Tausend Folgen wird die "Lindenstraße" im Januar 2005 lang sein, um über diese Wegstrecke den Überblick zu behalten, braucht es schon einen handlichen historischen Überblick über knapp zwanzig Jahre Seriengeschichte, den die Anhänger der Endlosseifenoper der ARD für weniger handliche 99 Euro im Vorweihnachtsbuchgeschäft erwerben können.
Bei einer Präsentation diese Kompendiums haben wir in München den Vater und Produzenten der "Lindenstraße", Hans W. Geissendörfer, getroffen und ihn gefragt, wie es weitergeht. Mit dem Budget, mit der Serie, mit ihm, bis 2008, und überhaupt.
Sie haben gerade mit der ARD die Fortsetzung der "Lindenstraße" ausverhandelt. Sie haben zwar finanziell eine Nullrunde zu gewärtigen, aber dafür einen Vertrag bis Ende 2008. Ein Grund zum Feiern?
Sie haben uns einen neuen Vertrag gegeben und dabei zumindest nichts genommen. Die ARD weiß, daß, wenn man die Basis nicht mehr liefern kann, es sehr schnell bergab geht. Wir fahren eine Nullrunde. Aber ich bin deshalb nicht verzweifelt. Ganz im Gegenteil bin ich sehr froh, daß wir nicht an Figuren, Ausstattung und Drehzeit sparen müssen. Wir werden sehr ernsthaft versuchen, weiterhin qualitativ hochstehendes Fernsehen zu machen. Was auch für die Technik gilt. Wir drehen jetzt im Format 16:9 und in Stereo.
Mit wem haben Sie über den neuen Vertrag verhandelt?
Mit der Ko- und Auftragsproduktionstochter der ARD. Die hatten sechs bis sieben Sitzungen mit uns. Alles war auf dem Prüfstand. Die Kalkulation ist noch nie so hart gewesen.
Man hatte aber zwischenzeitlich - was in all den Jahren keinen verwundert - den Eindruck, Sie ließen die Figuren schleifen, und es dümpele so vor sich hin.
Das ist eine falsche Interpretation. Fakt ist: Wir hatten vor zehn Jahren einen Autorenwechsel. Die Autoren Straub und Borger sind Hals über Kopf aus der Serie ausgestiegen. Ich mußte sehr schnell neue Autoren finden, und das ist verdammt schwer. Wenn Sie nur sich selbst haben als Traditionsesel, der alles weiß und die Kontinuität garantiert, und Sie kommen mit neuen Leuten zusammen, die Sie testen müssen, dann bedeutet das - zwei Jahre Arbeit. In dieser Phase sind die Bücher nicht so gut gewesen und die Figuren nicht so betreut worden, wie sie vorher betreut wurden. Das haben die Zuschauer auch gemerkt. Das Team, das wir jetzt haben, ist seit sieben Jahren stabil. Wir waren nie ganz schlecht, aber, sagen wir - dellig.
Wieviel Einfluß nehmen Sie noch auf die einzelnen Folgen?
Ich sitze mit zwei oder drei Autoren zweimal im Jahr im Hotel zusammen bis zum Abendessen. Mit dem Frühstück geht es dann wieder weiter. Vierzehn Tage lang entwickeln wir 26 Folgen - das ist die Storyline-Sitzung. Da werden die Themen festgelegt und die Weiterentwicklung der Figuren. Jede Folge wird inhaltlich mit allen drei Handlungssträngen beschrieben. Die ARD muß das genehmigen, was kein großes Problem ist. Erstens können wir es langsam, aber man läßt uns auch Narrenfreiheit, solange wir die Rundfunkgesetze nicht verletzen. So ist mein Einfluß zu Beginn sehr groß, denn die Storylines sind die Bibel. Unsere letzte Sitzung war übrigens Anfang bis Mitte Oktober.
Und wie kommen die aktuellen Anspielungen in die Folgen?
Wir aktualisieren jeden Montag.
Verspürten Sie eigentlich nie den Drang, mal wieder fürs Kino zu drehen?
Habe ich doch. Am 20. Januar ist Premiere. Selten war ich so versöhnt mit der Arbeit. Es ist ein riesiger Schauspielfilm, wie er in Deutschland nicht alle Tage gemacht wird. Ich bin gespannt, wie das Publikum das annimmt.
Brauchten Sie das als Ausgleich, weil Sie in der "Lindenstraße" so viel unterbringen müssen?
Das ist eine Erklärung, die ich so noch nicht gedacht habe. Mag aber sein. Ich habe zehn Jahre nach dem Stoff gesucht, der mich reizte, mich wieder zu bewegen. Filmemachen ist eine Anstrengung, es kostet sehr viel Zeit und ist ein einsamer Job, eine Last. Und es ist schwerer geworden, Filme mit meinem Anspruch zu realisieren. Vieles ist trashiger geworden oder zielgruppenorientierter. Für cineastisch abenteuerliche Filme Gelder zu kriegen ist schwer.
Und was schauen Sie sich selbst gern an?
Über Bully Herbigs "Traumschiff" konnte ich lachen. Ich gucke allerdings wenig Fernsehen. Dazu mangelt es mir an der Zeit. Mein Lebensmittelpunkt liegt in London. Ich sehe englische Nachrichten oder - "Coronation Street". Das Vorbild unserer "Lindenstraße" ist immer noch erfolgreich. Gerade hat die Serie wieder den TV-Award gewonnen, bei der Verleihung war ein Mitglied der Königsfamilie dabei, Premierminister Tony Blair und einige Minister. Wenn bei uns ein Fernsehpreis verleihen wird, kommt mit viel Glück der Bürgermeister der Stadt, die das ausrichtet.
Haben Serien ein zu schlechtes Image?
Aber natürlich. Für manche Schauspieler ist die Serie das Allerschlimmste. Was ein absoluter Nonsens ist, weil es nicht stimmt. Seriendarsteller sind schließlich viel härter gefordert als ein Schauspieler, der unter einer guten Regie einmal ein gutes Einzelstück abliefert. Die Urkrankheit ist, die Dinge in E- und U-Fernsehen zu splitten. Das ist völliger Unsinn. Mir geht die Arroganz der Branche auf die Nerven. Natürlich gibt es auch idiotischen Ramsch.
Aber nehmen Sie Ihren Schauspielern mit dem Jahrzehnte währenden Einsatz in der "Lindenstraße" nicht die Biographie? Zumindest die berufliche?
Das wird irgendwann zu einem nachhaltigen Entschluß. Der Schauspieler entscheidet und sagt sich: Es hat einen Sinn, mich derart einzusetzen, ich kann in jeder dritten Folge etwas Vernünftiges tun, ich kann zeigen, daß ich ein guter Schauspieler bin und - ich verdiene gutes Geld. Natürlich muß ich mit der Einschränkung leben, daß es nicht so leicht sein wird, im "Tatort" eine Hauptrolle zu kriegen. Das ist in Amerika übrigens anders. Der Marktwert von Serien und Serienschauspielern wird hier nicht gesehen und nicht anerkannt, das ist hirnverbrannt, aber es ist so.
Wie lange laufen eigentlich die Verträge Ihrer Schauspieler?
Die meisten haben für dreieinhalb Jahre unterschrieben. Manche nur für ein Jahr, getrieben von der Hoffnung, daß Hollywood nach ihnen schreit.
Wie geht es mit Annemarie Wendl und ihrer Rolle der Hausmeisterin Else Kling weiter? Ist sie wieder gesund?
Annemarie Wendl dreht jetzt wieder, und ich hoffe, daß sie uns noch ein paar Jährchen erhalten bleibt. Else Kling ist Kult. Sie ist die einzige, die in allen Folgen auftreten darf, über 52 Folgen im Jahr. Sie hat noch einen Vertrag bis zum nächsten August. Wenn sie Zeit hat, gehen wir essen und reden über einen neuen Vertrag.