12.11.2003 · Katja Essons Reportage „Adam - Retortenbaby als Lebensretter?“ schildert das Leben des amerikanischen Retortenkindes Adam Nash, der geboren wurde, um seine kranke Schwester zu retten.
Von Joachim Müller-JungWenn man sich vor Augen hält, wie ausgiebig, ja geradezu erschöpfend die Printmedien und mit ihnen die unterschiedlichsten öffentlichen Foren in den vergangenen drei Jahren das Thema Biopolitik behandelt haben, konnte man sich über die Rolle des Fernsehens bisher oft nur wundern. Abgesehen von der einen oder anderen Diskussion oder gelegentlichen Beiträgen in Wissenschaftsmagazinen, haben nur wenige Fernsehautoren die Wirklichkeitsnähe und damit die Brisanz der bioethischen Fragen erfaßt. Gewiß, diese Fragen konfrontieren uns unter Umständen mit individuellen Tragödien und Schicksalen, die weit fern der gefeierten "Wer-wird-Millionär?"-Welt liegen, aber sie sind deswegen keineswegs bloß politischer oder akademischer Natur. Wie lebensnah sie werden können, zeigt Katja Esson in ihrer heute zu leider viel zu später Stunde gesendeten Reportage "Adam - Retortenbaby als Lebensretter?"
Geboren um zu retten
Auslöser für die umfangreichen Recherchen der Autorin war die Geburt des amerikanischen Jungen Adam Nash am 29. August 2000. Das erste "Designer-Baby" war geboren, hieß es. Adam ist ein Retortenbaby, das mit der sogenannten Präimplantationsdiagnose (PID) unter vielen anderen Embryonen im Reagenzglas ausgesucht wurde. Das allein macht ihn nicht zum "Designer-Baby". Entscheidend ist, daß man den Embryo, aus dem sich Adam entwickelte, mit Gentests so ausgewählt hatte, daß er mit seinen Gewebemerkmalen perfekt als Knochenmarkspender für seine schwerkranke Schwester Molly in Frage kam.
Bis zum Mars und weiter
Katja Esson nun hat sich auf den Weg gemacht, dem biomedizinischen Überlebenskampf der Familie Nash nachzuspüren. Sie wäre, so sagt Mutter Nash im nachhinein mit fester Stimme, bis zum Mars geflogen, um ihre Tochter Molly zu retten. Ein Satz, der die Dramatik und Verzweiflung ausdrückt, die in dieser persönlichen Schicksalsgeschichte steckt. Esson freilich hat schnell bemerkt, daß diese amerikanische Tragödie nur die Spitze eines Eisbergs ist. Sie hat im Umkreis der Patientengruppe, in der sich die Familie Nash engagiert hatte, weiterrecherchiert. Zusammengeschlossen sind darin vor allem Eltern, deren Kinder wie Molly an der schweren und oft innerhalb weniger Jahre tödlich verlaufenden Erbkrankheit Fanconia Anämie leiden. Meistens sterben diese unter körperlichen Deformationen und Organversagen leidenden Kinder an Leukämie. Bemerkenswert sensibel geht Esson vor, wenn sie Familien- und Krankenschicksale beschreibt, die Eltern nach Hoffnungen und Enttäuschungen befragt und Videoeinspielungen der bemitleidenswerten Kinder einstreut. Wer wollte, wenn es um solche Schicksale geht, nicht bis zum Äußersten gehen?
Während man immer wieder gezwungen wird, sich zu fragen, wie man selbst handeln würde, nimmt der Film eine bemerkenswerte Wende. Esson zeigt alternative Therapieoptionen wie die konventionelle Knochenmarkspende, und sie macht an der Odyssee der deutschen Familie Dietrich und den inneren Widersprüchen, die sich durch die ethischen Fragen und die medizinischen Restriktionen auftun, die Ausnahmesituation des Designer-Babys Adam deutlich. Nicht nur, daß PID in Deutschland nicht zugelassen ist (was sich durch eine Kurzreise in die Vereinigten Staaten umgehen ließe), es sind offenkundig auch weltanschauliche Überzeugungen, welche die deutsche Familie Dietrich zu einer anderen Bewertung der eigenen Situation mit einem toten und einem kranken Kind kommen lassen.
Moralische Ambivalenz
In dem Film wird die eine nicht über die andere moralische Position gestellt, auch wenn die Autorin Sympathie für die Zurückhaltung erkennen läßt und die Neigung zum biotechnischen Rettungsanker nicht unkritisch begleitet. Zu denken wird manchem die Geschichte der Goldbergs aus Washington geben, die ihren schwerkranken Sohn Henry mit dem Verfahren retten wollten. Neunmal versuchte die Frau, schwanger zu werden, sage und schreibe 353 Hormonspritzen hat sie über sich ergehen lassen, nicht weniger als 198 Embryonen wurden im Reagenzglas erstellt. Doch alles vergeblich. Keiner der ausgewählten Embryonen nistete sich ein und wuchs wie Adam zu einem gesunden Baby heran. Kein Mangel der PID oder der künstlichen Befruchtung, möglicherweise nur eine Laune der Natur, aber ein Experiment, das zu denken gibt. Aufwand und Komplikationen werfen freilich auch einen Schatten auf manche aktuelle Debatte. Massenhafte Menschenauslese erscheint unter solchen Bedingungen als ein schieres Schreckgespenst.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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