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Kinotod Boulevard der Dämmerung

23.06.2004 ·  Vor den Städten sterben die Kinos. Nun hat auch der Berliner Royal-Palast dichtgemacht. Das Kino, einst ein Kind der Großstadt, flüchtet vor dem Gedränge in die Peripherie - zu den Shopping-Malls und Baumärkten.

Von Michael Althen
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Als 1965 der Berliner Royal-Palast am Kurfürstendamm eröffnete, galt seine 380 Quadratmeter große Leinwand als die größte Europas. Und wenn man auch in den letzten Jahren diese Großzügigkeit auf über neunhundert Plätzen immer unbedrängter genießen konnte, wurde man das Gefühl nicht los, daß das Kino dem Untergang geweiht sei.

Schon seine Lage am Europa-Center, dessen ruinöser Charme ein Spiegelbild der abnehmenden Bedeutung der West-Berliner City ist, schien den Glanz der Riesenleinwand bereits vom Rande her anzufressen. Und die Plakate, die auf den langen, gewundenen Gängen zum Ausgang den Weg säumten, schienen ebenfalls davon zu künden, daß das Kino in dieser Großstadtlage sein Verfallsdatum längst überschritten hatte: Bud Spencer war da zu sehen und Belmondo und wer sonst noch in den iebziger Jahren einen großen Namen hatte. Vergangenen Monat war es dann soweit: Der Royal-Palast, fünf Säle, zweitausend Plätze, schloß ein Jahr vor seinem 40. Geburtstag für immer die Türen.

Abspielstätte für Dutzendware

Das Royal war kein Hort der Filmkunst, sondern eine Abspielstätte für Dutzendware, so daß man nicht weiter traurig sein müßte, wenn man mal von der Melancholie absieht, die jeden Kinogänger befällt, wenn seine Erinnerungen ihre Heimat verlieren. Was aber dann schon bedenklich stimmt, ist die Tatsache, daß das Royal alles andere als ein Einzelfall ist, sondern einer ganzen Reihe von Kinos nachfolgt, die einst am Kudamm beheimatet waren.

Zuletzt hatte das Astor einer Modehandelskette weichen müssen, davor hatte es die Filmbühne Wien, das Gloria, das Marmorhaus, das Hollywood und das Olympia getroffen, und auch abseits des Boulevards schlossen die Filmbühne am Steinplatz oder die Kurbel. Langsam gehen also in der City West die Lichter aus - aber nicht nur dort.

Als der Regisseur Christian Petzold im vergangenen Jahr zum Interview in die City Ost kam, stellte er fest: "Auf dem Weg hierher habe ich gemerkt, daß es auf dem ganzen Boulevard Unter den Linden kein einziges Kino gibt. Ich glaube aber, daß das Kino unbedingt einen öffentlichen, einen alltäglichen Raum braucht, weil man beim Filmemachen ja auch das Kino als Ort vor Augen hat. Für einen Boulevard, der nur Versicherungsbüros und Banken gehört, ist es jedoch schwer, überhaupt Filme herzustellen. Wenn man über die Filme der Vierziger spricht, hat man doch immer das Gefühl, daß da tatsächlich Leute um 15 oder 17.30 Uhr zweimal die Woche ins Kino gegangen sind - das prägte auch die Filme. Heute wird dauernd von Fallhöhen gesprochen, aber keiner kriegt mit, wie sich der gesamte makropolitische Zusammenhang um das Kino herum zerlegt."

Ein Kind der Großstadt

Das Kino war von Anfang an ein Kind der Großstadt, ein Fluchtraum für jene Gesellschaftsschichten, die das Wachstum der Metropolen begründeten. Schon 1920 hieß es, die Psychologie des kinematographischen Triumphes sei Großstadt-Psychologie, und Georg Simmel sah in der "raschen Zusammendrängung wechselnder Bilder" ebenfalls ein Spiegelbild großstädtischer Wahrnehmungen. Von dieser "Ästhetik des Fiebers" zehrte auch das Kino. Aber wovon nährt es sich heute, da allerorten die Kinos an die Peripherie flüchten?

Man muß befürchten, daß das Kino dort in den Baumärkten und Möbelhäusern Brüder im Geiste findet. Die Filme liefern Fertigteile für sorgsam gehegte Bedürfnisse, vorgefertigt, abgepackt und leicht montierbar. Richard Sennett hat in "Flesh and Stone" mal beschrieben, wie er mit einem kriegsversehrten Freund, der eine Armprothese trug, ein Kinocenter in einer Shopping-Mall besuchte und das Befremden der anderen Kinobesucher spürte. Die Präsenz eines Körpers in seiner Versehrtheit wurde offenbar als Zumutung empfunden.

Wo die Großstadt noch von Nähe und Gedränge lebte, da geht es in den neuen Kinocentern um reibungslose Abläufe und ungehinderte Bewegung, von der Anfahrt übers Parken bis in den Saal. Und mit diesem anderen Kinoerlebnis geht interessanterweise auch eine größere Gewalttätigkeit der Filme einher, offenbar als Gegenreaktion auf die abnehmende Körperlichkeit. Da ist es kein Wunder, daß immer mehr Filme entstehen, deren einzige Luftzufuhr die Air-condition besorgt.

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