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„Mandela“ im Kino : Das Herz eines Boxers

Bild: Senator

Justin Chadwicks Film „Mandela - Der lange Weg zur Freiheit“ erzählt seine bekannte Geschichte farbsatt und monumental, aber auch reichlich bieder.

          Dass man nicht neunzig Jahre, sondern meist nur neunzig Minuten lang im Kino sitzen kann, ist das erste Problem von sogenannten Biopics. Im Falle von Justin Chadwicks Film „Mandela: Der lange Weg zur Freiheit“ (beruhend auf der gleichnamigen Autobiographie) sind es knapp hundertfünfzig Minuten, aber für eine ab-ovo-Erzählung vom Leben des großen Madiba, von den Hügeln der damaligen Transkei über Johannesburg und Soweto über Robben Island bis zu seiner Wahl zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas, ist das natürlich noch immer viel zu kurz.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          So drängen sich zunächst Schlaglichter dicht aneinander: Im Nu ist der Junge ein Mann und erfolgreicher Anwalt, der tapfer gegen die Unterdrückung der Schwarzen kämpft, ist der Schürzenjäger verheiratet und auch schon wieder getrennt, ordnet aber ohnehin alles seinem Aktivismus unter („Du kümmerst dich um alle Kinder Afrikas, nur nicht um deine“, sagt die erste Frau Evelyn), wird zum Volkshelden des African National Congress, trifft Winnie Madikizela, die seine zweite Frau wird, verlässt nach dem Massaker von Sharpeville den Weg der Gewaltlosigkeit und geht in den Untergrund, wird gefasst und dann aber nicht zum Tode, sondern zu lebenslanger Haft verurteilt.

          Elbas Turbo-Alterung

          Diese Raffung hat aber wohl auch eine Funktion. In der Haftanstalt auf Robben Island wird der Film jäh ausgebremst, es werden wohl auch schon viele Zuschauer wissen, dass der Mann hier die nächsten siebenundzwanzig Jahre seines Lebens verbringen wird, und umso stärker wirkt nach der vorausgegangenen Tour de Force und mit diesem Wissen die Szene, in der er ganz allein in seiner Zelle steht, dort noch sehr überzeugt den Schlachtruf der Anti-Apartheidsbewegung ausstößt - doch nun zum ersten Mal im Film kein vielhundertstimmiges Echo einer Menge seiner Landsleute erntet, sondern: Stille.

          Wie er den Kampfgeist dennoch nicht verliert, malen die Bilder von Lol Crawley mit Hilfe der beeindruckenden Physis des Hauptdarstellers Idris Elba fast wie eine Hommage an die „Rocky“-Filme aus. Mandela hat das Herz eines Boxers, während er Steine klopfen muss, und erwirkt in sehr kleinen Schritten Erfolge auch im Unterdrücker-Subsystem des Gefängnisses, etwa lange Hosen für die schwarzen Häftlinge. Dann leider zeigt sich das zweite Problem von Biopics, dass sie nämlich oft in Hollywoodmanier auf einen einzigen Star setzen, der aber ein ganzes Leben spielen soll - und deshalb sieht man Elba in der zweiten Hälfte des Films mit zunehmend unwirklicher Maske, die fast ein wenig an Mel Gibsons Turbo-Alterung in „Forever Young“ erinnert.

          Generell ist die Inszenierung manchmal zu farbsatt und der Einsatz von Musik konventionell (Buschtrommeln zu Beginn, ein hoffnungsvolles Lied von U2 zum Abspann).

          In der Biopic-Welt

          Dennoch ist es beeindruckend zu sehen, wie Mandela dann endlich doch noch freikommt, seine Fernseh-Friedensansprache hält und tatsächlich gewählt wird, und es ist bewegend dargestellt, wie er sich durch die jahrzehntelange Trennung von seiner Frau entfremdet hat, sowohl persönlich als auch in der Frage nach der Gewaltbereitschaft des ANC.

          In der Thematisierung des Gewaltkonflikts liegt die größte Stärke des Films - wäre da nicht das dritte Problem von Biopics - sie lassen selten genug Raum für das Leben der anderen. Den für Winnie Mandela nutzt ihre Darstellerin Naomie Harris durch Präsenz und Mimik, so gut es geht, auch wenn man ihr mehr Text gegönnt hätte. Aber dafür sind in der Biopic-Welt wohl eigene Filme vorgesehen, und da gibt es ja auch schon einen (freilich problematischen) mit Jennifer Hudson („Winnie Mandela“) sowie einen über Nelson Mandelas Gefängniswärter James Gregory („Goodbye Bafana“). Ein Aktivist wie Stephen Biko kommt bei Chadwick gar nicht vor. Aber der Film über ihn von Richard Attenborough („Cry Freedom“) bleibt unter den Genannten dennoch der Interessanteste über die jüngere Geschichte Südafrikas.

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