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Fluchtdrama „Transit“ im Kino : Es war einmal in Marseille

„Transit“ war lange Christian Petzolds Lieblingsbuch, nun hat er es verfilmt. Paula Beer spielt die weibliche Hauptrolle der Marie Weidel. Bild: Christian Schulz / Schrammfilm

Vor fast achtzig Jahren schilderte Anna Seghers in „Transit“ die Not der deutschen Emigranten. Christian Petzolds Film übersetzt den Roman in unsere Gegenwart.

          Es gibt nur wenige Beschreibungen von Marseille in Anna Seghers’ Roman „Transit“. Eine dieser seltenen Stellen, in denen die Erzählung gleichsam den Atem anhält, handelt von der Place Saint-Ferréol am Rand des Hafenviertels: „Nicht nur unermessliche Leere schien den Platz zu erfüllen trotz seiner Zeitungsbuden und frierenden Bäume, sondern unermessliche Zeit. Vermischt mit dem Staub, schien der Wind ungeheure Stöße von Zeit daherzufegen.“ Einen Herzschlag lang ist die Panik ruhiggestellt, die das Buch von der ersten bis zur letzten seiner knapp zweihundert Seiten durchzieht. Dann geht der Kampf um die letzten Visen und Schiffspassagen, die letzten Tickets in die Freiheit weiter.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Man muss sich den Film von Christian Petzold als bildliche Umsetzung dessen vorstellen, was auf diesem Platz passiert. Ein Erzählraum öffnet sich und füllt sich mit unermesslichen Schüben von Zeit. Mit der Zeit, in der das Buch spielt, dem Winter 1941, und der Zeit, in der die Verfilmung gedreht wurde, dem Frühjahr 2017. Und mit der langen Epoche dazwischen. Denn die Geschichte hat ja nicht stillgestanden seit den Ereignissen, die der Roman beschreibt. Im November 1942 wurde ein Großteil der Altstadt von den deutschen Besatzern zerstört. Die Place Saint-Ferréol trägt heute einen anderen Namen. Und Anna Seghers, die Autorin, ist seit fünfunddreißig Jahren tot.

          Nah am Buch gehalten

          Dabei ist Petzolds Film längst nicht so „frei nach dem Roman“, wie der Abspann behauptet. Er hält sich in allen wichtigen Fragen an das Buch, an die Schauplätze, die Figuren, ihre Schicksale und sogar an den Namen des Schiffes, mit dem sie aus Marseille entkommen wollen, die „Montreal“, von der es bei Seghers schon am Anfang heißt, sie sei gesunken. Nicht so bei Petzold. Er verschiebt, und das ist der erste seiner filmischen Befreiungsschläge, die Erzählperspektive nach vorn. Aus einem Rückblick wird ein offenes Geschehen, in dem noch nicht ausgemacht ist, wer überlebt und wer stirbt.

          Georg (Franz Rogowski) ist auf der Flucht und nimmt die Identität des toten Schriftstellers Weidel an. In Marseille trifft er auf Marie Weidel (Paula Beer), die vom Tod ihres Ehemannes nichts weiß und fieberhaft nach ihm sucht.

          Der zweite, noch dramatischere Befreiungsschlag betrifft die Form. „Transit“ ist kein Kostümfilm. Niemand trägt darin ein Kleid oder fährt ein Auto von 1941. Die Fassaden, die Stoffe, die Technik sind auf dem Stand von heute (wenn man vom Luftraum absieht, der für die Erzählung gesperrt ist). Damit stürzt ein ganzes altvertrautes Kinogenre in sich zusammen. Die fleißigen Rekonstrukteure der großen Studios, die Szenen-, Kostüm- und Maskenbildner, deren Gewerbe derzeit wieder mächtig blühen, würden allesamt arbeitslos, wenn es nach „Transit“ ginge. Man kann die Wirkung dieses filmischen Großversuchs nicht hoch genug einschätzen. Alles, worauf die Branche hoffen konnte, war, dass der Trick bei Petzold nicht funktioniert. Aber er klappt.

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