27.02.2010 · Keine Produktion ist in China je mit mehr Kopien in den Kinos gestartet als „Konfuzius“. Eigens deshalb verbannte man Camerons „Avatar“ aus den normalen Lichtspielhäusern und zeigte ihn nur noch in 3D. „Konfuzius“ aber will niemand sehen - ein Propaganda-Debakel.
Von Mark SiemonsSeit Jahren verfolgen die Kulturabteilungen der chinesischen Regierung ein Projekt: Sie wollen aus den Traditionen des Landes eine griffige Popversion destillieren, mit der sie dem Ausland, der Bevölkerung und sich selbst klarmachen können, worin eigentlich die „chinesischen Kennzeichen“ bestehen, die sie zur Erläuterung ihrer Politik bei jeder Gelegenheit bemühen; von dem amerikanischen Politikwissenschaftler Joseph Nye entliehen sie dafür den Begriff „Soft Power“. Die bislang aufwendigste Hervorbringung dieses Vorhabens ist „Konfuzius“, der Film. Noch nie ist in China eine Produktion mit mehr Kopien in die Kinos geschickt worden; der bisherige Rekordhalter war immerhin der offizielle Spielfilm zum sechzigsten Geburtstag der Volksrepublik im vergangenen Jahr mit 1450 Kopien, den „Konfuzius“ nun um mehr als tausend Kopien übertrifft.
Nicht weniger als dreißig Umarbeitungen musste das Drehbuch über sich ergehen lassen, was schon den Grad an politischer und historischer Sorgfalt andeutet, den das Sujet aus offizieller Sicht verlangt. Man kann mit Fug sagen, dass der Film den aktuellen Stand dessen repräsentiert, was das Pekinger Regime über chinesische Werte, Identität, Kultur und so weiter denkt beziehungsweise propagieren will.
Die Antwort auf den Zweispalt heißt Chou Yun-fat
Gegen Ende des Films taucht ein Schüler des Konfuzius im Eiswasser nach den Schriften des Meisters, die dort versunken sind, und findet dabei den Tod. Ähnlich, so die Botschaft, soll man auch heute in einer Zeit zunehmender ideeller und moralischer Desintegration, keine Mühe scheuen, um das verlorene Erbe des Landes zu retten. Auf der anderen Seite ist der Kampf gegen den „Konfuzianismus“, der den Rebellen als ideologische Basis der erstarrten alten Ordnung galt, einer der Existenzgründe der Kommunistischen Partei gewesen. Die Antwort, die der Film auf diesen Zwiespalt findet, heißt Chou Yun-fat. Im Vorhinein entzündete sich manche Diskussion daran, ob ein Kungfu-Star aus Hongkong die richtige Besetzung für den Philosophen der Nation sein könne, doch Chou schaut mit Bäuchlein und langem Bart in dieser Rolle so sanftmütig aus der Wäsche, dass man ahnt, worauf es den Kulturstrategen vor allem ankam: dem Konfuzianismus ein menschliches Gesicht zu geben.
Einmal wendet sich der Meister, der doch als Verfechter einer Ethik der Konventionen gilt, sogar gegen traditionelle Riten, als diese nämlich die Schlachtung eines Sklavenjungen verlangen. Damit ist die entscheidende Forderung erfüllt, die den Philosophen für die Nachfahren der Bilderstürmer akzeptabel macht: dass er nicht als Vertreter einer geschlossenen „feudalistischen“ Ideologie erscheint, die möglicherweise sogar das Interpretationsmonopol der herrschenden Partei herausfordern könnte, sondern als Protagonist einer umfassenden Menschlichkeit, mit der China womöglich einmal das Universalismus-Monopol des Westens herausfordern könnte.
Der Fürstenkonkubine widerstehen
Dieser Konfuzius ist partnerschaftliches Oberhaupt einer grundsoliden Ein-Kind-Familie; beim Abendmahl im Kreis der Jünger reicht er zuerst dem Kranken die Suppenschüssel, und in einer Szene, die Abkömmlinge des Konfuzius-Clans im Vorhinein mit einer Klage vor Gericht drohen ließ, schaut er der schönen Starschauspielerin Zhou Xun, die in ihrer Rolle der männerfressenden Fürstenkonkubine Nan Zi gerade noch etwas unmotiviert barfuß durch die Wiesen lief, ganz tief in die Augen – um sich dann selbstverständlich doch für die Weisheit, also Enthaltsamkeit, zu entscheiden. Gegen so viel Mensch kann wahrlich niemand etwas haben – es sei denn, er stieße sich am Eklektizismus der Sinnbilder, der nicht ganz deutlich werden lässt, was er mit Konfuzius selbst oder auch nur mit China zu tun hat.
Letzteres ist bei der zweiten Stoßrichtung des Werks anders, die auf unmittelbare Wegweisung für die chinesische Gegenwart zielt. Ohne viel Umschweife werden die Parolen der KP dem Meister in den Mund gelegt, von der „Zivilisierung durch Recht“ über „Mutterland zuerst“ bis zur Notwendigkeit, widerspenstige Landesteile militärisch zur Räson zu rufen, damit „das Volk zur Familie“ werde. Konfuzius erscheint, mit einem Wort, als Muster des nach innen sittsamen und nach außen wehrbereiten Patrioten, als den sich Peking seine Bürger wünscht.
Keine Sprache für die Menschlichkeit
Es spricht für die Intelligenz der chinesischen Kinogänger, dass diese Propaganda vollständig ins Leere gelaufen ist. Die Einspielergebnisse bleiben weit hinter den Erwartungen zurück, in Internetumfragen bezeichnen 67 Prozent der Befragten den Film als misslungen, und vereinzelt bildete sich sogar eine neue Anti-Konfuzius-Bewegung; die Leute fühlten sich dadurch bevormundet, dass der in China überaus populäre Film „Avatar“ in allen 2D-Kinos just zum Start des patriotischen Machwerks abgesetzt wurde. Ein Votum gegen Konfuzius selbst ist das nicht. Fernsehreihen und Bücher, die den Weisen kulturindustriell ausschlachten, wurden in den letzten Jahren zu großen Erfolgen, und auch auf seriöseren Ebenen versuchen heute Philosophen, Künstler und Politikwissenschaftler an ganz unterschiedlichen Enden des Landes das traditionelle Denken für sich fruchtbar zu machen.
Gescheitert sind bisher dagegen die offiziellen Versuche, aus China eine Marke zu machen, die es mit dem Westen im Allgemeinen und mit Hollywood im Besonderen aufnehmen kann. An „Konfuzius“ kann man sehen, woran das liegt: Unter der Regie von Hu Mei, die für ihre routinierten Fernsehdramen berühmt ist, stürmt der Film in einem wahren Horror Vacui von Szenenschnipsel zu Szenenschnipsel, als habe er Angst davor, länger als nötig bei seinen eigenen Behauptungen zu verweilen. Selten zeigten sich so klar die Grenzen eines Kultur-Dezisionismus, der die Künste für eine Art Staatsmarketing hält und den Austausch organisch gewachsener Ideen oft genug behindert. Dem chinesischen Film, so bemängelte kürzlich eine Konferenz der Staatsbehörde für Radio, Film und Fernsehen in Peking, sei es im Unterschied etwa zu „Avatar“ noch nicht gelungen, eine universell verständliche Sprache für Menschlichkeit zu entwickeln.