10.08.2005 · Der Kronprinzensohn Lachlan Murdoch trat aus dem Medienreich „News Corp.“ seines Vaters Rupert ab. Die genauen Gründe sind unklar. Innerhalb der großen Familie des Medienmoguls geht es um Macht und Positionskämpfe.
Von Norbert Kuls, New YorkDer Informationsgehalt der Nachricht war für einen Medienkonzern nicht sonderlich hoch. Vor knapp zwei Wochen teilte Lachlan Murdoch kurz und bündig mit, daß er die News Corp., das Medienimperium seines Vaters Rupert, verlassen werde. Die offizielle Erklärung dafür ließ jedoch viele Fragen offen. Er wolle mit seiner Frau - er ist mit dem Fotomodell Sarah O'Hare verheiratet - und seinem Baby von New York nach Australien zurückkehren, sagte der 33 Jahre alte Murdoch.
Vater Murdoch ließ per Presseerklärung verbreiten, daß ihn die Entscheidung seines Sohnes „traurig“ mache. Hinter dieser dürftigen Nachrichtenlage verbirgt sich allerdings eine Seifenoper erster Güte. Es geht um einen handfesten Zwist in der großen Familie des zum dritten Mal verheirateten Murdoch. Und es geht um die künftige Kontrolle über einen der größten Medienkonzerne der Welt.
Diskussionen über den Nachfolger
Zur New Yorker News Corp., die ursprünglich in Australien beheimatet war, gehören zahlreiche Zeitungen wie die Londoner „Times“ und das Boulevardblatt „New York Post“. Zudem gehören das Hollywood-Filmstudio Twentieth Century Fox, der Fernsehsender Fox sowie der Satellitenfernsehanbieter DirecTV zum Konzern. In Großbritannien besitzt die News Corp. die Kontrolle über den Bezahlsender BSkyB, der von Lachlans jüngerem Bruder James geführt wird.
Lachlan Murdoch, der seit 1994 für die News Corp. tätig war, hatte seit geraumer Zeit als Kronprinz gegolten. Nach seinem überraschenden Rücktritt hat in der Branche wieder die Diskussion um einen Nachfolger für den 74 Jahre alten Rupert Murdoch begonnen, der allerdings keine Ermüdungserscheinungen zeigt. Zudem sorgt ein weiterer Medienmogul, Liberty-Media-Chef John Malone, für Unsicherheit. Malone hatte Ende des vergangenen Jahres seinen Anteil an der News Corp. kräftig aufgestockt, und es ist nicht klar, was er damit vorhat.
Probleme mit Frau Nummer drei
Der Rücktritt von Lachlan Murdoch hat Zeitungsberichten zufolge mehrere Gründe. Zum einen soll sein Vater zu extremer Kontrolle neigen und die Arbeit seines Sohnes im Konzern unterminiert haben. Lachlan bekleidete zwar den Posten eines stellvertretenden Chief Operating Officer, war also mit für das operative Geschäft des Gesamtkonzerns verantwortlich. Damit rangierte er an dritthöchster Stelle im Unternehmen. Geschäftsführer mehrerer Tochtergesellschaften berichteten an ihn. Zumindest war das auf dem Papier so. Denn viele Tochtergesellschaften wurden von erfahrenen und einflußreichen Managern geführt, die die Einmischung von Lachlan nicht schätzten.
Zudem griff Vater Murdoch selber nach Belieben ein. Die deswegen gespannte Atmosphäre zwischen Vater und Sohn wäre nach Ansicht von Insidern aber allein kein Grund für einen Rücktritt gewesen. Aber die Beziehung zwischen Rupert Murdoch und Lachlan sowie zu seinen drei weiteren Kindern aus erster und zweiter Ehe sind noch aus einem weiteren Grund angespannt. Der Grund ist Murdochs dritte Frau Wendi Deng, eine 36 Jahre alte ehemalige Managerin bei einer News-Tochtergesellschaft in Hongkong, mit der der Tycoon zwei kleine Kinder hat. Deng, die Murdoch vor sechs Jahren geheiratet hatte, fordert die gleichen Rechte für ihre beiden Kinder, die deren ältere Halbbrüder und -schwestern besitzen.
Die Zeit nach Rupert Murdoch
Es geht dabei um die Kontrolle des Mediengiganten in der Zeit nach Rupert Murdoch. Neben Lachlan und James gehört noch Elisabeth zu den Kindern aus zweiter Ehe mit seiner damaligen Frau Anna. Dazu gibt es noch Prudence, eine Tochter aus erster Ehe. Murdoch hat im Scheidungsvertrag mit Anna vereinbart, daß die Kontrolle des familiären Aktienanteils für die vier Kinder aus erster und zweiter Ehe bewahrt wird. Anna, die 31 Jahre mit Murdoch verheiratet war, hatte im Interesse der Kinder gehandelt und dafür auf eine höhere Abfindung für sich selbst verzichtet.
Die Murdochs halten knapp dreißig Prozent an der News Corp. Der Wert der Stimmrechtsaktien, die seit der Scheidung in einem Treuhandfonds liegen, beläuft sich auf 5,1 Milliarden Dollar. Dazu gibt es noch einen Block stimmrechtsloser Aktien im Wert von knapp einer Milliarde Dollar. Die vier älteren Kinder haben zwar nichts dagegen, ihre beiden Halbschwestern stärker finanziell daran zu beteiligen. Sie wollen aber nicht die Kontrolle abgeben.
Kontrolle von Murdoch gefährdet
Rupert Murdoch hat nun auf Drängen seiner Frau Wendi versucht, die Vereinbarung zu ändern, um seinen Töchtern Grace und Chloe später auch Kontrolle über diese Aktienpakete zu geben. Dieser bisher nicht geklärte Zwist bricht zu einem ungünstigen Zeitpunkt für die News Corp. aus. Zum ersten Mal seit fünfzig Jahren ist nämlich die Kontrolle von Murdoch bedroht. John Malones Kabelkonzern Liberty Media hält mittlerweile achtzehn Prozent der News-Corp.-Aktien.
Das ist der zweitgrößte Anteil nach der Familie Murdoch. Murdoch und Malone suchen allerdings nach Wegen, die Beteiligung von Liberty rückgängig zu machen. Die Gespräche haben noch nicht zu einem Ergebnis geführt. „Es ist unwahrscheinlich, daß es 2005 irgendeine Transaktion geben wird, die die Beziehung zur News Corp. substantiell ändern wird“, sagte Malone in der vergangenen Woche.
Möglicher Kronprinz
An der Wall Street wurde der Abtritt von Lachlan Murdoch unterdessen ohne sonderliche Aufregung quittiert. Murdoch hat seine Nummer zwei, den für das operative Tagesgeschäft zuständigen Peter Chernin, als Nachfolger vorgesehen, falls ihm kurzfristig etwas zustoßen sollte. Langfristig zieht Murdoch jedoch eine Familienlösung bei der Nachfolgeplanung vor. An der Wall Street gibt es dazu skeptische Stimmen. „Investoren halten es für eine gute Sache, daß Chernin der Nachfolger zu sein scheint“, sagte Rich Greenfield, ein Analyst beim Wertpapierhaus Fulcrum.
Die großen Investoren an der Wall Street hatten befürchtet, daß es sich bei einer Berufung von Lachlan um Vetternwirtschaft gehandelt habe. Aber dieser Verdacht wird sich auch später womöglich nicht ausräumen lassen. Als möglicher Kronprinz gilt nämlich auch James Murdoch, der jetzt als einziger verbliebener Murdoch-Sproß für den Konzern arbeitet. Die 37 Jahre alte Murdoch-Tochter Elisabeth war wie James früher auch für BSkyB tätig gewesen. Sie war aber nach Konflikten mit ihrem Vater schon vor fünf Jahren ausgestiegen, um ihre eigene Fernsehproduktionsgesellschaft zu gründen.