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Ludwig II. im Kino : Chancenlos zum bitteren Ende

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Der Marmor ist aus Gips: Sebastian Schipper als der ältere König in „Ludwig II.“ Bild: Bavaria Film / Warner Bros.

Es hat eine Weile gedauert, bis der Märchenkönig Ludwig wieder in die Kinos kam. Doch auch in Peter Sehrs und Marie Noelles neuem Film bleibt das ewige Rätsel unerlöst.

          „König Ludwig hat keine Chance.“ So hieß es vor vierzig Jahren zu Beginn von Hans-Jürgen Syberbergs „Requiem auf einen jungfräulichen König“, in dem der bayerische Regent eigentlich beinahe getreu der eigenen Prinzipien dargestellt wurde - bloß keine herkömmliche Repräsentation, alles werde Tableau: ein Kostümfilm als Abfolge von Gedankenbildern.

          Dass Syberbergs Ludwig in der deutschen Filmgeschichte nicht das letzte Wort bleiben konnte, war klar. Es hat aber eine ganze Weile gedauert - sieht man von dem klugen, aber wenig bekannten „Ludwig 1881“ der Brüder Dubini aus dem Jahre 1993 ab -, bis Ludwig neuerlich im Kino auftaucht. Peter Sehr und Marie Noelle verzichten bei ihrer neuen Version nun auf einen interpretierenden Titel. Sie legen schlicht einen „Ludwig II.“ vor, und geben damit im Grunde auch schon die Devise für ihre Verfilmung aus: Diese Figur bedarf keiner Deutung, sie erklärt sich von selbst, solange man sich nur die Mühe macht, das Dekor der Epoche (und die seltsamen Bärte ihrer philiströsen Vertreter) nachzustellen.

          Eine ästhetische Verblendung

          Der Ludwig, den Sehr und Noelle entwerfen, ist vor allem von einem grundsätzlichen Impuls gegen die Realpolitik charakterisiert. Schon als Kronprinz entzieht er sich, obsessiv Runden im Sägemehl reitend, allen Versuchen, ihm die „Spiele der Macht und der Politik beizubringen“. Als sein Vater stirbt, hüllt er sich gern in den Hermelin, der mit dem neuen Amt kommt. Aber sein Programm ist von einem erweiterten Herrschaftsbegriff geprägt: „Bayern soll zum Mittelpunkt der Schönheit werden.“

          Für dieses Vorhaben steht seine entscheidende Personalie. Ludwig holt Richard Wagner nach Bayern, jenen Revolutionär und Komponisten, der ihn auch in seinem Alternativprogramm „Orchester statt Büchsen“ bestärkt.

          Die entscheidende Personalie: Ludwig II. (Sabin Tambrea) holt Richard Wagner (Edgar Selge) nach Bayern
          Die entscheidende Personalie: Ludwig II. (Sabin Tambrea) holt Richard Wagner (Edgar Selge) nach Bayern : Bild: Bavaria Film / Warner Bros.

          Der „Lohengrin“ ist für Sehrs und Noelles Ludwig (doppelt besetzt mit Sabin Tambrea und - für die späten Jahre - Sebastian Schipper) das wichtigste Interpretament seiner selbst. Aber er versteht davon immer nur das, was ihn daran hindert, sich selbst zu verstehen. Es gibt einen Schnitt in „Ludwig II.“, in dem der König in seiner Loge das Bühnengeschehen exklusiv auf sich selbst bezieht - er ist ganz allein das Publikum, seine Verlobte Sophie ist für ihn die neue Elsa, er unterliegt einer ästhetischen Verblendung, die aufzulösen das eigentliche Thema aller Ludwig-Filme ist. Visconti mit seinem ebenfalls 1972 entstandenen „Ludwig II.“ und Syberberg entschieden sich dafür, Ludwig als unbewusste Dekadenzfigur zu sehen, als Chiffre für das lange schlafwandlerische neunzehnte Jahrhundert, das in die Katastrophen des zwanzigsten glitt.

          Eine wohlfeile Rehabilitation

          Peter Sehr und Marie Noelle hingegen sehen nicht viel mehr als einen sympathischen Nonkonformisten, der halt ein wenig enthusiastisch ist und seiner Sexualität nicht trauen kann. Ausgeliefert einer technokratischen Psychologie, unfähig zur Sublimierung (nicht einmal Neuschwanstein hilft!), muss er ja zwangsläufig zum klinischen Fall werden. Hätte ihn aber der Kuss gerettet, den ihm ausgerechnet in der exaltierten Situation eines Gipfelsiegs der Stallmeister Hornig anträgt? Für solche Gedanken, für ein Erzählen in fiktiven Alternativen, für eine auf Implikation zielende Inszenierung ist in „Ludwig II.“ kein Platz, denn es gilt hier, das ganze Programm durchzuziehen: Ludwigs Chancenlosigkeit bis zum bitteren Ende, in dem die Hofschranzen dazu übergehen, dem königlichen Bauherren Gips statt Marmor unterzujubeln.

          1993 hat Peter Sehr mit einem „Kaspar Hauser“ auf sich aufmerksam gemacht, danach hat er nur sporadisch Regie geführt, sodass mit dem „Ludwig II.“ nun fast so etwas wie eine Signatur seines Werks erkennbar wird: Es ist der Überschreibung des Neuen deutschen Films gewidmet; an die Stelle prononcierter Interpretation setzt er eine konventionelle Bebilderungsästhetik. Die ambivalente Selbstverschlüsselung Ludwigs (“Majestät soll ein ewig Rätsel bleiben“) wird hier zum Freibrief für eine Erzählposition, die das überlieferte Material nicht einmal mehr nach originären Anhaltspunkten durchsucht, sondern es einfach gefällig arrangiert. Dass Ludwigs Schlösser heute Touristenmagneten sind, dass sie sich also langfristig als keineswegs ruinös, sondern als gute Investition erwiesen haben, weisen Sehr und Noelle schließlich als das eigentliche Motiv für ihren „Ludwig II.“ aus. Ihr Film will auch Weltkulturerbe sein, allerdings auf Landesanstaltenniveau. Dass Ludwig mit seinem Kunstprogramm keine Chance hatte, bestätigt sich umso deutlicher, als ihm hier eine wohlfeile Rehabilitation widerfährt.

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