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„Loving“ im Kino : Der Sheriff vertritt das Unrecht

  • -Aktualisiert am

Richard Loving und Mildred Jeter durften in Virginia nicht heiraten, weil sie nicht dieselbe Hautfarbe hatten. Bild: dpa

Mehr als ein halbes Jahrhundert ist der Fall her, aber er bietet manchen Schlüssel zur Gegenwart: Jeff Nichols erzählt im Film „Loving“ die Geschichte einer verfolgten Liebe.

          Im Jahr 1958 meinte der Staat Virginia in Amerika, seinen „Frieden“ und seine „Würde“ gegen zwei Menschen verteidigen zu müssen, die eigens in den benachbarten Staat Washington gefahren waren, um dort zu heiraten: Richard Loving und Mildred Jeter. Sie durften in Virginia nicht ehelich zusammenleben oder gar das Bett teilen, weil sie nicht dieselbe Hautfarbe hatten. Richard war weiß, Mildred hingegen „colored“, ihre Beziehung war eine „miscenegation“, eine Vermischung von Rassen. Für die Rassen hat Gott unterschiedliche Lebensbereiche eingerichtet, heißt es im Film „Loving“ von Jeff Nichols einmal beiläufig in einer Urteilsbegründung, und hätte er gewollt, dass sie sich vermischen, dann hätte er das auch geographisch deutlich gemacht, und nicht den „Roten“ Amerika und den „Schwarzen“ Afrika zugeteilt. So ist das eben mit dem Rassismus, er macht sich seine eigene Vernunft, auch wenn sie hanebüchen ist.

          Der Fortschritt nimmt in Amerika häufig den Weg durch die juristischen Instanzen. Das führt zu Konstellationen, in die das Kino gut einsteigen kann. Denn ein Verfahren Richard und Mildred Loving gegen den Staat von Virginia ist eines, in dem Menschen aus Fleisch und Blut auf Prinzipien treffen, die aber auch von Menschen aus Fleisch und Blut vertreten werden. In der Version, wie Jeff Nichols die Geschichte der Liebe der Lovings erzählt, ist es vor allem ein Sheriff, der mit seinen Ansichten noch tief im neunzehnten Jahrhundert zu stecken scheint. Und auch bei dem ersten von vielen Gerichtsterminen, den Richard und Mildred zu bestehen haben, hat man das Gefühl einer Zeitreise. Aber genau darum geht es ja auch tatsächlich bei „Loving“, mit dem das amerikanische Kino seine Rekapitulation der afroamerikanischen Emanzipation in den Bürgerrechtsbewegungen seit den fünfziger Jahren fortsetzt.

          Als wäre normal, was normal ist

          Richard Loving (Joel Edgerton) ist ein unwahrscheinlicher Held für eine historische Entwicklung, und das macht ihn natürlich zum idealen Helden. Ein schweigsamer Mann, der vor allem geschickt mit den Händen ist, als Maurer oder Mechaniker. Er liebt Mildred so, als wäre das alles ganz normal, und das ist es ja auch, nur nicht in der Welt, in der er lebt. Es ist eine bukolische Welt, immer wieder achtet Jeff Nichols darauf, die landschaftliche Pracht des Südens zu zeigen. Es könnte geradezu paradiesisch sein, allerdings zeigen sich Richard und Mildred im Film zum ersten Mal öffentlich bei einem Dragster-Race, einem Beschleunigungsrennen zwischen auffrisierten Autos. Fünfziger-Jahre-Karossen, wohlgemerkt, also eher feist als furios. In dieser Welt bewegt Richard sich ohne Arg.

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          Sein Name gibt Jeff Nichols die Gelegenheit, dem Film einen doppelten Boden einzuziehen. Denn es geht auch darum, was das heißt, dass zwei Menschen sich lieben, wenn zunehmend die ganze Welt an ihrem Leben Anteil zu nehmen beginnt. In der ersten Hälfte von „Loving“ bleibt fast ein wenig rätselhaft, was Richard und Mildred eigentlich verbindet, so selbstverständlich gehen sie miteinander um, ohne dass Nichols es darauf anlegen würde, diese Ehe, dieses Lieben, durch die eine oder andere Schlüsselszene zu charakterisieren.

          Erst allmählich gewinnt Mildred in der Beziehung an Profil. Ruth Negga in der Rolle der Mildred ist die größte Entdeckung in einem Film mit vielen guten Charakterdarstellern. Mit Sharon Blackwood, die Richards Mutter spielt, fühlt man sich beinahe in die verwunschene Welt eines Klassikers wie „Night of the Hunter“ zurückversetzt, als Frauen noch Waffen trugen. Die Darsteller der Familie von Mildred sind alle bisher eher unbekannt, auch das ein Indiz für ein einseitiges Starsystem, dem sich Nichols aber ohnehin immer schon verweigert hat.

          Wenn Amerika ganz bei sich ist

          2007 begann er mit „Shotgun Stories“ seine Erkundungen des ländlichen Amerikas. 2016 war er mit „Midnight Special“ im Wettbewerb der Berlinale. In dieser unorthodoxen Verbindung aus Sektenthriller und Science-Fiction-Abenteuer war auch schon Joel Edgerton zu sehen gewesen, und Nichols zeigte sich darin vor allem als exzellenter Beobachter dieser vielen Kleinigkeiten, in denen Amerika meint, ganz bei sich zu sein – man könnte eine Kulturgeschichte darüber schreiben, wie Männer in Filmen das Bier halten, oder das Lenkrad, und wie es als Ausweis von Virilität zu gelten scheint, so undeutlich wie möglich zu artikulieren. Auch Loving ist so ein Grummler, er spricht, als müsste er dauernd mit sich ringen. Umso größer wirkt dann der eine Satz, auf den es ankommt, eine Liebeserklärung, die so einfach ist, dass der Supreme Court darauf ganze Gesetzeswerke begründen könnte.

          Man braucht einen längeren Atem, um mit „Loving“ nicht die Geduld zu verlieren, wird dann aber belohnt. Mit der Ankunft zweier junger Anwälte von der Ostküste bekommen die einfachen Menschen von Virginia eine ambivalente Vertretung, der gegenüber sie sich nach besten Kräften behaupten – der Populismus von Nichols liegt ja gerade darin, dass die Lösung aus den Figuren selbst kommen muss. Nur so bleibt das Urvertrauen gewahrt, mit dem das amerikanische Kino in seinen Geschichten darauf setzt, dass sich im Zweifelsfall von selber versteht, worauf es ankommt.

          In dieses Selbstverständnis, das in Wahrheit natürlich eine Konstruktion nicht zuletzt dieses klassischen Kinos ist, in dessen Tradition Nichols sich so klug stellt, wird in „Loving“ auch die afroamerikanische Bevölkerung einbezogen, und mit dem Ehepaar Richard und Mildred Loving gewinnt Amerika inklusive Virginia schließlich seine Würde zurück. Was den inneren Frieden anlangt, das ist eine andere Sache.

          Quelle: F.A.Z.

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