20.12.2005 · Gleich zwei berühmte Waisenkinder sind von Donnerstag an in den Kinos zu sehen: Oliver Twist, der sich in London als Dieb durchschlagen muß und Heidi, die beim Almöhi in den Bergen wohnt.
Gleich zwei berühmte Waisenkinder sind von Donnerstag an in den Kinos zu sehen: Oliver Twist, der sich in London als Dieb durchschlagen muß und Heidi, die beim Almöhi in den Bergen wohnt.
Oliver Twist
Drama, Tschechien 2005.
Charles Dickens prägte wie kein zweiter Dichter das Bild vom London im Gaslicht und Dreck des 19. Jahrhunderts. In „David Copperfield“ zum Beispiel oder „Große Erwartungen“, und natürlich in „Oliver Twist“. In einer Neuverfilmung dieser Waisengeschichte, die zu Weihnachten in die deutschen Kinos kommt, zeigt Regisseur Roman Polanski, der zuletzt mit „Der Pianist“ von sich reden machte, die Wunden, Narben und Unbehaglichkeiten Londons sehr genau. Der zwölfjährige Barney Clark spielt Oliver mit leiser Melancholie, ohne die aufgerissenen Kulleraugen eines Daniel Radcliffe, an dessen Harry Potter man ständig denken muß.
Hehler Fagin, gespielt vom notorischen Ben Kingsley, schwankt zwischen Habgier, Selbstsucht und Zärtlichkeit für den jungen Oliver Twist: Er bietet Oliver zugleich Unterschlupf in seiner Kinderbande und will ihn als Dieb ausbeuten. Dagegen nimmt Mr. Brownlow, der Philanthrop, Oliver Twist auf, weil er an dessen gute Seele glaubt. Sein Haus in Pentonville ist die pädagogische Provinz dieses Films, ein Anflug von Grün und Sonnenschein. Doch die Idylle hält nur kurz, bald darauf verschleppt die Diebesbande den Jungen wieder in ihren Sumpf. Ein unschuldiges Kind, das wieder und wieder auf die Probe gestellt wird, hofft und verliert, sich in Sicherheit glaubt und betrogen wird in den Straßen von London, wo ein ganzes Viertel ihm hinterherstürmt, weil jemand „Haltet den Dieb!“ schreit.
Wo die Liebe hinfällt
Komödie, Vereinigte Staaten 2005.
Da wächst kein Gras mehr: „Wo die Liebe hinfällt . . . Basierend auf einem wahren Gerücht“, so heißt Rob Reiners romantische Komödie „Rumor has it“ auf deutsch. Die junge Journalistin Sarah (Jennifer Aniston) findet heraus, daß ihre Familie die Vorlage für die Robinsons in der „Reifeprüfung“ lieferte - und stürzt in eine so tiefe Krise, daß sie ihrer bereits verstorbenen Mutter und Großmutter Katherine (sorgt für die meisten Lacher: Shirley MacLaine) folgt und auch mit Dustin Hoffmans Alter ego von damals (heute: Kevin Costner) ins Bett geht.
Leider hat der Film von Regisseur Rob Reiner damit sein ganzes Pulver verschossen, denn wie er sich aus diesem reizenden Schlamassel herauswindet, das ist so fad, daß man sich lieber die siebenfach oscarnominierte „Reifeprüfung“ auf DVD einlegt.
Organize Isler - Krumme Dinger am Bosporus
Komödie, Türkei 2005.
Der türkische Erfolgsregisseur Yilmaz Erdogan inszenierte seine neue Komödie um glücklose Helden rasant und witzig im Kleinganovenmilieu von Istanbul. Asim Noyan (Yilmaz Erdogan) hält sich als Chef einer Bande mit dem Verkauf gestohlener Autos über Wasser. Den Rest seiner Zeit verbringt der verlassene Ehemann damit, sich mit fremden Frauen zu trösten, was wiederum den Unmut ihrer gehörnten Gatten auf ihn lenkt.
Der erfolglose Soziologe Yusuf Ziya Ocak (Altan Erkekli) leidet unter dem mangelnden Interesse an seiner aktuellen Publikation. Aber dann erhält er unverhofft einen gut dotierten Literaturpreis. Mit seiner Frau Nuran beschließt er, der Tochter Umut ein Auto zu schenken - ein Plan, der nicht gerade mit Glück überhäuft wird. Und dann ist da noch der erfolglose Superman-Parodist Samet (Tolga Cevik), der sich eigentlich das Leben nehmen will.
Heidi
Zeichentrick, Deutschland / Kanada / Großbritannien 2005.
Überraschendes ist nicht zu erwarten, denn die 125 Jahre alte Geschichte um das Waisenkind Heidi kennt man spätestens seit der japanischen Fernsehserie aus den 70er Jahren. Mit modernster Technik realisierte Regisseur Alan Simpson (er zeichnete „Watership Down“) die 16. Kinoverfilmung von Johanna Spyris weltberühmtem Roman.
Die Rollen werden von prominenten Jungstars wie Jimi Blue Ochsenknecht („Wilde Kerle“) und Sidonie von Krosigk („Bibi Blocksberg“) gesprochen. Rechtzeitig zur Vorweihnachtszeit sollte die Geschichte um Heidis Abenteuer in den Schweizer Alpen mit ihrem Großvater, dem Almöhi, und ihren Freunden Geißenpeter und Klara viele Familien in die Kinos locken.
Terkel in Trouble
Zeichentrick, Dänemark 2004.
Die erste 3-D-Animation aus Dänemark ist die Teenie-Geschichte „Terkel in Trouble“. Der schrill-bunte Actionfilm legte 2004 in der Heimat den erfolgreichsten Kinostart des Jahres hin. In der deutschen Fassung spricht Bela B. Felsenheimer (bekannt als singender Schlagzeuger der Punkband „Die Ärzte“) alle Stimmen und singt auch alle Songs.
Basierend auf einer Radio-Serie, erzählt der Film von Teenager Terkels seltsamen Erlebnissen: Er hat ein hartes Los gezogen. Seine Mutter redet permanent und raucht pausenlos, sein Vater sagt grundsätzlich „nein“, und seine kleine Schwester ist die Nervensäge schlechthin. Zum Glück gibt es aber seine Freunde Jason und Gunnar. Und Freunde braucht Terkel dringend, denn eines Tages fliegt eine Morddrohung durch sein Fenster.
U-Carmen
Musikfilm, Südafrika 2005.
Dem südafrikanischen Regisseur Mark Dornford-May gelang auf der Berlinale ein Überraschungserfolg mit der Verfilmung seiner „Carmen“-Version, die er in bereits mit der Theatercompagnie South African Dimpho Di Kopane auf die Bühne gebracht hatte: Die Opern-Adaption wurde mit dem Goldenen Bären 2005 ausgezeichnet.
Die klassische Liebesgeschichte aus der Oper von Bizet ist bekannt. Doch in einem solchen Szenario hat man Carmen (Pauline Malefane) noch nie ihre Arien schmettern hören und sehen können: Donford-May siedelte die Story in einem südafrikanischen Township an, gekennzeichnet vom aufreibenden Alltag der dortigen Bewohner, aber auch vom Temperament und der selbstverständlichen Sinnlichkeit der Sängerinnen und Sänger. Der Film wird komplett in der Landessprache Xhosa gesungen.
Townes Van Zandt
Dokumentarfilm, Vereinigte Staaten 2004.
Drei kaputte Ehen, Alkohol- und Heroinsucht, Entziehungskuren - von diesen persönlichen Erfahrungen war der Musiker John Townes van Zandt gezeichnet, als er am 1. Januar 1997 mit 52 Jahren starb. Obwohl seine Erfolge zu Lebzeiten kaum erwähnenswert waren, ist van Zandt inzwischen mit seiner Musik, einer Mischung aus Country, Folk und Blues, zu einer Legende geworden.
Regisseurin Margaret Brown ist es gelungen, nicht nur ein eindringliches Bild der Persönlichkeit van Zandts zu zeichnen; auch die amerikanische Südstaatenatmosphäre mit dem lockeren Lebensgefühl wird spürbar. Angereichert ist der Film mit zahlreichen Interviews mit Familie, Freunden und Kollegen. Und natürlich einer Menge Songs.