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Gangsterfilm „Legend“ im Kino : Der Bruder bleibt am Ruder

Zwei Brüder, ein Schauspieler: Tom Hardy in einer Doppelrolle als Reggie und Ronnie Kray Bild: dpa

Brian Helgeland erzählt eine wahre Londoner Kriminalgeschichte: Sein Gangsterfilm „Legend“ mit Tom Hardy in einer Doppelrolle behandelt eine mythisch überhöhte Geschwisterkonkurrenz um Macht und Männlichkeit.

          Der Filmtitel klingt eindeutig, aber der Regisseur Brian Helgeland meint nicht nur eine einzige „Legend“ - es geht ihm um mehrere Legenden gleichzeitig. Eine ist das Londoner East End als back- und kopfsteingepflasterte Heimat treuer, arbeitender Seelen, die niemals einen verraten würden, der zu den Ihren zählt. Eine andere sind die fünfziger und sechziger Jahre, die hier ähnlich wie in der Serie „Mad Men“ eine überstilisierte Zeit sind, in der es niemand eine Minute ohne Whisky, Scotch und Zigaretten aushält, was die Türen zu Exzessen sämtlicher Art natürlich weit öffnet. Und eine dritte Legende sind die Brüder im Mittelpunkt der Geschichte: Ronald und Reginald Kray, Zwillinge und Herrscher über die Unterwelt des Londoner East End in den fünfziger und sechziger Jahren.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Krays, heißt es einmal, seien wie Ford, Shell oder Woolworth. Eine Marke also, wobei mit Woolworth sehr schön auf die Fähigkeit zur Selbstironie hingewiesen ist, die Brian Helgeland seinen Brüdern zurechnet. Helgeland, der 1998 für das mit Curtis Hanson verfasste Drehbuch zu dem Gangsterfilm „L.A. Confidential“ einen Oscar bekam, unterwandert in „Legend“ den Mythos mit den Mitteln des Witzes, wo immer er kann. Er übernimmt Fakten wie die Morde an George Cornell und Jack the Hat McVitie, für die beide Brüder letztlich ins Gefängnis gingen. Wie die Revierkämpfe mit einer anderen Straßengangsterbande, den Richardsons. Manches andere aber ist erfunden oder wenigstens großzügig ausgeschmückt, vor allem die Ehe zwischen Reginald Kray und Frances Shea, die in Wahrheit nicht lange hielt, unter den Händen von Helgeland aber zu einer tragenden Säule des Films wird.

          Im Film ist ihre Ehe eine tragende Säule, in Wahrheit haben sie es nicht lange miteinander ausgehalten: Reginald „Reggie“ Kray (links) und Frances Shea
          Im Film ist ihre Ehe eine tragende Säule, in Wahrheit haben sie es nicht lange miteinander ausgehalten: Reginald „Reggie“ Kray (links) und Frances Shea : Bild: dpa

          Ihr verdanken wir schöne Szenen - von einem Zitronenbonbon etwa, das sich die beiden bei ihrer allerersten Begegnung teilen, womit der amouröse Pakt zwischen ihnen schon besiegelt ist. Auch von einem Abend im Nachtclub, den Helgeland, der für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnet, wie ein Gemälde inszeniert, auf das die Kamera von Dick Pope einen langen Blick werfen darf: das vor Selbstgewissheit leuchtende Paar in der Mitte des Raums, das, von anderen Gästen umringt und von der Chansoneuse besungen, einen dieser Momente erlebt, von dem man ahnt, dass es von nun an nicht weiter aufwärtsgeht.

          Eigentlich geht es um Bruderliebe

          Was folgt, ist denn auch die Geschichte eines Niedergangs, geschäftlich wie privat. Dass diese Story, von der man im Grunde nach wenigen Minuten weiß, wie sie enden muss, nicht langweilig wird, liegt dabei an schnellen Schnitten, an einem raschen Wechsel von roher Gewalt und großer Liebe. Es hat auch mit den slapstickhaften Szenen zu tun, die das ganze Geschehen leichter machen, weil sie den Schlägereien die Schwere und der Romanze das Pathos nehmen. Vor allem aber liegt es an dem Schauspieler Tom Hardy, den man als Bösewicht aus Christopher Nolans „Dark Knight Rises“ und vor allem aus „No Turning Back“ kennt und der sich von Anfang an ausbedungen haben soll, nicht nur einen, sondern gleich beide Brüder zu spielen: Sein Reginald ist ein smarter Kämpfer in perfekt sitzendem Anzug, der sein East End mal wie Robin Hood, mal wie ein Pate beherrscht. Sein Ronald aber ist ein Ganove, dessen Schizophrenie-Erkrankung nur allzu leicht darüber hinwegtäuscht, dass er weit mehr Herr seiner Sinne ist, als es den Anschein hat.

          Kinotrailer : „Legend“

          So wie Tom Hardy die beiden Figuren interpretiert, zeigt sich jedenfalls bald, dass die entscheidenden Schlachten nicht zwischen rivalisierenden Banden und auch nicht zwischen den Eheleuten geschlagen werden - dazu ist die Figur der Frances Shea (Emily Browning) ohnehin zu gewöhnlich. Sondern zwischen den Brüdern, und zwar nach klassisch-griechischer Manier. Denn es geht den beiden vordergründig um Fragen der Geschäftsführung, um Macht und Einfluss, aber eigentlich doch um Höheres, nämlich um Liebe, um Bruderliebe.

          Wenn der gute Reginald bei seiner Hochzeit mit Frances seinem Bruder also erklärt, er heirate sie, weil er sich in ihr sehe, dann stimmt das eigentlich nicht. Denn den wahren Spiegel hält ihm nicht die Frau vor Augen, sondern der Bruder, der im Laufe des Films immer mehr zu seinem Gegenspieler wird, dem einzigen, den er nicht besiegen kann. Aus diesem Kampf, der schauspielerisch einer von Tom Hardy gegen Tom Hardy ist, zieht der Film seine Kraft, weil Hardy alles sein darf und alles mögliche ist: Herzensbrecher und Sadist, Muttersohn und Großstadt-Cowboy, Dandy und Narr. Er ist als Ronald ungelenk und als Reginald geschmeidig, und mit beiden unterwirft er sich den Film, wie ein großer Gangster eine Stadt regiert. Etwas Besseres konnte „Legend“ nicht passieren.

          Quelle: F.A.Z.

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