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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Knight Ridder Was bleibt von Amerikas zweitgrößtem Zeitungshaus?

 ·  Investmentfirmen sind in der Zeitungsbranche auf dem Vormarsch. Bei uns spürte man das im Berliner Verlag zuletzt, in Amerika hat es den zweitgrößten Konzern erwischt: Knight Ridder ist verkauft und wird zerlegt. Ein Menetekel.

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Als der Verlag Knight Newspapers 1969, fünf Jahre vor seiner Fusionierung mit dem Zeitungshaus Ridder Publications, an die Börse ging, gab der Gründer und damalige Verlagsvorstand John S. Knight zu bedenken, daß er bloß die finanzielle Kontrolle über seine Druckerzeugnisse abgebe: „Ich mache mich hiermit nicht zu Ihrem Gefangenen. Solange ich etwas damit zu tun habe, machen wir die Zeitungen“, sagte er in einer Rede vor den Aktionären.

Doch obwohl 35 Jahre später noch immer Mitglieder der Familien Knight und Ridder Anteile an dem Unternehmen halten, sind inzwischen mehr als vier Fünftel der Aktien im Besitz großer Investmentfirmen. Und ohne den Schutz, der eine Mehrheit von Stimmrechtsaktien in Familienbesitz bis heute etwa der New York Times Company gewährt, sah sich Knight Ridder dem Profithunger der Großanleger ausgeliefert, der den Konzern in der vergangenen Woche zum Verkauf seiner 32 angesehenen Publikationen an den kleineren Zeitungsverlag McClatchy zwang.

Unsicherheit auf dem amerikanischen Zeitungsmarkt

McClatchy wird damit zum zweitgrößten Zeitungsverlag der Vereinigten Staaten mit einer Gesamtauflage von 3,3 Millionen. Größtes Zeitungshaus bleibt Gannett („USA Today“) mit 91 Publikationen und 7,3 Millionen Gesamtauflage. Obwohl Gannett zunächst für Knight Ridder mitgeboten hatte, hielten sich andere große Verlage, darunter die Tribune Company und die Washington Post Company, ganz aus den Verkaufsverhandlungen heraus, was Beobachtern als deutliches Zeichen für die herrschende Unsicherheit auf dem amerikanischen Zeitungsmarkt erscheint.

Die Profitmargen von Zeitungsunternehmen stehen in einer Branche, die von sinkenden Auflagen und Werbeumsätzen, einer überalterten Leserschaft, steigenden Druckkosten sowie von der scharfen Konkurrenz digitaler Medien bedrängt ist, immer stärker unter Druck. Siebzig Prozent der über fünfundsechzigjährigen Amerikaner lesen der Newspaper Association of America zufolge täglich eine Zeitung, doch bei den von den Werbestrategen so eifersüchtig umbalzten Achtzehn- bis Vierunddreißigjährigen tun dies gerade noch 39 Prozent.

Die Jüngeren geben elektronischen Formaten, kurzen Formen und der Unterhaltung den Vorzug vor der klassischen Zeitungsberichterstattung, und sie nutzen im Internet gezielt die Nischen- und Interessengruppen-Angebote. Zwar ist die Online-Leserschaft von Zeitungen in sprunghaftem Anstieg begriffen, doch die Werbeumsätze im Netz belaufen sich immer noch nur auf einen Bruchteil der Werbeumsätze bei den Druckausgaben. Unterdessen sind die Printauflagen in der amerikanischen Presselandschaft zwischen 1994 und 2004 um acht Prozent gesunken, und 2004 konnten Zeitungen nur noch 17,7 Prozent aller in Werbung investierten Gelder für sich verbuchen - gegenüber 22,8 Prozent zehn Jahre zuvor.

Immerhin hat kein Investmentkonzern übernommen

Als sich das auch im Aktienkurs von Knight Ridder niederschlug, wurden die Großaktionäre ungeduldig. Im vergangenen Sommer brachte Bruce Sherman, dessen Investmentfirma Private Capital Management mit neunzehn Prozent der Knight-Ridder-Aktien größter Anteilseigner des Verlages war, seinen Unmut über die unbefriedigenden Profitmargen des Verlages gegenüber Knight-Ridder-Vorstand Tony Ridder zum Ausdruck. Gemeinsam mit den zweit- und drittstärksten Großaktionären des Verlages, Southeastern Asset Management und Harris Associates, übte Sherman erheblichen Druck aus, den Knight Ridder zunächst im August mit dem Verkauf seiner größten Zeitung, der „Detroit Free Press“, an den führenden Zeitungskonzern Gannett abzufangen versuchte. Doch weder dies noch Einstellungsstopps in den Redaktionen und der Rückkauf von fünf Millionen Aktien durch Knight Ridder, ein Appell an das Vertrauen der Aktionäre, konnten einen weiteren Kurseinbruch von fast fünfzehn Prozent über die folgenden drei Monate aufhalten, und im November sah sich der Verlag zum Verkauf gezwungen.

Das wird sich nun womöglich auch auf die weithin respektierte journalistische Qualität von Knight Ridders Erzeugnissen auswirken. Zwar hat der Verkauf von Amerikas zweitgrößtem Zeitungskonzern, in dem unter anderem Blätter wie der „Miami Herald“, der „Philadelphia Inquirer“ und die „San José Mercury News“ erscheinen, an den deutlich kleineren Verlag McClatchy zunächst zum Aufatmen in der amerikanischen Journalistenbranche geführt. Denn die Veräußerung an ein Medienunternehmen anstatt, wie viele befürchtet hatten, an einen reinen Investmentkonzern, sichert immerhin grundsätzlich den Fortbestand der journalistischen Kultur von Knight Ridder und seiner journalistischen Perlen, darunter das Washingtoner Büro des Verlages mit derzeit 25 Korrespondenten und Redakteuren.

Die Washingtoner Knight-Ridder-Journalisten, die sämtlich Zeitungen außerhalb Washingtons und New Yorks beliefern, hatten unter anderem im vergangenen Herbst recherchiert, daß nach dem Wirbelsturm „Katrina“ die Heimatschutzbehörde Homeland Security unter der Ägide von Michael Chertoff für viele der Versäumnisse verantwortlich war, die der untergeordneten Katastrophenschutzbehörde Fema und ihrem Chef Michael Brown angekreidet wurden. Und vor dem Irak-Feldzug hatten in Knight Ridders Washingtoner Büro zuerst Journalisten Zweifel an der von der Regierung Bush behaupteten Verbindung zwischen Saddam Hussein und Al Qaida angemeldet. Solche journalistischen Leistungen blieben indes oft ungerühmt, da dank des stark lokal orientierten Zeitungsmarktes in Amerika Nachrichten von nationaler Tragweite zuerst bei Publikationen wie der „Washington Post“, der „New York Times“ oder dem „Wall Street Journal“ gesucht werden - auch wenn deren Journalisten sich bisweilen, wie zuletzt die „New York Times“-Reporterin Judith Miller, die die Regierungs-PR über irakische Massenvernichtungswaffen lange stützte, im Dickicht der Washingtoner „Club-Kultur“ verheddern.

Zwölf Publikationen stehen schon wieder zum Verkauf

Obwohl der Fortbestand des Washingtoner Knight-Ridder-Büros zunächst gesichert scheint, ist seine Zukunft ungewiß. Denn McClatchy hat kaum Erfahrung mit nationaler politischer Berichterstattung. Das Washingtoner Büro des Verlages diente bislang vor allem der Recherche von Geschichten mit Relevanz für seine zwölf stark regional ausgerichteten Zeitungen. Der Verlag, der seinen Ursprung 1857 im kalifornischen Goldrausch mit der „Sacramento Bee“ nahm, bringt kleinere Tageszeitungen und Lokalblätter wie den „Raleigh News & Observer“ und die „Modesto Bee“ heraus und verfolgt, anders als Knight Ridders Blätter, nicht denselben überregionalen politischen Anspruch wie die führenden Ostküsten-Zeitungen.

Die Strategie des Verlages ist die Konzentration auf kleinere und mittelgroße Publikationen in Wachstumsmärkten. In diesem Rahmen kündigte McClatchy an, zwölf der 32 erworbenen Publikationen in langsamer wachsenden Märkten umgehend weiterzuverkaufen - darunter Prestige-Blätter wie den „Philadelphia Inquirer“, der als einer der wenigen amerikanischen Presseerzeugnisse die umstrittenen Mohammed-Karikaturen nachgedruckt hatte, den mit achtzehn Pulitzer-Preisen ausgezeichneten „Miami Herald“ und das Flaggschiff von Knight Ridder, die „San José Mercury News“.

Doch auch die bei McClatchy verbleibenden Zeitungen blicken einer ungewissen Zukunft entgegen. Beobachter bangen, daß der Verlag, der sich für die 4,5-Milliarden-Übernahme mit mehreren Milliarden Dollar verschulden muß, diese Investionen mit Jobkürzungen und anderen Verschlankungsmaßnahmen abfedern wird, auch wenn der McClatchy-Vorstand Gary Pruitt am Freitag sagte, es gebe keine Pläne zur Streichung von Arbeitsplätzen. Zum Verkauf steht bei McClatchy auch das „Akron Beacon Journal“. Mit dem Erwerb der Zeitung hatte der Vater von John S. Knight, Charles Landon Knight, 1903 seine Verlegerkarriere begründet, und 1933 wurde die Zeitung zum Stammkapital des von seinen Söhnen gegründeten Unternehmens Knight Newspapers.

Quelle: F.A.Z., 21.03.2006, Nr. 68 / Seite 40
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