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Kulturradio RBB : Mobbing mit Goebbels

Nur noch „Entspannung und Unterhaltung”? Bild: RBB

Martin Demmler, Musikredakteur beim RBB, hatte eine Moderation seines Chefs mit ausgiebigen Goebbels-Zitaten kritisiert und wurde fristlos entlassen. Das Arbeitsgericht Berlin hat seiner Klage dagegen jetzt stattgegeben.

          Fristlose Kündigungen gehören zu den Ausnahmen der Arbeitswelt. Bestand haben sie nur, wenn der Arbeitgeber besondere Gründe beanspruchen kann. Proppenvoll war der Sitzungssaal 241 im Berliner Arbeitsgericht, als der Journalist Martin Demmler, gerahmt von zwei Anwälten, gestern seine Klage gegen die fristlose Entlassung als Musikredakteur beim Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) vertrat (siehe auch: Das Kulturradio schafft sich selbst ab).

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Freunde und Kollegen aus der Redaktion verfolgten den Prozeß und klopften Demmler vor der Verhandlung auf die Schulter. Vierundfünfzig RBB-Mitarbeiter haben vor Prozeßbeginn einen Brief an die Geschäftsleitung mit der Bitte unterschrieben, die Zusammenarbeit mit Demmler wiederaufzunehmen. Nicht das Vertrauensverhältnis zu ihm sei gestört, sondern das zur Geschäftsführung.„Dies ist kein Fall, an den man formal herangehen kann“, sagte die Richterin eingangs. „Wir müssen versuchen, das Ganze zu erfassen.“

          „Immer noch für Überraschungen gut“

          Die Entlassung des Musikredakteurs im vergangenen Sommer war der traurige Höhepunkt eines Konflikts, der in der Musikredaktion des Senders mit der Programmreform des Kulturradios im Jahr 2003 zu schwelen begann und mit Demmlers Reaktion auf die gedankenlosen Worte des Musikchefs des RBB-Kulturradios, Christian Detig, eskalierte. In der Ankündigung der „Frühkritik“ für die Theaterpremiere „Goebbels“ am Deutschen Theater las Detig am 30. Mai aus den Goebbels-Tagebüchern vor.

          „Das Programm des Rundfunks muß so gestaltet werden, daß es den verwöhnten Geschmack noch interessiert und dem anspruchslosen noch ... verständlich erscheint. Dabei soll besonderer Bedacht auf die Entspannung und Unterhaltung gelegt werden . . . Demgegenüber fallen die wenigen, die nur von Kant und Hegel ernährt werden wollen, kaum ins Gewicht“, zitierte Detig Hitlers Propagandaminister und fügte hinzu: „Und ich behaupte mal, das könnte so ohne große Abstriche jeder ARD-Intendant auch unterschreiben, ich übrigens auch, ich lasse es aber lieber, denn dieses Zitat stammt von - bitte anschnallen! - Joseph Goebbels. Der Mann ist immer noch für Überraschungen gut.“

          Ein falscher Name und seine Folgen

          Wenige Tage zuvor hatte Demmler von seinem Vorgesetzten Detig eine Mahnung erhalten, weil er die Einstellung der Konzertreihe „Musik der Gegenwart“ öffentlich bedauert hatte. „Herr Detig sagte mir, ich solle mir schon einmal überlegen, was ich machen könnte, falls es die Neue Musik eines Tages nicht mehr gibt. Als ich dann das Goebbels-Zitat hörte, haben bei mir alle Alarmglocken geschrillt“, sagt Demmler. Aufrecht sitzt er auf seinem Stuhl, in Fischgrätjackett, blauen Jeans und blitzenden Schuhen. Wenn er die Fragen der Richterin beantwortet, zittert seine Stimme bei den ersten Silben stets ein wenig.

          Demmler ist kein Mensch, der sich gerne in den Vordergrund drängt. Er ist ein Rundfunkmoderator der alten Schule, einer, der nicht einzig dem Hörerwillen zu dienen versucht, sondern auch dem Bildungsauftrag des Radios. In einem Brief, den Demmler unter falschem Namen an die Intendanten des RBB, des WDR und des NDR verschickte, kritisierte er die Moderation Detigs als „schwere Entgleisung“ und „Ausdruck von Ungeist“. Der Trick mit dem Brief aber flog auf, und Demmler verlor seinen Arbeitsplatz. Seiner Klage hat das Gericht nun stattgegeben. Demmlers Kritik an der Moderation rechtfertige keine fristlose Kündigung. Auch den Vorwurf, es handele sich um eine Urkundenfälschung, wies das Gericht zurück.

          Auch auf den Kommerzjargon gesetzt

          Demmlers Handeln ist symptomatisch für die Verfassung der Redaktion. Seit der letzten Programmreform des Kulturradios im Sommer 2005 ist nicht nur die Quote gesunken, sondern auch die Stimmung. Die Marginalisierung der Neuen Musik, die Verbannung längerer Dokumentationen, Features und Gespräche in die Abendstunden wurde über die Köpfe der Mitarbeitern hinweg entschieden. Nur wenige identifizieren sich noch mit dem verflachten Sendekonzept. Doch statt Kritik zu üben, schwiegen die Redakteure.

          „Daß Demmler hier auf dem Stuhl sitzt, ist unser aller Schuld. Aus Angst hat keiner aus der Redaktion auf das Goebbels-Zitat reagiert“, heißt es unter den Zuschauern im Gerichtssaal. Namentlich genannt werden aber will niemand. Dabei habe die Musikredaktion gekocht, als Detigs Äußerung bekannt wurde. Der Leiter des Kulturradios jedoch habe die Anmoderation als „steiles Teasing“ gelobt. Wer bei seiner Programmgestaltung die Kultur zurückschraubt, setzt eben auch auf den Jargon des Kommerzradios.

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