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Kinovorschau Das doppelte Klonchen

02.01.2004 ·  In ihrem neuesten Film spielt Franka Potente eine todkranke Pianistin und deren Tochter, die ein Klon der Mutter ist: In ihrem Kind soll ihre Kunst fortleben.

Von Andreas Kilb
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Es ist eine jener Geschichten, die seit Jahren in der Luft liegen. Iris, eine Komponistin und Klaviervirtuosin, erfährt, daß sie an Multipler Sklerose leidet, und beschließt, ihr Talent in einem Kind zu verewigen. Sie läßt sich klonen, ein Mädchen entsteht, Siri geheißen, es wächst heran, lernt Klavierspielen, wird zur Kopie seiner Mutter, doch dann fliegt die Sache auf: Der Wissenschaftler, der das Experiment durchführte, hält nicht dicht, er will zum Erfolg auch den Ruhm. Siri bricht angesichts der Wahrheit zusammen; als sie sich erholt, beginnt sie einen bitteren Kleinkrieg gegen ihre Mutter zu führen. Schließlich flieht sie, ohne Klavier, in die kanadische Wildnis, wo sie Wapitis beobachtet und ihr Alleinsein pflegt. Erst als Iris im Sterben liegt, kehrt Siri nach Hause zurück, es gibt eine Versöhnung am Totenbett, dann ist die Klongeschichte aus.

Die Autorin Charlotte Kerner hat aus diesem Stoff einen Jugendroman gemacht, der bereits zum Unterrichtsstoff für die gymnasiale Oberstufe avanciert ist, und der Regisseur Rolf Schübel hat den Roman in Filmbilder gepackt. Das ist schon das Beste, was man über "Blueprint" sagen kann, denn Schübels Verfilmung ist, seinen hübschen kanadischen Landschaftsbildern zum Trotz, ein grausam papierenes Stück Antikino, ein wandelndes Dossier im Breitwandformat, mit dem man jeden aufmüpfigen Deutsch-Leistungskurs zur Räson bringen kann. Seit dreißig Jahren gibt es in Deutschland Filme wie diesen, Filme, welche die Leinwand in eine Schultafel verwandeln, auf der ein gesellschaftlich relevantes Problem in seinen rational vermittelbaren Aspekten durchdekliniert wird, und noch immer verleiht ihnen die Wiesbadener Filmbewertungsstelle das Prädikat "Besonders wertvoll", und noch immer geben alle einschlägigen Filmförderer ihr Geld dazu.

Film hängt in der Luft

Man kann auch im einzelnen wenig sagen gegen Schübels Film, gegen die feierlich-steife Folge von Rückblenden, in denen er die Geschichte abwickelt, gegen den Standort der Kamera oder den Kammerton der Dialoge - es ist nur so, daß nichts von alledem, was "Blueprint" zu erzählen vorgibt, wirklich anschaulich wird, weder die tödliche Krankheit der Mutter noch das Aufbegehren und der Selbsthaß der Tochter, weder die künstlerische noch die sexuelle Rivalität der beiden, weder die Tragödie des Klons noch die der Geklonten. Zur Katastrophe wird diese Hölzernheit in einer Szene, in der Siri sich beim Klavierduett mit ihrer Mutter einen Judenstern mit der Aufschrift "Klon" ans Kleid heftet. So, wie Schübel diesen Moment inszeniert, kommt er tatsächlich einer Beleidigung der Opfer des Nationalsozialismus nah - nicht, weil er ein Tabu bricht, sondern weil er es so brav und bieder bricht, so ohne jedes Gespür für den Schrecken, den er beschwört.

Die beiden Hauptfiguren der Iris und Siri hat Schübel zur Doppelrolle zusammengezogen und Franka Potente anvertraut, und das ist der Geburtsfehler seines Films. Denn Potente, als Siri eine Idealbesetzung, vermag die Psychopathologie der Mutter, welche die Geschichte überhaupt erst in Gang bringt, keinen Moment lang plausibel zu machen. Weil sie keine Gegenspielerin hat, hängt ihr Spiel ebenso in der Luft wie der ganze Film. Wo Klon draufsteht, muß auch Klon drin sein, mag sich der Regisseur bei der Besetzung von "Blueprint" gedacht haben. Es sind solche Kurzschlüsse, die einen Film kaputtmachen können. In Deutschland passieren sie immer noch viel zu oft.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.01.2004, Nr. 2 / Seite 31
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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