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Kinovorschau Durch die Pforten der digitalen Illusion

09.08.2005 ·  Johnny Depp als sonderbarer Herrscher eines Schokoladenreichs, eine Comic-Verfilmung mit Starbesetzung und die Geschichte des berühmtesten Pornos der Welt: die Kinostarts der Woche.

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Johnny Depp als sonderbarer Herrscher eines Schokoladenreichs, eine starbesetzte Comic-Verfilmung und die Geschichte des erfolgreichsten Pornos der Welt: die Kinostarts der Woche.

Bin Jip

Drama, Südkorea/Japan 2004

Tae-suk ist ein hübscher Junge, der in fremder Leute Wohnungen einbricht, aber nichts zerstört, ganz im Gegenteil. Er repariert, was kaputt ist, er wäscht die schmutzige Wäsche, dann guckt er ein bißchen fern, nimmt ein Bad, schläft im fremden Bett, fotografiert sich selbst zur Erinnerung, und am nächsten Morgen zieht er weiter. Das geht so, bis der Junge in eine Wohnung einbricht, in der er nicht alleine ist.

Er merkt es nicht gleich, weil die junge Frau sich vor ihm versteckt, und als sie sich endlich zeigt, sieht Tae-suk, daß ihr Mann sie brutal geschlagen hat. Und die junge Frau holt nicht die Polizei, sondern steigt, als der Junge die Wohnung verläßt, auf den Rücksitz seines Motorrads und teilt fortan seinen Lebensstil. Kim Ki-duk heißt der Regisseur, und offenbar hat der Mann gar nicht gemerkt, wie der Verzicht auf erzählerische Plausibilität den moralischen Kern dieses Films aufzehrt, bis „Bin-Jip“ innen ganz hohl ist.

Cattolica

Drama, Deutschland/Schweiz/Italien 2004

Martin (Merab Ninidze) und Stefan (Lucas Gregorowicz), zwei ungleiche Brüder, die erstmals nach dem Tod der Mutter voneinander hören, machen sich auf, ihren italienischen Vater zu finden. Zwei Briefe, ein gerillter Stein, Stefans Adoptionsurkunde und Fotos eines Italien-Urlaubs des kleinen Martin mit der Mutter sind zugleich Anhaltspunkte und Rätsel. So treiben Indizien und Zufälle das Duo zunächst ins überfüllte Cattolica und dann in einsame Landstriche immer weiter südwärts.

Das Verhältnis der Brüder bleibt spröde: Stefan, ein schwuler Leichtfuß, und Martin, ein engagierter Organisator und Vater, verfolgen hier ein gemeinsames Interesse, gehen aber sonst getrennte Wege. Die riskanten Begegnungsszenen zwischen den Söhnen und ihrem Vater schließlich gründet der Regisseur Rudolph Jula in eine Lakonie, die nur wahre Emotionen erlaubt. Wie Jula das Ambiente für sich sprechen läßt und in ihm zugleich Angelpunkte der Ereignisse entdeckt, erinnert an Antonioni: Nicht zufällig kommen die Brüder in einer Kulturlandschaft ans Ziel, in der historische Architektur, Natur und der Maschinenpark der Steinsägerei zusammentreffen.

Charlie und die Schokoladenfabrik

Fantasy, Vereinigte Staaten/Großbritannien 2005

Fünf „Golden Tickets“, Eintrittskarten in sein Schokoladenreich, verspricht der sonderbare Mister Willy Wonka seinen Käufern, gut verpackt in Wonkas Schokoladentafeln. Man müsse nur die richtige kaufen.

Das ist der Plot in Roald Dahls Buch „Charlie and the Chocolate Factory“ von 1964, einer herrlich überdrehten Allmachtsphantasie für Kinder, in der es Kopfkissen aus Zuckerwatte gibt, heißes Eis für kalte Tage, Bleistifte mit Zuckerüberzug und unsichtbare Schokolade, gut im Unterricht zu essen. Regie-Exzentriker Tim Burton hat Dahls Roman verfilmt. Als Willy Wonka ist Johnny Depp zu sehen.

Inside Deep Throat

Dokumentarfilm, Vereinigte Staaten 2004

Der legendäre Porno „Deep Throat“ über eine Frau, die ihre Klitoris tief im Hals, irgendwo hinter den Mandeln, hat, lockte erst Prominenz von Jackie Kennedy bis Truman Capote und dann die Staatsanwaltschaft ins Kino. Die Dokumentation von Fenton Bailey und Randy Barbato versammelt ein prominentes Aufgebot, um des großen Skandals zu gedenken: Dennis Hopper als Off-Erzähler und Norman Mailer, Gore Vidal ist dabei, John Waters, Hugh Hefner, Larry Flynt und natürlich Regisseur Gerard Damiano und Hauptdarsteller Harry Reems, der damals fast für fünf Jahre im Gefängnis verschwunden wäre. Nur Linda Lovelace, die Frau ohne Schluckbeschwerden, ist bloß ein Geist auf Archivmaterial, weil sie 2002 bei einem Autounfall ums Leben kam.

Es gibt viele kuriose Anekdoten und Typen, wie es sich für den erfolgreichsten Film der Kinogeschichte gehört, der rund 25.000 Dollar kostete und 600 Millionen einspielte. Die Dokumentation ist originell gemacht, sie schneidet zwischen die talking heads immer wieder lustige Ausschnitte aus amerikanischen Aufklärungsfilmen und aus „Deep Throat“, und tritt solide-liberal für freie künstlerische Meinungsäußerung ein. Die feministische Kritik wird nicht vergessen, und alle freuen sich, daß der Watergate-Informant nach dem Film benannt wurde - aber der Film strengt sich nicht sonderlich an, die desaströse Ehe und den traurigen Weg der Linda Lovelace näher zu betrachten oder die trostlose Mechanik der Sexindustrie, die auch bei den Dreharbeiten zu „Deep Throat“ natürlich nicht durch Spaß und Rebellion ersetzt wurde.

Weltverbesserungsmaßnahmen

Episodenfilm, Deutschland 2005

Jörn Hintzer und Jakob Hüfner haben eine Pseudodokumentation bierernster Vorschläge gedreht, was man in Deutschland anders machen könnte. Wie wäre es, wenn alle lernten, langsamer zu gehen, um die Energievorräte der Erde zu schonen?

Würde es der Wirtschaft nicht helfen, wenn man - wie hier am Beispiel einer sächsischen Kleinstadt vorgeführt wird - die Geldscheine mit einem Säureklecks tränkte, um jeden zu zwingen, sie schnell wieder auszugeben? Oder könnten vier Millionen Arbeitslose, statt sich zu langweilen, vier Millionen Einzelkindern als Spielgefährten dienen, womit beiden Seiten geholfen wäre? Wo aber Gefahr ist, wächst die Spinnerei auch. Die Schellenglöckchen verhallen im Wald.

Sin City

Drama, Vereinigte Staaten 2005

„Sin City“ ist nicht einfach eine Verfilmung der gleichnamigen Comic-Serie, die Frank Miller Anfang der neunziger Jahre veröffentlicht hat. Es ist die bildgetreue Transposition seines Comics in ein digitales Zwischenfilmreich, in dem reale Schauspieler vor computeranimierten Hintergründen agieren. Die Animation zieht die Darsteller fast restlos in ihre Zweidimensionalität hinein, preßt ihre Gesichter und Körper in den Bildertext, der auf der Leinwand abrollt.

Aber der kleine Rest, der bleibt, ist unsere Falltür in die düsteren Tiefen dieses Films. Es sind die Falten in den Augenwinkeln von Bruce Willis, die Muster auf Brittany Murphys Hemd oder die wehenden blonden Haare von Jessica Alba. Wenn man durch diese Pforten der filmischen Illusion gegangen ist, führt kein Weg aus „Sin City“ wieder heraus. Im Gegensatz zu den Gewaltbildern in den meisten Mainstream-Produktionen wirkt „Sin City“ weder obszön noch lächerlich, sondern auf seltsam entrückte Weise literarisch, wie der Schrecken bei Ambrose Bierce und Edgar Allan Poe. Das hat mit der zweiten wesentlichen Qualität des Films zu tun, die mindestens ebenso wichtig ist wie seine formale Ambivalenz: die Geschlossenheit seines Stils.

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