Home
http://www.faz.net/-gs6-74eec
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Martin Scorsese zum Siebzigsten Alle Straßen New Yorks führen ins Kino

Eine Mischung aus Kindheitserinnerungen und im Gedächtnis verstauten Filmbilder - das ist die Stadt, die dieser Regisseur uns in vielen seiner Filme als New York immer wieder gezeigt hat. Ohne das Kino wäre die Wirklichkeit nichts. Martin Scorsese zum Siebzigsten.

© dapd Vergrößern Filmemacher, Illusionist und Kinoretter: Martin Scorsese wird an diesem Samstag siebzig

Als Martin Scorsese sich auf den Weg machte, der bedeutendste amerikanische Filmregisseur unserer Zeit zu werden, war er ungefähr acht. Das war 1950. Er war gerade aus Corona im New Yorker Stadtteil Queens, wo er die ersten Jahre seines Lebens verbracht hatte, nach Little Italy im Süden Manhattans gezogen, litt wegen schlimmen Asthmas unter Erstickungsanfällen und beobachtete von der Feuertreppe der Wohnung seiner aus Sizilien eingewanderten Großmutter in der Elizabeth Street zwischen East Houston und Prince Street an der Lower East Side New Yorks, was unten auf der Straße geschah.

Verena Lueken Folgen:    

Starr vor Schrecken schaute er auf die Betrunkenen, die in Hauseingänge sanken, auf die Straßenkinder, die in hartem Körperkontakt miteinander spielten oder kämpften, auf die wise guys der Mafia, wie er sie später in seinen Filmen porträtierte – ihre gefährlich verführerische Choreographie aus eigentlich banalen Bewegungen, dem langsamen Heranrollen der Straßenkreuzer, wie sie aus dem Auto steigen, die Schlüssel achtlos einem Hilfsmafioso in die Hand fallen lassen, mit dem Kopf nicken, die Arme heben, den Blick senken.

Mehr als fünfzig Filme

„Sie parkten vor den Hydranten, und niemand sagte etwas dagegen“, heißt es in seinem Film „Goodfellas“, den er vierzig Jahre später, 1990, drehte. Der Fußsoldat der Mafia, den Ray Liotta darin spielt, beobachtet als Kind ähnlich genau, was die Männer auf der gegenüberliegenden Straßenseite treiben, wie Scorsese es einst tat.

Anders als dieser aber kann Liotta hinüberlaufen zu den Händlern, Zuträgern, Killern, Bossen und schließlich einer von ihnen werden. Scorsese blieb in sicherer Entfernung sitzen. Später machte er Filme aus dem, was er gesehen hatte. „Bleiben alle Filmregisseure in ihrer Kindheit gefangen?“, wurde er einmal gefragt. „Alle vielleicht nicht“, antwortete er. „Aber ich wahrscheinlich.“

22175111 Ampel ahoi: Griffin Dunne in „After Hours“ von 1985 © Taschen Verlag Bilderstrecke 

Der Mann hat mehr als fünfzig Filme gedreht in den letzten vierzig Jahren, und es war alles dabei: Dokumentarfilm, Thriller, Mafiafilm, Musical, Komödie, Drama, Boxerfilm, Historienspektakel, Literaturverfilmung, 3DFilm. Das Leben auf der Straße, die Strukturen von Macht und Abhängigkeiten, die von der Feuertreppe oder dem Wohnzimmerfenster aus einem homoerotisch untermalten und gleichzeitig machohaft überhöhten Ballett glichen, das war die eine frühe Erfahrung. Die andere war das Kino, vor allem das italienische, das er übers Fernsehen kennenlernte. Seine Familie besaß schon früh ein Gerät.

Von dem Bild, das es ausstrahlte, bekommen wir einen Eindruck in „Raging Bull“ (1980), wenn Robert De Niro in der Rolle des Boxers Jake LaMotta lange an der Zimmerantenne auf einem Fernsehkasten herumdreht und so endlich ein paar Streifen auf den Monitor zaubert, zu denen sein Filmbruder Joe Pesci ausruft: „Ich sehe was!“ Amerikanische Filme kamen später hinzu, als Scorsese regelmäßig mit seinen Eltern ins Kino ging, weil die sich sorgten, er bliebe wegen des Asthmas zu oft allein.

Als er erwachsener wurde, folgte das Kino der restlichen Welt. Niemand, das kann man ohne Risiko sagen, kennt es besser als er, der sich außerdem auch noch an jeden Film erinnert, den er gesehen hat, an Einstellungen, Töne, Blicke, die Farbe von Krawatten und Hintergründen, an Kamerabewegungen, Schnittfolgen, Titelsequenzen. Und wahrscheinlich kümmert sich heute auch niemand mehr darum als er, dass dieses Erbe für spätere Generationen erhalten bleibt.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kameramann Michael Ballhaus Dieser Blick liebt die Schauspieler

Er filmte Michelle Pfeiffer auf dem Klavier und drehte mit Fassbinder, Coppola, Scorsese: Der Kameramann Michael Ballhaus hat sie alle gesehen. Ein Gespräch. Mehr

14.09.2014, 16:52 Uhr | Feuilleton
Boyhood

Zwölf Jahre lang hat Richard Linklater an seinem Film Boyhood gedreht - die Chronik einer Jugend, wie es noch keine gab. Und ein Triumph des amerikanischen Kinos aus europäischer Tradition. Mehr

04.06.2014, 13:41 Uhr | Feuilleton
Lügen und andere Wahrheiten im Kino Lustig ist was anderes

Lügen und andere Wahrheiten über Beziehungsnöte in einer deutschen Mittelstadt ist ein derzeit typischer deutscher Film. Das heißt nicht unbedingt Gutes. Mehr

14.09.2014, 16:39 Uhr | Feuilleton
Hercules

Brett Ratners Verfilmung von Hercules ist mit Dwanye The Rock Johnson in der Hauptrolle allen anderen Blockbustern dieses Kinosommers um einen entscheidenden Spezialeffekt überlegen. Mehr

04.09.2014, 15:23 Uhr | Feuilleton
Video-Filmkritik Schau mal, man sieht ja gar nichts: Schoßgebete im Kino

Wie lang können 93 Minuten im Kino werden? Ziemlich lang. Die Verfilmung von Charlotte Roches Bestseller Schoßgebete erzählt von einer traumatisierten Frau. Doch ohne jegliches Gespür für ihr Trauma. Mehr

17.09.2014, 10:31 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 17.11.2012, 10:54 Uhr

Vom Kater der Kelten

Von Gina Thomas, Edinburgh

Die exaltierte Stimmung auf Edinburghs Straßen wurde nach der Niederlage der Separatisten von reichlich Alkohol begleitet. Schottland bleibt britisch, locker lassen werden aber werden seine Bürger inicht. Mehr