23.11.2007 · Mit ihrem Trickfilm „Persepolis“ zeichnet Marjane Satrapi ein ungewohntes Bild von Iran. Im F.A.Z.-Gespräch erklärt sie, was sie über ihre Heimat denkt, die sie 1994 in Richtung Paris verließ, und welche Nachteile es hat, wenn man seine eigene Comic-Vorlage verfilmt.
Marjane Satrapi wurde 1969 in Iran geboren. 1994 verließ sie ihre Heimat und zog nach Paris. Dort zeichnete sie „Persepolis“, einen Comic über ihre Jugend, der nun von ihr selbst verfilmt wurde.
Was kann ein Film über Iran heute noch leisten, nachdem Amerika schon mit dem Dritten Weltkrieg gedroht hat?
Dass wir überhaupt über solche Fragen reden müssen, liegt daran, dass der Mensch als abstraktes Lebewesen betrachtet wird oder als Bürger eines Schurkenstaates oder als Yankee, aber nicht einfach als Mensch. Das will mein Film leisten: zeigen, dass ein Mensch unabhängig von seiner Umgebung und seinen Erfahrungen Mensch bleibt. Ich will daran erinnern, dass Menschen, die als Feinde abgestempelt worden sind, nicht anders sind als wir. Wenn man weiß, dass der Kerl, den man bombardiert, nicht einfach irgendjemand ist, sondern Frau und Kinder hat wie man selbst, dann könnte alles ein bisschen besser laufen. Aber ich habe keine Illusionen: Filme beeinflussen das Weltgeschehen nicht. Wäre das der Fall, hätte Michael Moore mit „Fahrenheit 9/11“ Präsident Bush im Alleingang erledigt. Wie kann man einen solchen Film sehen und dann Bush noch einmal wählen?
Dennoch wirkt es so, als hätten Sie den Erscheinungstermin von „Persepolis“ mit dem Weltgeist abgestimmt.
Ich habe meinen Film vor dreieinhalb Jahren begonnen, und damals verlor niemand ein Wort über Iran. Jetzt ziehe ich herum, rede über „Persepolis“ und über Liebe und Frieden, dabei bin ich doch eine Individualistin, die sich gar nicht ins Leben anderer einmischen will. Wenn es schon mit mir so weit gekommen ist, liegt in der Welt einiges im Argen.
Warum überhaupt ein Film? Der Comic „Persepolis“ war doch perfekt.
Mittlerweile halte ich das auch für eine schlechte Idee. Bei all dem Trubel um den Film wird der Comic missachtet. Die meisten Leute glauben, er wäre niemals mehr gewesen als ein Storyboard für den Film. Was natürlich Unsinn ist, denn ein Storyboard stellt nicht mehr dar als einen Schritt bei der Filmproduktion, während der Comic eine eigene Erzählung ist.
Das ist der Film im Vergleich mit der Comic-Vorlage aber auch.
Ja, beide Kunstformen haben eben jeweils ihre eigene Sprache. Als mein Coregisseur Vincent Paronnaud den Comic gelesen hatte, haben wir ihn weggelegt und alles noch einmal von vorne durchgedacht – auf der Suche nach einer neuen Sprache für die Handlung. Das ist das Paradox des ganzen Vorhabens: Buch und Film sind sich sehr ähnlich, aber erzählen ganz unterschiedlich. Ich könnte Ihnen hundert gute Gründe aufzählen, warum ich den Film gemacht habe, aber in Wahrheit gab es gar keinen. Ich bin einer Eingebung gefolgt: Wenn man einen Film machen kann, macht man ihn. Ich bin Künstlerin, und als man mir gute Worte, Geld, ein Studio und das Recht auf den Final Cut gab, wollte ich es einfach versuchen.
Sie hatten von Anfang an das Privileg des Final Cut?
Natürlich. Andernfalls hätte ich gar nicht erst angefangen. Ich habe eine erfolgreiche Karriere hinter mir, meine Bilderbücher und Comics laufen gut, ich kann von den Einkünften sorgenfrei leben. Wenn schon ein Film dazukommen soll, dann muss ich ihn so machen können, wie ich es für richtig halte. Ich habe deshalb eine französische Produktionsgesellschaft gewählt, denn wenn ich eines der amerikanischen Angebote angenommen hätte, wäre da irgendein Verantwortlicher gewesen, der mir hätte sagen wollen, was ich zu tun und zu lassen hätte. Dagegen konnte ich mit Vincent zusammen den Film genauso machen, wie ich es von meiner Comic-Arbeit her kannte. Es waren nur mehr Leute beteiligt.
War das kein Problem für Sie?
Und ob! Ich bin eine Einzelgängerin, will nicht mehr als drei Leute auf einmal sehen und arbeite am liebsten in einer stillen Ecke ganz für mich. Und nun hatte ich ein ganzes Studio um mich, in dem auch noch alle so zeichnen wollten wie ich. Aber mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt, und dann empfand ich all diese Leute sogar als Gewinn, denn obwohl ich kein Talent dazu habe, als Chefin zu agieren, arbeiteten alle unsere Mitarbeiter perfekt. Sie vertrauten Vincent und mir, gerade weil wir uns nicht aufgeführt haben wie Stars. Es wäre schön, wenn das Publikum sich nicht nur immer an den Regisseur erinnerte, sondern auch an die neunzig oder hundert Mitarbeiter, ohne die nichts zustande gekommen wäre. Selbst wenn ich täglich fünfzehn Stunden zeichnen würde, bekäme ich einen Film wie „Persepolis“ im Leben nicht zu Ende.
Die meisten Comic-Verfilmungen werden heute aber als Spielfilme gedreht.
Der Nachteil eines Spielfilms besteht darin, dass eine Geschichte dann, wenn sie in einer klar definierten Umgebung angesiedelt und von bekannten Akteuren gespielt wird, ihre Allgemeingültigkeit verliert. Wie sollen Sie sich mit Brad Pitt identifizieren? Bei einem gezeichneten Film können Sie das vermeiden, indem Sie die Charaktere und die Dekors abstrahieren. Alle Szenen, die in Iran spielen, sind so angelegt, dass es keine spezifisch persischen Details gibt, der ganze Orientalismus, den man hier wohl besser Okzidentalismus nennen müsste, beschränkt sich auf Wien mit seinen Sachertorten, dem Stephansdom, den Trachtenanzügen und Schlössern. Das ist Absicht. Der zweite Vorteil des Trickfilms liegt darin, dass man unterschiedlichste Elemente miteinander kombinieren kann: Meine Heldin trifft Gott, sie erinnert sich in Rückblicken, es gibt erzählte Geschichten innerhalb der Geschichte – das können Sie in Spielfilmen nicht so einfach machen.
Warum ist der Film meist schwarzweiß?
Weil Vincent und ich von den Underground-Comics herkommen, und da zeichnet man eben schwarzweiß.
Gab es ältere Trickfilme, die Sie beeinflusst haben?
Nein, denn wir haben in gewissem Sinne einen gezeichneten Realfilm gemacht. Das ist der Unterschied zu Tex Avery, Walt Disney, Miyazaki Hayao. Nicht, dass ich deren Arbeiten nicht schätzte, aber das sind bei allem Humor oder aller Anarchie immer saubere Zeichnungen, und dadurch entsteht eine Künstlichkeit, die für „Persepolis“ nicht getaugt hätte.
Weshalb kommt die historische Stadt Persepolis, die ja Ihrem Comic den Namen gegeben hat, in den Rückblicken des Films auf die persische Geschichte gar nicht mehr vor?
Jeder weiß doch, was Persepolis war: die Stadt der Perser, wie der griechische Name schon sagt. Man muss etwas über die persische Geschichte wissen, wenn man das heutige Iran verstehen will, und da waren mir die anderen Rückblicke wichtiger. Es ist doch nicht so, als wären die Mullahs 1979 vom Himmel gefallen. Ich werde immer wieder gefragt, warum wir Iraner denn keine Gegenrevolution machten. Liebe Güte, unsere ganze moderne Geschichte ist eine einzige Revolution! 1906 gab es in Persien eine Revolution zugunsten der konstitutionellen Monarchie. Die Menschen starben wie die Fliegen. 1951 gab es eine mehr oder minder demokratische Revolution, trotzdem starben Leute dabei. 1953 kam mit Hilfe der Amerikaner die Konterrevolution, die den Schah wiedereinsetzte. Die Leute starben. 1979 wurde die Islamische Republik begründet, über deren Methoden ich wohl nicht viel sagen muss. 1980 begann der achtjährige Krieg mit dem Irak, der auf iranischer Seite mehr als eine Million Opfer forderte – das sind mehr als in jedem anderen Krieg weltweit seit Korea. Diese insgesamt achtzig Jahre haben dafür gesorgt, dass jede iranische Familie Tote durch Kriege oder Revolutionen zu beklagen hat. Jedes Mal wurde die Lage schlechter. Was sollten sie sich von einer neuen Revolution versprechen?
Das, was jeder im Westen über die jüngere iranische Geschichte weiß, ist die Geiselnahme in der amerikanischen Botschaft. In Ihrem Comic wird das Ereignis nur beiläufig erwähnt, im Film spielt es gar keine Rolle mehr.
Ich bitte Sie: Das hat bei uns niemanden interessiert. Nach der Islamischen Revolution schien die Besetzung der Botschaft geradezu normal, denn den Amerikanern hatten wir doch den Schah zu verdanken. Bei der Geiselnahme ist ja auch niemand getötet worden, alle kamen später frei. Und das soll meine geplagten Landsleute beeindrucken? Wenn man jahrzehntelang jemandem auf den Kopf spuckt, dann ist es eines Tages genug. Genau das passiert gerade in Südamerika, darum wird Chávez gewählt. Es gibt etwas im Menschen, was man Erinnerung nennt. Nichts im Leben wird vergessen.
Vielleicht sollte Frau Satrapi...
Werner Kühn (IusGentium)
- 22.11.2007, 22:03 Uhr
umgekehrt!
Kai Klinge (kaaa)
- 22.11.2007, 23:24 Uhr
Wer im Glashaus sitzt....
unnötige Datensammlung (rionuke)
- 23.11.2007, 10:25 Uhr
kulturbezogene Apologien
Harry LeRoy (Cimon)
- 23.11.2007, 21:44 Uhr