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„Legende“ Günter Netzer Er will doch nur spielen

07.05.2006 ·  Die ARD-Sendung über die „Legende“ Günter Netzer ist ein Porträt ohne Biß. Die Folge ist einfallslos und spart mit Kritik gegenüber ihrem Hauptdarsteller. Netzer ist bei der ARD rundum allianzversichert.

Von Andreas Platthaus
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Das Adjektiv „legendär“ darf in einer Serie mit dem Titel „Legenden“ ruhig inflationär gebraucht werden. Aber ist es angebracht, am Anfang einer Folge zu behaupten: „Kein Fußballer ist so verklärt worden“, und am Ende: „Bis heute ist sein Ruhm unerreicht“, wenn in dieser Reihe außer dem Gelobten Pele, Diego Maradona, Uwe Seeler und Zinedine Zidane gewürdigt werden? Und Franz Beckenbauer schon eine Folge gewidmet bekam, während Cruyff, Garrincha, Fritz Walter, di Stefano, Jaschin oder George Best noch nicht vertreten waren? Darf Günter Netzer sagen, auch nur mit einem der Genannten auf einer Stufe zu stehen, was die allgemeine Einschätzung als Legende betrifft? Vermutlich würde er es tun.

Denn Netzers Selbsteinschätzung, das zeigt das Porträt, das die ARD im Rahmen ihrer „Legenden“-Reihe ausstrahlt, ist von keiner falschen Bescheidenheit getrübt. Man darf es rührend nennen, wenn Wolfgang Overath, sein großer Antipode aus den frühen siebziger Jahren, sich darum bemüht, die einstige Rivalität herunterzuspielen: „Wir haben uns geeinigt. Er war im Verein der bessere, ich in der Nationalmannschaft.“ Drei Minuten früher konnte man Netzer hören, wie er den Unterschied zu Overath beschrieb: „Seine Leistung war immer mehr oder weniger gut. Sie war aber nie so überragend, wie ich gespielt habe.“ Es ist schön, daß das von der ehemaligen Sportredakteurin und jetzigen „Tagesthemen“-Moderatorin Anne Will und dem freien Journalisten Tom Ockers gedrehte Porträt solche Gegensätze unkommentiert stehen läßt. Hätte es doch auch sonst geschwiegen . . .

Schlagwerk

Klappern gehört zum Handwerk, aber hier ist ein ganzes Schlagwerk zum Einsatz gekommen. Netzer bekommt als einzige fernsehbeglaubigte „Legende“, die auch noch fester Geschäftspartner der ARD ist, einen Empfang, wie es seinem Bankkonto angemessen ist. Ehrt eure großen Männer, sagt schon der Dichter, und Günter Netzer müßte zugeben: Selten so geehrt worden. Und so verehrt. Von Fragestellern, die nichts als Stichpunkte geliefert haben.

Legendär sind heute bestenfalls noch zwei Ereignisse in der Karriere des Spielers Netzer. Das eine ist das Siegtor in der Verlängerung des DFB-Pokalfinales von 1973 gegen den 1. FC Köln. Dreimal wird es im Laufe der Sendung gezeigt - nicht, weil es so schön wäre, sondern weil Netzer sich ohne Wissen und gegen den Willen seines Trainers Hennes Weisweiler selbst eingewechselt hatte. „Ich spiel' dann jetzt“, hat er Weisweiler auf dem Weg zum Platz zugerufen, und Wolfgang Kleff, der - dieser Begriff sei angesichts seiner sonstigen Entwertung auch hier erlaubt - legendäre Torwart von Borussia Mönchengladbach, erinnert sich, wie Weisweiler nach dem Netzer-Tor vor Ärger den Kopf in die Hände vergrub, obwohl seine Mannschaft damit den Pokal gewann.

Einfallsreich ist nichts in dieser Sendung

Die zweite Legende dreht sich um die „Tiefe des Raumes“, jene Dimension, die Karl-Heinz Bohrer in dieser Zeitung 1972 erfand, um Netzers Spiel beim - nun wirklich - legendären Sieg der deutschen Nationalmannschaft im Wembley-Stadion zu charakterisieren. Von diesem Spiel zeigt man uns keine Sekunde, und Bohrers Sprachschöpfung wird als „Journalistenpoesie“ und „endlos wiederholt“ abqualifiziert - kein Grund indes für den Kommentar, die Wiederholungen durch ständigen Gebrauch der Floskel zu verlängern. Die einzige sprachkreative Eigenleistung der fünfundvierzig Fernsehminuten besteht dagegen in der Beschreibung der Mönchengladbacher Trikotfarbe als „fohlenweiß“.

Nein, einfallsreich ist nichts in dieser Sendung. Darf man denn wenigstens einen kritischen Umgang mit ihrem Gegenstand erwarten, etwa betreffs Netzers Rolle als Übertragungsrechtehändler im Dienste der Fifa? Natürlich nicht, außer daß Gerhard Delling zu Wort kommt, der seinen Ko-Kommentator als „total ehrlich“ beschreibt, weil dieser auch an Spielen, deren Ausstrahlung die eigene Firma vermittelt habe, herumgekrittelt habe. Für wie naiv hält man uns eigentlich? Solche Kritik hat doch nichts anderes zum Ziel, als die Spieler zu besseren Leistungen anzuspornen, auf daß später guten Gewissens wieder ähnlich viel Geld oder gar mehr für die Übertragungsrechte zu erzielen ist.

Rundum allianzversichert

Netzers Geschäftstalent brachte ihn dazu, schon als Spieler in Mönchengladbach eine Versicherungsagentur zu gründen. Heute beschreibt er es als sein größtes Talent, Arbeit delegieren zu können. Die ihm gewidmete „Legenden“-Folge ist der beste Beweis dafür. Wozu selbst am Mythos arbeiten, wenn es dazu Handlanger gibt?

Netzer hat aus seiner früheren Branche eine wichtige Handlungsmaxime mitgenommen: Versichern, und alles weitere der Versicherung überlassen. Bei der ARD ist er, um mit einem Begriff der Werbung zu sprechen, rundum allianzversichert.

Der Film über Günther Netzer in der Reihe „Legenden“ läuft am Montag, 8. Mai, um 21 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z. vom Montag, 8. Mai 2006
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