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Kommentar Deconstructing Woody

03.11.2003 ·  Für zehn Millionen Dollar, raunte man vor der Frankfurter Buchmesse, schreibe Woody Allen seine Memoiren. Jetzt heißt es, ein nicht näher genannter Freund habe sich einen Scherz erlaubt. Wer soll das glauben?

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Der erste Film, bei dem Woody Allen selbst Regie führte, "Woody, der Unglücksrabe" aus dem Jahr 1969, trug im Original den Titel "Take the Money and Run". Das war keineswegs autobiographisch gemeint, denn Allen gilt als extrem zuverlässig. In den fünfziger Jahren hatte er sich seine Ausbildung mit Witzeschreiben verdient. Dazu fuhr er täglich eine Stunde U-Bahn. In dieser Zeit las er die Zeitung und dachte sich fünfzig bis sechzig Pointen aus: "Ich hatte auch gar keine andere Wahl - die Gags waren ja im voraus bezahlt."

So will es das Ethos des Kaufmanns: Zug um Zug, rein netto kassa. Deshalb war niemand überrascht, als kurz vor der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ein Angebot die Runde machte: Wenn man ihm zehn Millionen Dollar garantiere, schreibe Woody Allen seine Memoiren. In den Verlagsstuben wird die Rechnerei losgegangen sein: Was dürfen wir von einem ausgewiesen komischen Schriftsteller für eine Pointendichte erwarten? Um die drei bis vier pro Seite sollten es wohl sein. Und wie viele Seiten gibt ein halbwegs honorabler Autor für zehn Millionen Vorschuß ab? Sechshundert sicherlich. Also wären zweieinhalbtausend Pointen mehr als genug, und ein Woody Allen, der sich täglich wieder eine Stunde Zeit fürs U-Bahn-Fahren nähme, wäre in zweiundvierzig bis zweiundsechzig Tagen mit dem Buch fertig. Sonn- und Feiertage abgerechnet, müßten also zweieinhalb Monate genügen.

Traurige Weihnachten

Hätte somit jemand in Frankfurt kurz entschlossen zugegriffen, wäre der Titel noch fürs Weihnachtsgeschäft in Frage gekommen. Doch unsere geizigen Verlagsvertreter offerierten dem New Yorker Millionensassa dem Hörensagen nach gerade einmal die Hälfte des erhofften Sümmchens. Traurige Weihnachten! Und so wird es alle Jahre wieder sein. Denn nun heißt es, ein nicht näher genannter Freund habe sich einen Scherz erlaubt. Niemals sei Woody Allen bereit gewesen, seine Erinnerungen aufzuschreiben.

Dürfen wir uns unter dem Anonymus das Vorbild für Broadway Danny Rose vorstellen, den ständig bluffenden Agenten aus Allens gleichnamigem Film von 1984? Oder hat Woody Allen von Harry Block gelernt, jenem mitteilungsfreudigen Schriftsteller aus seiner 1997 gedrehten Komödie "Deconstructing Harry" (auf deutsch "Harry außer sich"), der sich in buchstäblichem Sinne in Teufels Küche brachte, weil er alle seine Liebesaffären literarisch verwurstete und ihm schließlich doch nichts mehr einfiel? Will uns der Regisseur am Ende glauben machen, daß auch seine sämtlichen Filmthemen lediglich von ominösen Freunden angeboten und bei Gefallen (und Vorfinanzierung!) dann umgesetzt worden sind? Damit wäre immerhin erklärt, warum Woody Allen in einigen der ihm zugeschriebenen Werke selbst auftritt, in anderen aber nicht, warum einige urkomisch und andere tieftraurig sind. Doch die Wahrheit dürfte profaner sein. Einen Witz wollte der namenlose Freund sich machen? Das ist wohl selbst einer. Woody Allen wird einfach eine ruhige Minute in der U-Bahn gehabt haben.

Quelle: apl. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.11.2003, Nr. 256 / Seite 33
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