http://www.faz.net/-gqz-8lmzh

„Snowden“ im Kino : Was wird aus unseren Männern im Cyber War?

Der Zauberwürfel war das Erkennungszeichen: Joseph Gordon-Levitt spielt Edward Snowden in Oliver Stones Film „Snowden“, der heute in die Kinos kommt. Bild: Universum Film

Auf dem Weg vom rechtschaffenen Konservativen zum patriotischen Verräter: Edward Snowden wird in „Snowden“ zum für einen Film von Oliver Stone typischen Helden – mit dem typischen Makel.

          Oliver Stone hat einen Film über Edward Snowden gedreht, jenen ehemaligen Angestellten und später freien Mitarbeiter von NSA und CIA, der die Überwachungspraktiken der NSA in einem Hotelzimmer in Hongkong vor den Mikrofonen und Kameras des englischen „Guardian“ und der Dokumentarfilmerin Laura Poitras offenlegte. „Citizenfour“ hieß die Dokumentation, die Laura Poitras über den Fall gedreht hat (ohne selbst darin aufzutreten). Sie hat damit einen Oscar gewonnen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Snowden“ heißt der Film von Oliver Stone, der auch Laura Poitras, hier gespielt von Melissa Leo, ein kleines Denkmal setzt, indem er sie als Figur auftreten lässt: gelassen, professionell, offenbar nicht zu erschüttern und ganz bei sich, während Glenn Greenwald vom „Guardian“, gespielt von Zachary Quinto, deutlich panisch auf Geräusche auf dem Flur reagiert. Kommt die CIA und hebt sie alle aus, bevor die Geschichte in Druck geht? Sie kommt nicht, wie wir alle wissen, sonst wären die Dokumente nie ans Licht gelangt.

          Vom Helden zum Rebellen

          Anders als „Citizenfour“ bleibt „Snowden“ nicht im Hotel, aber der Film kehrt nach ausführlichen Rückblenden mehrmals dorthin zurück und erlaubt sich am Ende den Witz, den realen Edward Snowden, inzwischen in Moskau, in einer Überblendung selbst in den Film zu holen.

          Wer das Werk von Oliver Stone kennt – seine Filme über den Vietnam-Krieg, seine Filme über amerikanische Präsidenten beziehungsweise ihre Ermordung oder ihren Niedergang, von „JFK“, über „Nixon“ zu „W.“ oder seinen Film über die Machenschaften an der „Wallstreet“ –, der ahnt, wie sein Film über Snowden aussieht. Wie er sich anfühlt, anhört. Worauf er hinauswill. Und genauso kommt es: Die Figur Edward Snowden passt haargenau in diese Reihe von Männern, denen gemeinsam ist, dass sie sich einer existentiellen Auseinandersetzung stellen. Man könnte auch sagen, es geht in den Filmen von Oliver Stone immer um Männer in einem Kampf, der sie zu sich selbst führt. „Growing to manhood“ hat Stone das einmal genannt. Man könnte auch sagen: wie sie wurden, was sie sind. Helden in gewisser Weise, die aus Enttäuschung an der Führung ihres Landes zu Rebellen wurden, sich damit aber als die besseren Patrioten erweisen.

          Kinotrailer : „Snowden“

          „Snowden“ ist, so steht es auf einer Texttafel zu Beginn, eine „Dramatisierung tatsächlicher Vorgänge“. Es geht los in Hongkong. Am 3. Juni 2013. Dort traf sich Snowden – Erkennungszeichen ist ein Zauberwürfel, den er in der Hand hält – mit den beiden Journalisten, um ihnen Dateien zuzuspielen, die bewiesen, dass die amerikanischen Geheimdienste die eigenen Bürger wie auch Regierungsangehörige von Verbündeten im Namen der Terrorismusbekämpfung flächendeckend abgehört haben. Dokumente, die auch beweisen, wie der Drohnenkrieg im Mittleren Osten geführt wird; wie mit Malware andere Länder im Cyberspace angegriffen werden.

          Der Nerd mit Brille im Bootcamp

          In diesen Tagen hat ein amerikanisches Gericht den Vorwurf des Hochverrats gegen Snowden bekräftigt, der ihm dreißig Jahre Haft einbringen könnte. Das alles ist wichtig, aber wie wird daraus ein Film, der seine Zuschauer bei der Stange hält? Nur durch die Backstory, nur dadurch, was das Drehbuch an Hintergrund entwirft. Edward Snowden begann, so weiß es dieser Film, als aufrechter Konservativer, der zum Militär geht, um seinem Land zu dienen – wie einst Ron Kovic in „Geboren am 4. Juli“. Snowden, gespielt von Joseph Gordon-Levitt in fast gespenstischer physiognomischer Ähnlichkeit, sieht aus wie der Nerd, der er ist, mit Brille im Bootcamp; das kann nicht gutgehen. Der Einpeitscher schreibt, der Nerd fällt in den Schlamm, so sieht das aus. Er bricht sich beide Beine, seine militärische Laufbahn, die er mit dem Einsatz im Irak krönen wollte, ist zu Ende.

          Eine Frau, Lindsay Mills, die Shailene Woodley zunächst spitzbübisch spielt, bis sie von Regie und Drehbuch zur besorgten Gattin gemacht wird, bringt ihn dazu, Entscheidungen der Regierung, vor allem den Krieg im Irak, in Frage zu stellen. Aber mehr als diese Initialzündung gibt Lindsay nicht her. So wie Snowden ein typischer Stone-Held ist, ist Lindsay eine typische Stone-Frau am Rande, der er aber noch einen halbnackten Auftritt als Lehrerin für „exotic dance“ spendiert.

          Dass alle amerikanischen Studios das Drehbuch (das Snowden abgesegnet hat) zurückgewiesen haben und Stone sich in Europa, vor allem in Deutschland, mit Produktionsgeldern versorgen musste, hatte vermutlich tatsächlich vor allem politische Gründe. Dabei ist ganz unklar, ob das Kino als Ort, in dem politische Debatten angestoßen oder weitergetrieben werden, überhaupt noch funktioniert. Oliver Stone muss daran glauben. Er ist vor einigen Tagen siebzig Jahre alt geworden, warum sollte er sich plötzlich ändern? Die Zeit, in der er ein anderer war, ist lange vorbei. Ungefähr so lange wie sein erster Kriegsfilm „Salvador“. Das war 1986. Mit diesem Film wurde er, was er heute immer noch ist – ein politischer Filmemacher, der Geschichten erzählt, die auch in den Kommentarspalten der großen Zeitungen, den Expertenrunden im Fernsehen, Blogs im Netz diskutiert werden. Aber er musste bis zur NSA-Affäre warten, um sagen zu können: Habe ich es nicht immer schon gesagt, dass die Regierung uns hinters Licht führt?

          Der Makel der Helden von Oliver Stone ist ihre Makellosigkeit. Ganz können wir ihnen nicht glauben. Und ihm auch nicht.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Rocklegende Tom Petty ist tot Video-Seite öffnen

          Schwerer Herzinfarkt : Rocklegende Tom Petty ist tot

          Tom Petty, Rockmusiker und Sänger der Band „Tom Petty and the Heartbreakers“ ist im Alter von 66 Jahren gestorben. Das „Rolling Stone“-Magazin listet ihn unter den 100 größten Musikern aller Zeiten.

          Topmeldungen

          Telekom-Aktien verkaufen, um den Breitbandausbau zu finanzieren? Das fordern zumindest FDP und Grüne.

          Jamaika sucht Geldquellen : Verkauft der Bund die Telekom-Aktien?

          Um neue Ausgaben und Steuersenkungen zu finanzieren, suchen Politiker einer künftigen Jamaika-Koalition nach Geldquellen. Alleine mit Telekom- und Post-Anteilen ließen sich Milliarden generieren.

          Brexit-Verhandlungen : Ohne Qualen geht es nicht

          Theresa May flehte diese Woche in Berlin, Paris und Brüssel um Hilfe bei den Brexit-Verhandlungen. Die Europäer blieben hart. Aber sie gaben sich Mühe, nett zu sein.
          Für mehr Recht und Ordnung im eigenen Land: Macron will härter gegen kriminelle Ausländer vorgehen.

          Macrons Abschiebekurs : Mit harter Hand

          Der brutale Mord an zwei jungen Frauen durch einen illegalen Einwanderer erschüttert Frankreich. Nun plant Präsident Macron konsequenter bei der Abschiebung krimineller Ausländer durchzugreifen. Doch die Umsetzung gestaltet sich schwerer als gedacht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.