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Kinofilm „A Beautiful Day“ : Nur nicht die Augen schließen

  • -Aktualisiert am

Joe (Joaquin Phoenix) bringt Nina (Ekaterina Samsonov) in Sicherheit. Doch seine Mission ist noch nicht erfüllt. Bild: Constantin Film Verleih Gmb

In Lynne Ramsays Film „A Beautiful Day“ räumt ein Mann unter reichen Kinderschändern auf. Joaquin Phoenix spielt diesen Rächer mit aller Urgewalt. Aber etwas fehlt ihm.

          Schließ die Augen“, sagt der Mann mit dem Hammer zu dem blonden Mädchen. Die Szene, die folgt, ist nichts für zarte Gemüter. Aber das Mädchen hat die Augen nicht geschlossen. Der Blick hält der Gewalt stand, aber der Blick ist leer. Der Mann heißt Joe, das Mädchen heißt Nina. Er rettet sie gerade aus einem Townhouse in New York, wo sie als minderjährige Prostituierte gehalten wurde. Als Waffe verwendet Joe einen Kugelhammer, „made in America“, wie wir ausdrücklich gezeigt bekommen. Joe macht keine Gefangenen, er hinterlässt zertrümmerte Leiber. Nina sieht vielleicht nicht die Leiber, die geborstenen Schädelknochen und die blutigen Gliedmaßen sind ihr egal. Sie sieht diesen Mann mit dem kurzen Namen, der sie ins Freie trägt. Gegen die Freier hat sie sich mit einer Konzentrationstechnik zu schützen versucht: Sie zählt langsam Ziffern herunter, wir wissen nicht, wo sie angefangen hat. Bei tausend? Unerträglicher Gedanke. Bei Hundert? Diese Welt kann nicht mehr lange stehen. Als sie bei null ist, hat Joe sie auf den Schultern, und dann braucht er doch noch einmal den Hammer.

          „A Beautiful Day“ von Lynne Ramsay ist ein Film über eine heillose Welt, in dem die Augen von Nina so etwas wie die letzte Gnadeninstanz sind. Was sie nicht hinter den Schleier ihrer die Dämonen abwehrenden Zähltechnik verbannt, das könnte Bestand haben, das könnte den „schönen Tag“ wert sein, den sie schließlich gekommen sieht. Doch da ist die Rechnung noch längst nicht abgeschlossen, die Joe mit sich herumträgt.

          Joes Lieblingswerkzeug ist der Hammer.

          Ein Mann, der einmal ein Muskelprotz gewesen sein muss, noch immer sind seine Oberarme so, dass er ohne große Anstrengung jemandem den Schädel zerbrechen könnte, wenn er ihn in den Schwitzkasten nimmt. Mit seinem Bart und seinen flackernden Augen sieht Joe aus wie einer dieser wahnsinnigen Propheten, die man auf den Straßen der großen Städte manchmal sieht. Mit dem Unterschied, dass Joe nur das Allernotwendigste spricht. Seine Physis wirkt wie eine Mauer, die das gefangen halten soll, was in ihm wütet. Unter anderem ist das auch der kleine Junge, der Joe einmal war. Ein Junge, der sich mit Plastiktüten die Luft nahm, bis ihm die Sinne schwanden. Bis heute probt Joe auf diese Weise einen Tod, der ihn von allem befreien könnte.

          Ausdruck von Ratlosigkeit

          Beim Festival in Cannes vor einem Jahr lief „A Beautiful Day“ unter dem Originaltitel „You Were Never Really There“ im Wettbewerb. Es war eine Premiere unter besonderen Umständen, denn es war lange ungewiss, ob der Film rechtzeitig fertig werden würde. Der Druck durch den internationalen Terminkalender konnte wie eine Metapher erscheinen für den Überdruck, von dem der Film erzählt. Eine französische Produzentin hatte die schottische Regisseurin Lynne Ramsey („Ratcatcher“) mit dem Roman des Amerikaners Jonathan Ames bekannt gemacht, auf dem „A Beautiful Day“ beruht. Dazu kam mit Joaquin Phoenix ein Schauspieler, der für einen gewissen Hang zum Dämonischen bekannt ist („I’m Still Here“, „The Master“). In Cannes wurde er mit einem Preis als bester Darsteller ausgezeichnet, was man durchaus auch als Ausdruck einer Ratlosigkeit gegenüber dem Film verstehen könnte.

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