http://www.faz.net/-gqz-81p3t

„Das blaue Zimmer“ im Kino : Die Phantome des Traktorverkäufers

Léa Drucker als Delphine und Mathieu Almaric als ihr Mann Julien in einer Szene aus „Das blaue Zimmer“ Bild: Filmpresse Meuser

In Mathieu Amalrics neuem Film wird mit dem Wahnsinn nur gespielt, obwohl die Geschichte Stoff für allerlei Abgründe anbietet. In „Das blaue Zimmer“ sind die Bettszenen beinahe das Einzige, was richtig funktioniert.

          Mathieu Amalric ist nicht zufällig eines der großen Gesichter des französischen Kinos. Er hat, was vor ihm Belmondo und Trintignant hatten, der junge Daniel Auteuil ebenso wie der verstorbene Bernard Giraudeau: eine Mischung aus Jungenhaftigkeit und männlicher Überlegenheit, ein unberechenbares Charisma, das in ganz unterschiedlichen Rollen auf ganz ähnliche Weise strahlt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Man nimmt ihm den zwielichtigen Agenten und Berufskiller in „München“ oder „Ein Quantum Trost“ ebenso ab wie den gelähmten Medienmogul in „Schmetterling und Taucherglocke“ und den verunsicherten Macho-Regisseur in „Venus im Pelz“ – und wenn Hollywood oder irgendjemand sonst auf die Idee kommen sollte, mal wieder einen Napoleon-Film zu drehen, wäre Amalric die erste Wahl für die Rolle des Korsen.

          Hinter der Maske der Selbstbeherrschung

          Aber Amalric ist nicht nur ein gefragter Schauspieler, sondern auch Regisseur, er sieht darin sogar seinen Hauptberuf, den er mit seinen Filmrollen finanziert. Nach einigen Kurz- und Spielfilmen gewann er 2010 mit „Tournée“ den Regiepreis in Cannes, und seither verfolgt er den Plan, Stendhals Roman „Rot und Schwarz“ für das Kino zu adaptieren. Als das Budget für dieses Großprojekt vor zwei Jahren immer noch nicht zusammengekommen war, ließ sich Amalric von seinem Produzenten Paulo Branco dazu überreden, die Verfilmung eines Romans von Georges Simenon vorzuziehen, an dem die beiden die Kinorechte erworben hatten. So entstand „Das blaue Zimmer“.

          Simenons Roman erschien 1964, der Film spielt dagegen im Hier und Heute, und die Namen der Personen haben Amalric und seine Koautorin und Lebensgefährtin Stéphanie Cléau ebenfalls geändert. Aber sonst ist alles so, wie es im Buch steht: Julien (Amalric), ein Traktorenhändler in einer westfranzösischen Kleinstadt, hat ein Verhältnis mit der Apothekerin Esther (Cléau). Die beiden treffen sich in einem Hotelzimmer mit blauen Tapeten, und als sie einmal beinahe von Esthers Ehemann ertappt werden, fragt sie ihren Liebhaber, was er täte, wenn sie plötzlich frei wäre. Er zögert, sie handelt. Zuerst stirbt ihr Mann, dann seine Frau, schließlich wird Julien in Handschellen unter Mordverdacht abgeführt. Im Verhör vor dem Untersuchungsrichter, das die Erzählung rahmt, beteuert er seine Unschuld, aber die Maske der Selbstbeherrschung fällt von ihm ab, sobald er Esther gegenübersteht.

          Der Feinstaub der Wirklichkeit

          Vor Amalric haben schon Claude Chabrol und Maurice Pialat versucht, den Roman zu verfilmen – und es dann bleibenlassen. Wenn man „Das blaue Zimmer“ sieht, versteht man, warum. Bei Simenon geht es selten darum, herauszufinden, wer der Täter ist; es geht um Stimmungen, atmosphärische Nuancen, den Feinstaub der Wirklichkeit. Aber „La chambre bleue“ kreist so exzessiv um die Amour fou des Traktorverkäufers und der Apothekerin, dass die Umgebung des Paars zur Staffage verblasst. Genau wie für die beiden geht es also auch bei einem Film, der mit ihrer Geschichte Ernst macht, um alles oder nichts, das totale Pathos oder die vollkommene Lächerlichkeit, Tragödie oder Farce. Dieses Risiko wollten Chabrol und Pialat offenbar nicht eingehen.

          Für Julien und Ester (Stéphane Cléau) geht es um alles oder nichts: Szene aus „Das blaue Zimmer“.

          Auch Amalric hat es vermieden, zum Schaden seines Films. Das hat nichts damit zu tun, dass er mit Stéphane Cléau vor der Kamera das Liebespaar spielt, das die beiden auch in Wirklichkeit sind – die Bettszenen sind beinahe das Einzige, was in „Das blaue Zimmer“ richtig funktioniert. Aber sobald sich Julien und Esther außerhalb des Hotels begegnen, stimmt zwischen ihnen gar nichts mehr, und diese Schieflage überträgt sich auf alles, was der Film sonst noch erzählt. Eine tödliche Liebesgeschichte wie diese braucht zwei Schauspieler, die zu allem entschlossen sind, auch dazu, sich eher zu blamieren, als den Gefühlsrausch ihrer Figuren herunterzudimmen. Amalric und Stéphanie Cléau dagegen spielen nur mit dem Wahnsinn, sie spielen ihn nicht aus.

          Was in der Geschichte steckt, wenn man ihre Dämonen aus dem Käfig lässt, zeigt eine Szene, in der Julien mit seiner Frau (Léa Drucker) Urlaub am Atlantik macht. Die beiden gehen schwimmen, er drückt ihren Kopf unter Wasser, einmal, zweimal, bis es kein Spiel mehr ist. Anschließend tut er so, als wäre nichts passiert; sie aber ahnt den Riss, der durch ihre Welt geht. Da ist er wieder, der indiskrete Charme des Mathieu Amalric. Man sähe ihn gern bald wieder im Kino. Am liebsten in einem Film, bei dem er nicht Regie führt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hohe Spritpreise : Benzindiebe gehen um in Deutschland

          Die hohen Benzinpreise sind nicht nur an der Tankstelle ärgerlich – es wird auch lukrativer, Sprit zu klauen. Die Polizei warnt inzwischen vor Benzindiebstählen in ungekanntem Ausmaß. Bei den Ermittlungen sind die Beamten meist machtlos.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.