und mußte vier Monate später wieder gehen. "Michael Moore ist ein guter Propagandist", sagt Monika Bäuerlein. "Aber im persönlichen Umgang muß er sich als dermaßen schwierig und egoistisch entpuppt haben, daß er es sich innerhalb kürzester Zeit mit allen verscherzt hatte. Die Redakteure haben regelrecht gemeutert und verlangt, daß er geht." Daraufhin habe man Moore eine "saftige Abfindung" gezahlt. Von den 58.000 Dollar hat er dann seinen ersten Film, "Roger & Me", finanziert.

          Nur zwanzig Abonnenten in Deutschland

          In den Vereinigten Staaten genießt "Mother Jones", das in Deutschland nur zwanzig Abonnenten hat, großes Ansehen. Schon ein Jahr nach seiner Gründung machte "Mother Jones" landesweit auf sich aufmerksam: Es hatte die Explosionsgefahr des Ford Pinto entdeckt. Die Konstrukteure wußten, daß der Tank bei Auffahrunfällen explodierte. Dennoch gab Ford den Wagen in Produktion, um mit japanischen Importen konkurrieren zu können. Mehr als fünfhundert Menschen kamen ums Leben. Nach Erscheinen des Hefts mußte Ford eineinhalb Millionen Pintos zurückrufen. Es war der größte Rückruf in der Geschichte des Automobils. 1979 zitierte die "New York Times" den Geschäftsführer einer Firma mit den Worten: "Was ich tun würde, wenn ,Mother Jones' mich interviewen wollte? Ich würde ihnen sagen, daß ich nicht in der Stadt bin und keiner wüßte, wann ich zurückkomme."

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