02.03.2007 · Lange Jahre war das Wetter im Kino ein großartiger Feind. Bedrohlich, von bösen Mächten manipulierbar, von guten im letzten Moment zu retten. Diese Zeiten sind vorbei. Hollywood bleibt nur noch der Witz und die Dokumentation.
Von Verena LuekenOhne Katastrophen wäre das Kino arm und ohne schlechtes Wetter fast nicht denkbar. Selbst „Frühstück bei Tiffany“ setzt am Ende auf kräftigen Regen. Aber erst wenn der Wind garstig bläst, die Flüsse über die Ufer treten, wenn die Erde bebt, die Berge Feuer spucken, Killerflutwellen halbe Kontinente in die See reißen, Städte im Eis erstarren, die Hitze Gasrohre schmelzen oder Urwälder vertrocknen lässt, ist die siebte Kunst ganz bei sich.
Vorausgesetzt, all dies ist ordentlich erklärbar, wie es die Zweiteilung der Welt im Kalten Krieg ermöglichte, der im Kino deutlich länger anhielt als in der Welt. Solange die Russen, skrupellose Terroristen, weltmachtsüchtige Profitgeier, verrückte Wissenschaftler oder wenigstens Außerirdische schuld waren am Wetterdesaster, das auf den letzten Metern Film gerade noch abzuwenden war, war die Klimakatastrophe beste Unterhaltung. Hinter dem Klima stand, wenn es ernst wurde, immer eine fremde Macht. Wenn dazu noch ein wenig Mystik kam und die aus den Fugen geratene Natur Zeichen der Verletzung uralter Stammesheiligkeiten anzeigte, wurde das schlechte Wetter mitunter sogar Kunst, wie in Peter Weirs Aborigines-Science-Fiction „Die letzte Flut“ aus dem Jahr 1977. Es war die Hochzeit der Katastrophenfilme, und das Publikum juchzte, wenn die Welt wieder einmal im Schlamm versank oder sonstwie unterging.
Furcht ohne Spaß
Das ging, hoch und runter, noch zwanzig Jahre so weiter. Dann kam 1996 „Twister“ in die Kinos. Der Tornado-Thriller wirbelte halb Oklahoma durch die Lüfte und machte aus Dächern und Türen fliegende Teppiche, auf denen kreischende Menschen in rasender Geschwindigkeit meterhoch über die Dörfer flogen. Und im Rückblick wissen wir, dass dies der letzte Film war, bei dem wir tiefe Genugtuung verspürten, als der Sturm - hochaufragend fotogen und düsterer und zerstörerischer als alles, was bis dahin aus den digitalen Speichern kam - Einkaufszentren dem Erdboden gleichmachte und Häuser, Autos und Lastwagen zerbröseln ließ. Danach war der Spaß vorbei. Roland Emmerichs Eiszeitphantasie „The Day After Tomorrow“ von 2004 war nicht mehr lustig. Er war noch nicht einmal Kunst. Sondern ein Kommentar zur Lage der Natur.
Lust macht Angst nur, wenn Ereignisse sie auslösen, die gänzlich unwahrscheinlich sind. Es sieht so aus, als blieben uns im Augenblick dafür nur die Zombies im Wald oder die Weltherrschaft der Werwölfe. Die Killertornados jedenfalls, mutierte Barsche, gefährliche Erderwärmung durch Methanausstoß, Vereisung einerseits und Polabschmelzung andererseits sind vom Spielfilm in die Dokumentationen gewandert. Dort allerdings sind sie inzwischen fast omnipräsent: „Darwins Albtraum“ erzählt vom Umweltdesaster und seinen sozialen Folgen am Victoriasee, „Unser täglich Brot“ und „We Feed the World“ vom Irrwitz der Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion, „Supersize Me“ oder „Fast Food Nation“ zeigen uns, was damit auf unsere Teller kommt, falls wir immer noch keine Vegetarier sind, und „Eine unbequeme Wahrheit“ von Al Gore breitet das ganze Spektrum der drohenden Klimakatastrophe vor uns aus und hat dafür vor einigen Tagen den Oscar als bester Dokumentarfilm gewonnen. Wir fürchten uns, wenn wir diese Filme sehen, aber es macht keinen Spaß mehr. Nur über „Happy Feet“ lachen wir noch, obwohl die Polkappen schmelzen, während die Pinguine tanzen.
Katastrophen geben keine plot points mehr
Jenseits der Animation aber hat Hollywood Probleme mit der aktuellen Bedrohung der Welt durch den Klimawandel. Zwar fahren die Stars in Hybridautos zum roten Teppich, und harmlose Goodwill-Erklärungen bei der Oscar-Verleihung bestätigen, dass das Establishment der Unterhaltungsindustrie auch in dieser Frage auf der richtigen Seite steht. Sobald es aber darum geht, Stoffe zu entwickeln und Geschichten zu erfinden, in denen das Wetter ist, wie es sein wird, fällt offenbar niemandem etwas ein. Der Klimawandel durch Schadstoffausstoß und die Frage, ob und wie und wie lange noch er bei entsprechendem Sparverhalten zu verhindern oder abzumildern sei, geben keine gute Geschichte her. Die globale Erwärmung ist der große Langweiler im Unterhaltungsfach, ihre Entwicklung vorhersehbar, die Protagonisten zu ununterscheidbar, die Möglichkeiten eines Guten oder Erleuchteten, ihr Einhalt zu gebieten, jenseits aller Wahrscheinlichkeit, so weit wir sie im Kino zu strecken auch gewöhnt sind.
Weil die Klimakatastrophe kein Zukunftsszenario ist, taugt sie nicht mehr zur Hauptfigur, wie sie es in den Katastrophenfilmen war, nicht mehr zum ungreifbaren Gegenspieler unserer eigenen Macht, die wir einem Filmheld liehen, der das Unheil dann doch noch in die Schranken weisen konnte. Wo wir die Veränderungen der klimatischen Bedingungen, unter denen wir leben werden, überhaupt zu sehen bekommen, sind sie Hintergrund, wie sie es schon im „Blade Runner“ waren oder kürzlich in „Children of Men“. Nachdem das Wetter jahrzehntelang Waffe im Arsenal böswilliger Zerstörer war, ist es nun, da die Katastrophe offenbar da ist, im Film nur noch Teil des Sets. Natürlich werden sich die Geschichten, die das Mainstreamkino erzählt, dadurch verändern - wie unser Leben auch. Aber es werden keine Geschichten vom Wetter sein. Zustände, auch katastrophale, geben keine plot points her.
Es bleiben Witz und Dokumentation
Was Hollywood einfällt, sind Witze. So gibt es bei YouTube ein Video des Komikers Will Ferrell in der Rolle von George W. Bush zu sehen, der versucht, ein Statement zur Erderwärmung abzugeben. Das ist naturgemäß ziemlich komisch, und es ist, angesichts unserer Kenntnis von Bush-Reden zu diesem oder irgendeinem anderen todernsten Thema, auch ziemlich erschütternd. „Denken wir zurück an die Tage“, sagt Ferrell als Bush dort etwa, „an denen Gott die Welt erschuf. Adam und Eva waren im Paradies nackt. Warum? Weil es heiß war.“
Wenn wir uns fürchten wollen, so scheint es, müssen wir im Spielfilm in Zukunft aufs Wetter verzichten und vorliebnehmen mit Untoten, Serienmördern, Terroristen. Für wahre Angst taugen nur noch der Witz oder die Dokumentation.