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Mark Wahlberg Es geht jetzt darum, neue Fehler zu vermeiden

18.04.2007 ·  Sein Job hat ihn gerettet: Mark Wahlberg, der in seinem Leben schon Drogendealer, Rapper und Unterhosen-Model war, bevor er Schauspieler wurde, über seinen neuen Film „Shooter“, Bob Marley und Gott.

Von Johanna Adorján
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Mark Wahlberg streckt mir zur Begrüßung die Hand entgegen und sagt Auf Wiedersehen. Auf Deutsch. Er korrigiert sich sofort, aber wo andere die Gelegenheit zu einem Lachen, einem Lächeln nutzen würden, bleibt er ernst. Er macht überhaupt wenig Späße während der nächsten fünfzehn Minuten. Er ist nicht allzu groß, aber auch nicht lächerlich klein. Er hat eine tiefe Stimme und spricht manchmal so leise, dass man ihn kaum hört. Er kann lange gucken, ohne den Blick abzuwenden. Ich habe ehrlich gesagt ein bisschen Angst vor ihm, aber das liegt vielleicht daran, dass ich eben aus dem Kino komme, wo ich ihn fast zwei Stunden lang meist mit Gewehr im Anschlag gesehen habe, er hat sehr viele Leute erschossen, einen Hubschrauber zum Explodieren gebracht und hatte insgesamt eher wenig Text. „Shooter“ heißt der Film, dessen Hauptdarsteller er ist. Die Dramaturgie ist ein bisschen rumpelig, es fängt gleich mit einem Showdown an, dann spielt ewig lange eine schlecht heilende Schusswunde eine Rolle, die sich der Held zugezogen hat, sie heilt fast so langsam wie in der Lindenstraße, ist aber willkommener Anlass, Wahlbergs berühmten nackten Oberkörper oft groß im Bild zu zeigen, immer mal wieder gibt es einen Showdown, und so geht es weiter und hat so seine Längen und ist insgesamt sehr laut, weil eigentlich dauernd irgendetwas explodiert. Eher ein Film für Männer wahrscheinlich.

Wir haben uns vor zehn Jahren schon mal getroffen. Sie waren 25, und „Boogie Nights“ kam gerade ins Kino. Wie war das Leben seitdem?

Es war eine lange und interessante Reise. Es ist viel passiert. Vor allem seit ich zwei kleine Kinder habe, hat sich alles drastisch geändert. Sie sind der Mittelpunkt in meinem Leben.

Glauben Sie, Sie sind heute ein besserer Schauspieler als vor zehn Jahren?

Definitiv. Ich glaube, in meinen frühen Rollen hatte ich etwas Unfertiges, Rohes. Ich hatte ja nie Schauspielunterricht. Ich habe mich durch Intuition leiten lassen, Instinkt und Lebenserfahrungen. Heute fühle ich mich viel selbstsicherer und bin eher bereit, mich lächerlich zu machen, ich nehme mich selbst nicht so ernst.

Für Ihre Rolle in „The Departed“ waren Sie dieses Jahr für einen Oscar nominiert. Die Dreharbeiten sollen schwierig gewesen sein.

Ja, ich habe diesen wütenden Typen gespielt und war eigentlich die ganze Zeit über in meiner Rolle. Marty (Scorsese) hat das ermutigt, und nachmittags ging es ja auch, aber um acht Uhr morgens waren die anderen alle nicht so begeistert, mit mir auskommen zu müssen. Ich war wirklich sehr in der Rolle, und meine Figur ist eben dieser wütende, unglückliche Typ.

Wie suchen Sie Ihre Rollen aus?

Ich habe ein Team von Leuten, denen ich vertraue, die lesen die meisten Sachen zuerst. Und dann gucken wir, was man uns anbieten kann - ich meine nicht unbedingt Geld, sondern das Projekt betreffend. Und dann entscheiden wir.

Folgen Sie da einem Businessplan? Gibt es irgendwelche Rollen, die Sie nicht spielen würden?

Nein. Obwohl, ich würde mich heute nur schwer dafür entscheiden können, einen Film, der im Pornomilieu spielt wie „Boogie Nights“, zu machen. Ich habe zwei kleine Kinder.

Dass in „Shooter“ dauernd Leute erschossen werden, stört Sie nicht?

Gut, ja, aber das ist anders. Gewalt wird in Amerika eher akzeptiert als Sex, meiner Meinung nach. Aber ich achte bei allen Filmen, die ich mache, darauf, dass meine Kinder erkennen könnten, was moralisch richtig und was falsch ist, und dass sie in der Lage wären, Wahrheit von Fiktion zu unterscheiden.

Mark Wahlberg ist einer der Schauspieler, über die man den meisten Quatsch weiß. Er hat drei Brustwarzen. Hat gemodelt für Calvin Klein. War mal Rapper. Nannte sich als solcher Marky Mark. War zusammen mit dem Reggaemusiker Prince Ital Joe, der später bei einem Autounfall ums Leben kam, ein vielbelächelter Star der Eurodance-Szene. Saß im Gefängnis, weil er einem Vietnamesen ein Auge ausgeschlagen hat, zur Tatzeit war er 16 Jahre alt und high mit Angel Dust. War kurz Mitglied der Boy-Band New Kids on the Block, der sein Bruder Donny angehörte. War am 11. September 2001 eigentlich auf den United-Airlines-Flug gebucht, der in Pennsylvania abstürzte.

Stimmt die Geschichte mit dem United-Airlines-Flug?

Ja. Ich hatte eine Reservierung für diesen Flug, wir haben dann aber eine Woche vorher entschieden, doch mit dem Auto zu fahren. Wir ändern oft unsere Reisepläne, das ist nicht so ungewöhnlich.

Sie haben sich das Gesicht von Bob Marley auf den Arm tätowieren lassen. Was bedeutet er Ihnen?

Seine Musik hatte großen Einfluss in meinem Leben. Als ich angefangen habe, Reggae zu hören, Bob Marley insbesondere, habe ich mich auf einmal liebevoll gefühlt, freundlich, leidenschaftlich, fürsorglich.

Hören Sie noch Hiphop?

Wenn ich in New York bin, stelle ich immer mal den Hiphop-Radiosender ein, um zu sehen, was der neue East-Coast-Sound ist, aber eigentlich interessiert es mich nicht so sehr. Wenn ich Rap höre, komme ich in einen Geisteszustand, in dem ich negative Sachen denke. Rap ist größtenteils ziemlich negativ. Wenn ich im Gym bin und trainiere, höre ich Sachen mit mehr Energie - Classic Rock, alten R&B. Sonntags höre ich Gospels.

Ihr Körper hat bei Ihrer Karriere eine wichtige Rolle gespielt . . .

Ich weiß nicht.

Sie waren berühmt dafür, sich bei Konzerten die Hosen herunterzuziehen. Ihrer 1992 erschienenen Autobiographie haben Sie den Satz „dedicated to my dick“ vorangestellt. Sie haben für Unterhosen gemodelt.

Ich war kein Model. Ich stand ein paar Stunden in Unterhosen in einem Fotostudio.

Sie wissen aber doch, was ich meine.

Ja. Aber ich habe mich nie als Sexsymbol gefühlt oder auch nur besonders gutaussehend. Ich halte mich für einen ziemlich durchschnittlichen Typen, der extrem talentiert ist, was sicher an meiner großen Hingabe für das, was ich tue, liegt. Das ist alles.

Auf Ihren Calvin-Klein-Fotos: Wen sehen Sie da heute?

Einen jungen Krawallmacher. Aber es macht mir nicht mehr so viel aus, die Bilder anzugucken wie früher. Es war halt etwas, das ich erst mal überwinden musste, um mein Ziel zu erreichen, ein respektierter Schauspieler zu sein.

Das war immer Ihr Ziel?

Ich habe es nicht als Antrieb benutzt, aber . . . Ich war berühmt für andere Dinge, und es hat ein paar Jahre gebraucht, bis die Leute nicht mehr zuerst an meine Musik gedacht haben, wenn sie mich sahen. Ich habe mich auf die Arbeit konzentriert, und jetzt ist es gut. Es ist eine große Sache, so vieles erfolgreich überwunden zu haben.

Kommt Schauspielerei als Beruf Ihrer Persönlichkeit entgegen?

Einhundert Prozent, ja.

Ja? Weil, eigentlich müssen Sie da ja machen, was jemand anderes Ihnen sagt.

Stimmt.

Mögen Sie das?

Ja. Es ist ja nicht wie in der Armee. Ich war ziemlich rücksichtslos, als ich jünger war, und es war eine gute Sache für mein Leben, die Disziplin zu lernen, die es braucht, um einen Film zu machen. Es hat mich in vielerlei Hinsicht gerettet.

In Amerika gelten Sie als der kommende Action-Star. Sie könnten das Erbe von Bruce Willis antreten, heißt es.

Die Vergleiche, die ich gelesen habe, waren sehr schmeichelhaft - Steve McQueen, Gary Cooper, Männer, mit denen ich mich identifizieren kann. Männer wie mein Vater. Nicht Typen, die hübscher sind als die Mädchen, mit denen sie in den Filmen spielen. Aber ich will nicht nur der Action-Typ werden, ich will es mit Comedy mischen, ich will alles machen. Ich habe es nicht gerne, gesagt zu bekommen, was ich tun kann und was nicht.

Wie ist Ihr Vater?

Er ist ein hart arbeitender, guter, ehrenhafter Mann. Redlicher Arbeiter. Sorgt für seine Familie. Wenn er musste, konnte er dir den Hintern versohlen, aber die meiste Zeit hätte er deine Hand geschüttelt, wenn du auch ein guter ehrenwerter Mann warst.

Waren Ihre wilden Zeiten eine Rebellion gegen Ihren Vater?

Nein, das war eher . . . Es lag an dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin. Meine Eltern haben extrem hart gearbeitet, um Essen auf den Tisch zu stellen. Wir sind neun Kinder. Mein Vater war Fernfahrer, meine Mutter hatte verschiedene Jobs - wir waren viel allein. Genug Zeit, in Schwierigkeiten zu geraten. In unserer Nachbarschaft gab es viel Drogen, Gewalt, Verbrechen - ich wollte einer von den Jungs sein, ich habe viele dumme Sachen gemacht.

Warum, glauben Sie, haben Drogen nicht Ihr Leben ruiniert?

Weil sie das Leben von vielen Freunden von mir ruiniert haben. Gott hat mich aus einem Grund zu dem gemacht, was ich heute bin: Damit ich Jugendlichen helfe, nicht denselben Weg einzuschlagen, den ich als Jugendlicher gegangen bin.

Sie sind katholisch. Haben Sie immer an Gott geglaubt?

Ja. Meine Familie ist früher in die Kirche gegangen, und als ich in Schwierigkeiten geraten bin, habe ich den Weg zu Gott wiedergefunden. Aber ich hatte ihn in der Zwischenzeit nicht vergessen, und ich schaue heute zu ihm und für immer.

Gehen Sie jeden Sonntag in die Kirche?

Jeden, ja. Ich hatte mal eine Weile ausgesetzt, aber seit sieben, acht Jahren gehe ich jede Woche. Ich unterbreche dafür sogar Dreharbeiten. Es ist wichtiger als Arbeit.

Was gibt Ihnen der Glaube?

Trost. Bedeutung. Alles.

Bereuen Sie irgendetwas?

Ich bereue, Menschen verletzt zu haben, die das nicht verdient haben, aber ich habe oft um ihre Vergebung gebetet. Ich konzentriere mich heute darauf, das Richtige zu tun und nicht zu sehr in der Vergangenheit zu verweilen. Ich habe das Gefühl, für meine Fehler bezahlt zu haben, jetzt geht es darum, neue Fehler zu vermeiden.

Wie passt ein Film wie „Shooter“ zu Ihrem Glauben? Leute erschießen ist ja nicht so christlich.

Nein. Aber mein Priester, Vater Flavin, hat den Film gesehen, und er mochte ihn sehr. Er hat ihn auch Kindern aus seiner Gemeinde gezeigt. Sie wissen, dass es Unterhaltung ist. Man muss das auseinanderhalten können. Vielen Dank. Jetzt kann ich es sagen: (Deutsch) Auf Wiedersehen. Und ich liebe dich.

Ich liebe dich. Er sagt es wirklich. Er sagt es gelangweilt und ohne großen Ausdruck. Eine Floskel von früher, aus einem anderen Leben, in dem er als Popstar durch Deutschland tourte. Dann dreht er sich um und schluppt aus dem Hotelzimmer. Er hat eine weite Jeans an. Er trägt weiße Turnschuhe. Er hat strubbelige, mit Gel hochgestellte Haare. Von hinten sieht er immer noch aus wie Marky Mark.

„Shooter“: ab Donnerstag im Kino

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.04.2007, Nr. 15 / Seite 25
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