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Kleidersündenfall Evaskostüm

03.02.2004 ·  Eine "Kostümfunktionsstörung" der Sängerin Janet Jackson in der Halbzeitpause des Super Bowls empört die Amerikaner. Wer interessiert sich da noch für die fehlenden irakischen Massenvernichtungswaffen?

Von Jordan Mejias
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Es muß auch die Welt beruhigen, wenn die einzig übriggebliebene Weltmacht sich abermals als voll funktionsfähig erweist. Und das nach einem Vorfall, den sein Auslöser bestimmt unvergeßlich zur "Kostümfunktionsstörung", im Original: wardrobe malfunction, erklären ließ. Damit beschrieb der Popstar Justin Timberlake den nur dem verblendeten Fernsehzuschauer als vorsätzlich erscheinenden Handgriff, mittels dessen er die rechte Brust seiner Popstarkollegin Janet Jackson von einer sicher sehr unkomfortablen Ledermontur befreite. Der Schock der Nation war absolut, aber sogleich begann, dank des wachsamen Chefs der Medienaufsichtsbehörde, die gutgeölte Bürokratenmaschinerie zu funktionieren.

Michael Powell, der Leiter der Federal Communications Commission (ein Sohn des Außenministers Powell), der sich lange von der drohenden Monopolisierung der Radio- und Fernsehsequenzen nicht aus der Ruhe bringen ließ, ordnete unverzüglich eine amtliche Ermittlung der Genesis dieses, wie er sagte, "stillosen, kruden und beklagenswerten Stunts" an. Unempfindliche Geldstrafen sind unausweichlich. Powell handelte da weitaus flotter als sein Chef im Weißen Haus, der sich am selben Tag entschied, eine Untersuchungskommission einzusetzen, die Licht ins Dunkel um die fehlenden irakischen Massenvernichtungswaffen bringen mag.

„Anstößig, beschämend und unangebracht“

Die Frage, was gerade in den Augen der Medien dringlicher sei, Massenvernichtungswaffen oder Janet Jacksons entblößter Busen, brauchen wir wohl selbst für notorisch desinformierte Alteuropäer nicht zu beantworten. Amerika hat sich auf das brennendste Problem gestürzt und schickt sich an, die Flammen, sind sie erst einmal genußvoll angefacht, in einem Noteinsatz naßforscher Empörung zu löschen. Doch bis dahin läuft die Entkleidungsszene, fortan strategisch verpixelt, endlosschleifenartig über sämtliche Kanäle. Noch das hochpolitische Mitternachtsmagazin "Nightline" zieht die Sängerin dem Präsidenten vor.

Heiliger noch als die Super Bowl selbst, die inländische Weltmeisterschaft der Footballer, ist allenfalls die Halbzeitpausenunterhaltung, die wiederum nur von verkalkten Alteuropäern als Halbzeitpausenfüller mißzuverstehen wäre. Am allerheiligsten indes sind die für Zigmillionen Dollar verkauften Werbeminuten, die nun gerade nicht Familienwerte preisen, sondern die Sportfans für Potenzmittel zu begeistern suchen. "Anstößig, beschämend und unangebracht" findet der Cheffunktionär aller Footballer jedoch nicht solche Werbung oder womöglich den wiederholten Griff in den Schritt, den ein paar ebenfalls im Halbzeitamüsement tätige Rapper vorführten. Allein Janet Jacksons Oberkörper bringt ihn in Rage.

Sogar die Spitzen-Dekoration stimmte

Statt nun abermals das ohnehin unergründliche puritanische Erbe einer Nation zu sezieren, die sich um halb acht über Bilder empört, nach denen sie um halb elf giert, sei auf die fernsehamtliche Definition von "Obszönität" verwiesen. Jene wird uns als "Fehlen ernsthafter literarischer, künstlerischer, politischer oder wissenschaftlicher Werte" nähergebracht. Erkenntnistheoretisch tadellos. Nur, Sekunden bevor Justin Timberlake zur Teilentblößung Janet Jacksons ansetzte, duettierte er, wie es der Song "Rock your body" vorschreibt, ins Mikrofon: "Am Ende des Songs werde ich dich nackt haben."

Zumindest ansatzweise hat er das in einem, warum nicht, als künstlerisch auszudeutenden Akt umgesetzt. War er etwa ungeplant? Dann müßte Janet Jackson bitte erklären, warum sie unter ihrem Lederfummel nach klassischer Stripperinnenart eine silberglänzende Dekoration auf ihrer Brust trug. Die Debatte beginnt erst, Verschwörungstheorien inklusive. Die PR-Maschine läuft, Janet Jackson hat sich schon entschuldigt, ihr Verlag aber hat ihre jüngste Platte, deren Erscheinen eigentlich erst in Wochen erwartet worden war, schon jetzt auf den Markt geworfen. Wer möchte da noch über Massenvernichtungswaffen reden?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. Februar 2004
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