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Kriegsszenen aus Afghanistan im Kino : Die Überlebenden der Gemengelage

In Afghanistan kommt alles auf den Dolmetscher an: Szene aus Feo Aladags „Zwischen Welten“ Bild: Foto Majestic

Peter Bergs „Lone Survivor“ und Feo Aladags „Zwischen Welten“ erzählen auf ganz unterschiedliche Weise vom Kampfeinsatz in Afghanistan. Dabei liegt die Wahrheit über diesen Krieg irgendwo zwischen Hollywood und der deutschen Filmförderung.

          Zwei Filme über Afghanistan, der eine aus Hollywood, der andere aus Deutschland. Der erste erzählt die Geschichte eines Kommandounternehmens, der zweite die einer Friedensmission. Beides geht schief, und am Ende gibt es Tote. Und doch könnte der Weg dorthin unterschiedlicher nicht sein, der Bogen, den die Erzählung schlägt, um von der Vorbereitung auf den Einsatz zur Bilanz seines Scheiterns zu kommen. Man erfährt viel über das Kino, das deutsche und das amerikanische, in diesen Filmen, über die Grenzen des Moralisierens und die Widersprüche einer Action-Dramaturgie - und über die Schwierigkeit, beides, Action und Moral, auf der Leinwand zusammenzubringen.

          Die Angreifer stürzen wie Indianer aus dem Gebüsch

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Peter Bergs Fünfzig-Millionen-Dollar Produktion „Lone Survivor“, der seit einer Woche bei uns läuft, sollen vier Mitglieder einer Navy-Spezialeinheit einen Talibanführer in den afghanischen Bergen ausfindig machen und töten. Beim Anmarsch werden die Amerikaner in ihrem Versteck von Ziegenhirten angegriffen; später geraten sie in einen Hinterhalt der Taliban und werden nacheinander getötet, bis auf Marcus Luttrell (Mark Wahlberg), den „lone survivor“ der Operation.

          Der Film entstand nach einer wahren Geschichte, aber Berg zeigt das Kampfgeschehen so, dass es ebenso gut frei erfunden sein könnte: Die Angreifer stürzen, wie die Indianer in den frühen Western, in hellen Haufen aus dem Gebüsch und fallen beim ersten Treffer, während die Navy-Helden erst nach zahllosen Verletzungen und Knochenbrüchen zu Boden gehen; und die Hubschraubertruppe, die Luttrell am Ende aus einem von den Taliban belagerten Dorf heraushaut, kommt wie die siebente Kavallerie bei John Ford genau im letzten Augenblick, als hätte sie mit der Stoppuhr den Zeitpunkt abgepasst, an dem ihr Eintreffen die größtmögliche filmische Wirkung hat. Die Belagerung hat es übrigens tatsächlich nicht gegeben: Berg hat sie aus dramaturgischen Gründen eingefügt.

          Kein roher Kämpe, sondern ein sensibler Sympathieträger

          Feo Aladags „Zwischen Welten“, eine Koproduktion mit ZDF und Arte, die von der Filmförderungsanstalt Berlin, dem Medienboard Berlin-Brandenburg, der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen und diversen anderen Fördertöpfen finanziert wurde, macht auf den ersten Blick alles richtig, was „Lone Survivor“ falsch macht. Die Hauptfigur, der Bundeswehr-Hauptmann Jesper (Ronald Zehrfeld), ist kein roher Kämpe, sondern ein sensibler Sympathieträger, der Sondereinsatz, zu dem sich Jesper gemeldet hat - es geht um die Verteidigung eines Außenpostens in der Nordprovinz -, kein Mordkommando, sondern eine vertrauensbildende Maßnahme, und die Afghanen dienen nicht nur als Statisterie, sondern stellen in Gestalt des Übersetzers Tarik (Mohsin Ahmady) auch den zweiten Helden der Geschichte.

          Im Grunde ist Tarik sogar die interessantere Figur, denn nur er steht im Sinn des Filmtitels wirklich zwischen zwei Welten, er bewegt sich als Einziger frei zwischen der Sphäre der Einheimischen und jener der deutschen Isaf-Truppen. Und genau damit beginnen die erzählerischen Probleme von Feo Aladags Film. Die Geschichte müsste ihrer inneren Logik entsprechend immer engere Kreise um Tarik und Jesper ziehen. Aber der Regisseurin, die auch das Drehbuch geschrieben hat, gelingt es nicht, das Geschehen überzeugend auf die beiden zuzuspitzen.

          Den Konflikt, den sie in ihnen spiegeln müsste, verteilt sie auf Nebenfiguren - hier Tariks Schwester Nala, die an der Universität den Anfeindungen islamischer Fundamentalisten ausgesetzt ist, dort der örtliche Klanführer, der die Deutschen mal als ungebetene Eindringlinge abkanzelt, mal als kampfscheue Feiglinge beschimpft.

          Bilder einer intellektuellen Hilflosigkeit

          „Zwischen Welten“ ist ein Film, wie ihn die Gremien lieben, eine Story, in der irgendwie alles drin ist, was man über Afghanistan wissen muss, aber es ist auch ein sprechendes Beispiel für ein Fördersystem, dessen Musterschüler immer auf halbem Wege stecken bleiben. „Die Komplexität der Gesamtgemengelage in Afghanistan ist immens“, schreibt Feo Aladag in ihrem Drehtagebuch aus Mazar-i-Sharif. Vielleicht ist es ungerecht, die Bilder des Films mit solchen Allgemeinweisheiten zu vergleichen. Aber etwas von der intellektuellen Hilflosigkeit, die aus Aladags Journal spricht, scheint in „Zwischen Welten“ doch immer wieder durch. Am Ende steht Ronald Zehrfeld im Berliner Bundeswehr-Ehrenmal und gedenkt seiner gefallenen Kameraden. Jetzt könnte eine neue Geschichte beginnen, die Geschichte eines Heimkehrers und seines Gewissens. Über sie würde man gern mehr erfahren.

          Zwei Filme über Afghanistan. Der eine erzählt von Haudegen, der andere von Verantwortungsträgern. Der eine schlägt eine Schlacht, der andere entfaltet ein Problem. Es ist, wie so oft, ein totes Rennen: Keiner gewinnt. Die Wahrheit aber könnte diesmal, anders als sonst, nicht in der Mitte liegen, sondern am Rand. Bei Feo Aladag ebenso wie bei Peter Berg bleiben die Taliban gesichtslos, eine Horde von Schlächtern. Vielleicht liegt die Aufgabe des Kinos ja gerade darin, ihnen eine Geschichte zu geben, eine Rolle, eine Identität. Die Komplexität der Gesamtgemengelage würde dadurch nicht geringer. Aber sichtbarer.

          Quelle: F.A.Z.

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