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„Marie Curie“ im Kino : Physik mit Leib und Seele

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Das von ihr entdeckte Polonium benannte sie nach ihrer Heimat Polen: Karolina Gruszka in der Rolle der Nobelpreisträgerin Marie Curie. Bild: NFP Filmverleih

Der Film „Marie Curie“ von Marie Noëlle wagt mehr als bisherige Versuche, dieses berühmte Leben zu erzählen. Er spart auch den Skandal nicht aus, der die Forscherin fast ihren zweiten Nobelpreis gekostet hätte.

          Wie Kinder schleichen sich die frischgebackenen Nobelpreisträger Marie (Karolina Gruszka) und Pierre Curie (Charles Berling) zu Beginn des Films nachts in ihr Labor, um das Leuchten des Radiums zu bestaunen. Sie haben dafür den Begriff „radioaktiv“ geprägt und neben diesem chemischen Element noch das Polonium entdeckt, benannt nach Marie Curies Heimat Polen.

          Als Begründer der Kernphysik sind die Curies die Großeltern der Atombombe. Daran mag man denken, wenn die Eheleute hier in ihren Dankesreden für den Nobelpreis an die Verantwortung der Wissenschaft appellieren. 1903 erhielten sie den Preis für Physik gemeinsam, 1911 Marie Curie zudem den Preis für Chemie. Bereits zu Lebzeiten war die erste Nobelpreisträgerin und bis heute einzige Mehrfachnobelpreisträgerin ein Medienstar. „Marie Curie“ ist allerdings kein Film über wissenschaftliche Fragen, sondern konzentriert sich auf das mitunter tragische Privatleben der Forscherin.

          Eine auch heute noch beachtlich wirkende Belastung

          Die Regisseurin Marie Noëlle findet zunächst stimmungsvolle Bilder für die Vertrautheit des Ehepaares Curie, für ihr nahezu symbiotisches Wirken in Beruf und Leben – und für die Trauer der Witwe, als ihr der Weggefährte durch einen Unfall entrissen wird, wenn sie sich über den aufgebahrten Körper wirft und der Vater Eugène Curie (André Wilms) seinem toten Sohn die Schnürsenkel zubindet. Das sind Bilder am Rande des Kitsches, die mal in die Richtung der eindringlichen, mal in die der trivialen Wirkung ausschlagen.

          Karolina Gruszka als Marie Curie mit Samuel Finzi (l.) als Gustave Téry und Piotr Głowacki als Albert Einstein in einer Szene des Films

          Mit fast übermenschlicher Kraft widmet sich die Zurückgelassene danach der Arbeit und der Erziehung der beiden Töchter – wer solche Doppelbelastungen aushält, kann heute noch als Identifikationsfigur herhalten. Es ist daher ein netter Gag, wenn Noëlle Curie im Abspann durch das heutige Paris hetzen lässt. Die spanisch-französische Filmemacherin hat vor drei Jahren einen ähnlichen Verlust erlitten, als ihr Mann, der deutsche Autorenfilmer Peter Sehr, mit dem sie seit 1979 zusammengearbeitet hat, an einem Gehirntumor starb. Das Ehepaar hatte zuletzt 2012 die Geschichte des bayerischen Märchenkönigs „Ludwig II.“ gemeinsam verfilmt.

          Eine unnötige Apologie

          Anders als frühere Filmdramatisierungen von Marie Curies Leben widmet sich diese erstmals der „Langevin-Affäre“, jenem Skandal, der sie fast ihren zweiten Nobelpreis gekostet hätte: 1910, vier Jahre nach dem Tod ihres Mannes, beginnt die Wissenschaftlerin mit ihrem Kollegen, dem verheirateten Familienvater Paul Langevin (Arieh Worthalter), eine Liebesbeziehung. Der Boulevardjournalist Gustave Téry (Samuel Finzi) veröffentlicht die Liebesbriefe des Paares, die ihm Langevins Frau zugespielt hat. Daraufhin beginnt eine mediale Hetzjagd, die an die gerade ausgestandene Dreyfus-Affäre erinnert und noch von übelster Misogynie gerade auch der Forscherkollegen übertroffen wird. Der Ehebrecher bleibt freilich von Anfeindungen verschont.

          Die Darstellung der „Langevin-Affäre“ in Angriff genommen zu haben, ist das Verdienst des Films – und hier entspringt zugleich seine größte Schwäche. Denn Gruszkas Marie Curie schreitet durchgehend, auch noch lange nach dem Tod des Mannes, als Schmerzensfrau, gebeugt und ernst, wenn auch kraftvoll, durch den Film. Insofern schreibt Noëlle den Mythos der rund um die Uhr arbeitenden, schwarz gekleideten, zarten Märtyrerin der Wissenschaft weiter. Lachen wird Curie nur noch einmal, auf der Solvay-Konferenz im Jahr 1911. In einer Szene ragt sie dort wie ein Solitär aus einer Schar von Männern in Anzügen heraus, die am Strand spazieren. Eine ansprechende Szene, die von einem flapsigen Dialog zwischen Marie Curie und Albert Einstein ergänzt wird: auf das Kompliment des Kollegen, sie gehöre zu den Besten unter den Frauen, erwidert sie selbstbewusst: „auch unter den Männern“.

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          Andere Versuche, die Geschichte mit sinnfälligen Bildern zu erzählen, misslingen ganz. So ist Curies Bad im eisigen Meer eine eher banale Metapher für ihre geistige Freiheit. In „Ludwig II.“, dem dieses Motiv entlehnt scheint, passte derlei Symbolik besser. Auch gipfelt die Einsamkeit der Witwe recht konventionell in einer Wüstenvision. Überhaupt die Einsamkeit: sie wird als zwangsläufige Causa für die Affäre mit Langevin aufgebaut. „Das Leben ist trivial, wenn man nicht gemeinsam denken kann“, sagt Marie Curie an einer Stelle. Es scheint, als ob sie nicht ohne Partner auskommen könnte. Und so konterkariert Noëlle im Eifer, den privaten Fehltritt ihres Vorbildes zu rechtfertigen, das zuvor sorgsam errichtete Bild einer eigenständigen, modernen Frau. Dabei hätte es dieser Apologie heute, da wir in diesen nicht unbedingt wissenschaftlichen Fragen weiter sind, überhaupt nicht bedurft.

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