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Martin Scorsese zum Siebzigsten Alle Straßen New Yorks führen ins Kino

Eine Mischung aus Kindheitserinnerungen und im Gedächtnis verstauten Filmbilder - das ist die Stadt, die dieser Regisseur uns in vielen seiner Filme als New York immer wieder gezeigt hat. Ohne das Kino wäre die Wirklichkeit nichts. Martin Scorsese zum Siebzigsten.

© dapd Vergrößern Filmemacher, Illusionist und Kinoretter: Martin Scorsese wird an diesem Samstag siebzig

Als Martin Scorsese sich auf den Weg machte, der bedeutendste amerikanische Filmregisseur unserer Zeit zu werden, war er ungefähr acht. Das war 1950. Er war gerade aus Corona im New Yorker Stadtteil Queens, wo er die ersten Jahre seines Lebens verbracht hatte, nach Little Italy im Süden Manhattans gezogen, litt wegen schlimmen Asthmas unter Erstickungsanfällen und beobachtete von der Feuertreppe der Wohnung seiner aus Sizilien eingewanderten Großmutter in der Elizabeth Street zwischen East Houston und Prince Street an der Lower East Side New Yorks, was unten auf der Straße geschah.

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Starr vor Schrecken schaute er auf die Betrunkenen, die in Hauseingänge sanken, auf die Straßenkinder, die in hartem Körperkontakt miteinander spielten oder kämpften, auf die wise guys der Mafia, wie er sie später in seinen Filmen porträtierte – ihre gefährlich verführerische Choreographie aus eigentlich banalen Bewegungen, dem langsamen Heranrollen der Straßenkreuzer, wie sie aus dem Auto steigen, die Schlüssel achtlos einem Hilfsmafioso in die Hand fallen lassen, mit dem Kopf nicken, die Arme heben, den Blick senken.

Mehr als fünfzig Filme

„Sie parkten vor den Hydranten, und niemand sagte etwas dagegen“, heißt es in seinem Film „Goodfellas“, den er vierzig Jahre später, 1990, drehte. Der Fußsoldat der Mafia, den Ray Liotta darin spielt, beobachtet als Kind ähnlich genau, was die Männer auf der gegenüberliegenden Straßenseite treiben, wie Scorsese es einst tat.

Anders als dieser aber kann Liotta hinüberlaufen zu den Händlern, Zuträgern, Killern, Bossen und schließlich einer von ihnen werden. Scorsese blieb in sicherer Entfernung sitzen. Später machte er Filme aus dem, was er gesehen hatte. „Bleiben alle Filmregisseure in ihrer Kindheit gefangen?“, wurde er einmal gefragt. „Alle vielleicht nicht“, antwortete er. „Aber ich wahrscheinlich.“

22175111 Ampel ahoi: Griffin Dunne in „After Hours“ von 1985 © Taschen Verlag Bilderstrecke 

Der Mann hat mehr als fünfzig Filme gedreht in den letzten vierzig Jahren, und es war alles dabei: Dokumentarfilm, Thriller, Mafiafilm, Musical, Komödie, Drama, Boxerfilm, Historienspektakel, Literaturverfilmung, 3DFilm. Das Leben auf der Straße, die Strukturen von Macht und Abhängigkeiten, die von der Feuertreppe oder dem Wohnzimmerfenster aus einem homoerotisch untermalten und gleichzeitig machohaft überhöhten Ballett glichen, das war die eine frühe Erfahrung. Die andere war das Kino, vor allem das italienische, das er übers Fernsehen kennenlernte. Seine Familie besaß schon früh ein Gerät.

Von dem Bild, das es ausstrahlte, bekommen wir einen Eindruck in „Raging Bull“ (1980), wenn Robert De Niro in der Rolle des Boxers Jake LaMotta lange an der Zimmerantenne auf einem Fernsehkasten herumdreht und so endlich ein paar Streifen auf den Monitor zaubert, zu denen sein Filmbruder Joe Pesci ausruft: „Ich sehe was!“ Amerikanische Filme kamen später hinzu, als Scorsese regelmäßig mit seinen Eltern ins Kino ging, weil die sich sorgten, er bliebe wegen des Asthmas zu oft allein.

Als er erwachsener wurde, folgte das Kino der restlichen Welt. Niemand, das kann man ohne Risiko sagen, kennt es besser als er, der sich außerdem auch noch an jeden Film erinnert, den er gesehen hat, an Einstellungen, Töne, Blicke, die Farbe von Krawatten und Hintergründen, an Kamerabewegungen, Schnittfolgen, Titelsequenzen. Und wahrscheinlich kümmert sich heute auch niemand mehr darum als er, dass dieses Erbe für spätere Generationen erhalten bleibt.

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