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Kinokomödie „Lommbock“ : Wie man die Lebenszeit in Ruhe wegraucht

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Wie meinst du denn das, du stehst im Anzug im Abzug und ziehst jetzt erst mal eine durch? Moritz Bleibtreu (links) als Kai und Lucas Gregorowicz als Stefan. Bild: dpa

Nach 16 Jahren wird die Komödie „Lammbock“ fortgesetzt: In „Lommbock“ versucht Moritz Bleibtreu seinen Kiffer-Lebensstil irgendwie in eine erwachsene Existenz hinüber zu retten.

          Der Schwangerschaftstest für Kiffer auf Bewährung sieht fast genauso aus wie der für Frauen, nur mit dem Unterschied, dass die Farben in diesem Fall auf eine bevorstehende Katastrophe hinweisen. Denn im Urin hält sich der Spaß nun einmal deutlich länger als in der Birne, und wenn jemand seit 25 Jahren „extrem viel THC“ durch den Organismus geschleust hat, dann kann man den Abbau auch mit Saftkuren und anderen esoterischen Mitteln nicht mehr entscheidend beschleunigen. Deswegen steht Stefan, der beste Freund von Kai, beide bekannt aus der Komödie „Lammbock“ aus dem Jahr 2001, vor einem kniffligen Problem: In drei Wochen soll er heiraten, und zwar ausgerechnet in Dubai, einem Ort, an dem fast alles verboten ist außer Kohle. Wegen einer wichtigen Urkunde ist Stefan nach Würzburg gekommen, das Wiedersehen ging in einer beträchtlichen Rauchwolke unter.

          Ein auf die Basstöne des Lebens heruntergetuntes Dasein

          Wobei man sagen muss, dass es vor allem Kai ist, der es mit dem Tetrahydrocannabinol deutlich stärker übertrieben hat als der doch offensichtlich ins Yuppieske tendierende Stefan. Kai ist aber auch derjenige, der in der deutschen Provinz geblieben ist, der eine Familie mit einem vielversprechenden Sohn hat und der die Kaschemme namens „Lommbock“ eigentlich nur aus sentimentalen Gründen betreibt. Denn sie passt gar nicht so recht in seine aufgeräumte Welt, und das asiatische Flair, das sich seine Lokalität gibt, ist eigentlich ein Affront gegenüber allen rechtschaffenen Betreibern von vietnamesischen oder chinesischen Bewirtungsstätten. Dope unter der Salami gibt es auch nicht mehr, wie seinerzeit in der „Pizza Gourmet“.

          Von „Lammbock“ zu „Lommbock“ ist es nur eine kleine Lautverschiebung, aber dahinter steckt eine riesige Frage: Kann man den einschlägigen Lebensstil, der mit dem Cannabiskonsum in der Regel einhergeht, irgendwie in eine erwachsenere Existenz hinüberretten? Man muss es Christian Zübert zugutehalten, dass seine Antwort in die einzig plausible Richtung geht: Er schiebt sie auf. „Lommbock“ ist ein Sequel, das mit der gehörigen Verspätung kommt, die ein mehr auf die Basstöne des Lebens heruntergetuntes Dasein verlangt. Gleichzeitig sind die phonetischen Späßchen, die sich mit dem Titel treiben lassen, noch nicht ausgereizt, und es wäre geradezu fahrlässig, auf ein künftiges „Limmbock“ zu verzichten – dazu müssten die beiden Helden aber noch einmal ein starkes Dutzend Jahre „in limbo“ gehalten werden.

          Ein Affront gegenüber allen rechtschaffenen Betreibern von vietnamesischen oder chinesischen Bewirtungsstätten: Kais Kaschemme „Lommbock“.

          Das kann man sich bei dem schon jetzt faszinierend alterslosen Moritz Bleibtreu (Kai) und bei Lucas Gregorowicz, der mit der Rolle des Stefan eindeutig auf das Fach aspiriert, das Sky du Mont eines Tages doch preisgeben wird müssen (graumelierter Beau ewig besten Alters), aber auch sehr gut vorstellen. Bleibtreu, dessen Charisma als Schauspieler sich nicht bei jedem seiner vielen Auftritte erschließt, ist in „Lommbock“ brillant. Wie er, ständig das Wort „swag“ auf den Lippen, den Würzburger super „homeboy“ gibt, das sagt Bände über das Verhältnis des deutschen Mainstreams zu den angestammten Kulturen (alle mit Migrationshintergrund, wie auch die längste Zeit die Ware für die „Pizza Gourmet“), die Kai mit Hingabe aufruft. Dass eine Haschplantage inzwischen auch in der deutschen Bilderbuchlandschaft denkbar ist, sagt vielleicht mehr über das geglückte Erwachsenwerden dieses Landes als die Tatsache, dass die konkrete Politik das Thema immer noch lieber mit der Polizei als mit vernünftiger Gesetzgebung lösen möchte.

          „Lommbock“ ist eine Komödie und gehört damit zu dem am stärksten pädagogischen Genre. Es gibt auch wirklich eine Menge zu lernen, aber mehr so im Subtext, der ähnlich resoniert wie das Rastafeeling in Kai. Natürlich ist Kiffen einem geregelten Sozialleben nicht zuträglich. Das lernt man aber, wie man in Komödien nun einmal lernt, ex negativo, aus der peinlichen Situation heraus, in die man persönlich nicht kommen möchte (zum Beispiel in Dubai vom besten Freund aus einem Gummipenis heraus mit Ersatzurin besudelt zu werden).

          Wenn man in „Lommbock“ allerdings genau hinschaut, dann ist das schöne Musterleben, das all die anderen Figuren so führen, nicht weniger weggetreten. Damit liest man diese gerade auch im Konventionellen mustergültige, halbromantische Komödie aber schon ein wenig gegen den Strich. Kai und Stefan sind nicht Cheech und Chong, wie die amerikanischen Pioniere der „Stoner Movies“ hießen. Aber gerade als Philister des THC-Kults sind sie höchst moderne Figuren, und „Lommbock“ ist in diesem Sinn ein sehr sehenswerter Film.

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