16.09.2004 · Ein Star verliebt sich in ein junges Mädchen: Es ist eine alte Geschichte, aber nie war sie so gut besetzt wie mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall. An diesem Donnerstag wird sie achtzig.
Von Andreas KilbEs ist eine alte Geschichte: Ein Regisseur sieht ein Mädchen auf dem Titelbild eines Modemagazins und lädt es zu Probeaufnahmen ein. Das Mädchen kommt nach Hollywood, zieht mit seiner Mutter zusammen in ein möbliertes Apartment, trainiert seine Stimme und sein Auftreten, verändert sein Make-up und seine Frisur und darf endlich mit dem fünfundzwanzig Jahre älteren Frauenschwarm vor der Kamera stehen, dem Star melancholischer Detektiv- und Liebesfilme.
Der Star verliebt sich in das Mädchen. Der Regisseur nutzt die Spannung zwischen den beiden für das gemeinsame Filmprojekt. Der Star und das Mädchen werden ein Paar, sie drehen einen zweiten Film für den Regisseur, und beide werden zu Klassikern ihres Genres.
Marlene vor zwanzig Jahren
Es ist eine alte Geschichte, aber nie war sie so gut besetzt wie damals mit Howard Hawks, Humphrey Bogart und Lauren Bacall. "Das bin ich vor zwanzig Jahren!" soll Marlene Dietrich gerufen haben, als sie Bacall neben Bogart in "Haben und Nichthaben" sah, und auch Hawks dachte an Dietrich, als er das Mädchen aus New York zum ersten Mal sah: ihre klaren Züge, ihre hohe Stirn, ihre kühle Sinnlichkeit.
Alles Blick: Zum Achtzigsten von Lauren Bacall
Aber 1944 hatte Hollywood seine Gründerzeit schon mindestens zwanzig Jahre hinter sich, die jungen Mädchen wußten, was auf sie zukam, wenn sie an den Sunset Boulevard zogen, und die Stars der Detektivfilme kannten das Geschäft ebensogut wie ihre Regisseure. Bogart nahm Bacall unter seine Fittiche, bald waren sie eins der strahlendsten Ehepaare der Kinohauptstadt, und als die Zusammenarbeit mit Hawks nach "Tote schlafen fest" endete, gingen die Karrieren der beiden dennoch weiter - auch wenn Bacall mit ihren komödiantischen Rollen nach "Wie angelt man sich einen Millionär?" und Minnellis "Designing Woman" bald in eine Sackgasse geriet.
Leidenschaft fürs Theater
Kurz vor Bogarts Tod 1957 drehte sie mit Sirks "Written in the Wind" einen ihrer schönsten Filme, die Geschichte eines Liebesquartetts, in dem Begierde, Haß und Eifersucht wie eine Infektion weitergegeben werden. Danach entfremdete sie sich allmählich dem Kino und entdeckte ihre Leidenschaft für das Theater, und nach "Harper" (1966) drehte sie acht Jahre lang keinen Film mehr, ehe sie mit "Mord im Orient-Expreß" und "Der Shootist" auf die Leinwand zurückkehrte. Seither war Lauren Bacall vor allem in starken Nebenrollen zu sehen, so in Rob Reiners "Misery", Altmans "Prêt-à-porter" und zuletzt in Lars von Triers "Dogville". Ihre Autobiographie von 1978 war ein Welterfolg, nicht zuletzt darum, weil sie mit derselben Klarheit auf ihr Leben blickt, die auch ihre besten Filmrollen auszeichnet.
Wenn Kritiker über Bacall schreiben, die heute vor achtzig Jahren als Betty Joan Perske in New York geboren wurde, verleihen sie ihrer Schönheit oft das Attribut "herb". Das ist ungerecht, weil es das Strahlen dieses Gesichts, dem die weichzeichnende Kamera bei Hawks einen zusätzlichen Zauber gibt, relativiert, weil es der Erscheinung einen Vergleichsmaßstab einzieht, den sie nicht braucht.
Viel treffender drückt ein Spitzname, den sie gleich nach dem Kinostart von "Haben und Nichthaben" bekam, Bacalls Wirkung aus: "the look", der Blick. Noch heute fühlt man sich von ihr angeblickt, wenn man ihre Filme sieht, und nur darauf kommt es im Kino an. Wenn man wie Büchners Danton seine mediceische Venus stückweise zusammensetzen müßte, dann bräuchte man ein großes Stück von Lauren Bacall.