http://www.faz.net/-gqz-7xyce

Kinos zeigen „The Interview“ : Der kleine Diktator im großen Amerika

Szene aus „The Interview“. Von links: Diana Bang als „Kim-Girl“ Sook, Seth Rogen als Aaron Rapaport und James Franco als Dave Skylark Bild: Imago

Können Alleinherrscher Filmkomödien lieben? „The Interview“ ist in den Vereinigten Staaten nun doch in die Kinos gekommen und bietet ein Lehrstück über die Macht der amerikanischen Satire. Und Nordkoreas Diktator ist völlig verwestlicht.

          Joseph Goebbels schenkte 1937 seinem Chef zu Weihnachten achtzehn Micky-Maus-Filme. Über die Aufnahme des Geschenks berichtet der Propagandaminister im Tagebuch: „Er freut sich sehr darüber. Ist ganz glücklich über diesen Schatz, der ihm hoffentlich viel Freude und Erholung spenden wird.“ Was soll man von Adolf Hitlers Vorliebe für Zeichentrickfilme aus dem Disney-Studio halten? Zeigt sich hier eine moralische Asymmetrie des Weltbürgerkriegs, der Humanismus von Walt Disneys urkomischen Fabeln, dem sich auch der Feind der Menschheit nicht entziehen konnte? Oder ist es im Gegenteil ein Grund für kulturkritische Verzweiflung, dass Hitler wie ein normaler Angestellter durch Betrachtung der Abenteuer der unverwüstlichen Maus Kräfte für den Überlebenskampf sammeln konnte?

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Mit den ambivalenten Gedanken, die der globale Siegeszug der amerikanischen Massenkultur im Lager der Sieger hervorrufen muss, spielt „The Interview“, die Komödie, die Sony nach einer Sabotagekampagne, die in Terrordrohungen gipfelte, aus dem Weihnachtsprogramm der amerikanischen Kinos genommen hatte.

          Präsident Obama rügte den Akt der Selbstzensur als unamerikanisch. Das verheerende öffentliche Echo bewog Sony zu einer Kehrtwende. Am ersten Weihnachtstag wurde „The Interview“ in mehreren hundert Kinos gezeigt, hauptsächlich in Programmkinos abseits der Einkaufszentren, oft vor ausverkauftem Haus. Schon am Heiligen Abend konnte man den Film als Online-Video mieten oder kaufen.

          Eine Quote wie in den Epen des Homer

          So konkurriert er nun doch mit „American Sniper“, Clint Eastwoods Verfilmung der Memoiren eines Scharfschützen aus der Elitetruppe der Navy Seals. Eastwoods Film ist ein Epos, stilisiert das Heldentum zum zeitlosen Karriereweg eines asozialen Charakters. Chris Kyle, der im vergangenen Jahr von einem anderen Veteranen erschossen wurde, hatte es bei vier Expeditionen im Irak auf 160 Abschüsse gebracht. Das ist eine Quote wie bei Homer. „The Interview“ ist eine Satire. Regie geführt haben zwei Kanadier, Seth Rogen und Evan Goldberg, die gemeinsam mit Dan Sterling auch das Drehbuch verfasst haben. Auch ihre Hauptfiguren sind Killer in amtlicher Mission, aber Amateure. Die Prämisse der Satire ist die Krise der amerikanischen Männlichkeit, der Verfall des Individualismus.

          Zeichen des Triumphs: Ein Besucher von „The Interview“ zeigt das Filmplakat
          Zeichen des Triumphs: Ein Besucher von „The Interview“ zeigt das Filmplakat : Bild: Reuters

          James Franco spielt Nick Skylark, den Gastgeber einer Talkshow, in der sich Prominente wohlkalkulierte Blößen geben. Alles läuft nach Drehbuch ab, was der Interviewer durch exaltierte Gestik und flamboyante Kleidung kompensiert. Für das Skript ist sein bester Kumpan zuständig. Dieser Produzent, den Rogen spielt, ist auf dem Sprung in den politischen Journalismus, schiebt den Ernstfall aber nun schon seit tausend Ausgaben der Show hinaus. Als hätten die Freunde zusammen im Schützengraben gesteckt, besiegelt Fäkalhumor ihre Gemeinschaft, nur dass in ihrem Fall die drastische Rhetorik der Leiblichkeit die physischen Erfahrungen ersetzen muss. Die Leitmotivik der Körperöffnungen, eine durch und durch harmlose Abart des Sadismus, verbürgt die Hermetik des Männerbundes. Hier stellt sich ein Schaugewerbe zur Schau, das seine Funktion in der Triebabfuhr für Verklemmte sieht.

          Weitere Themen

          Neue Attacken von Trump Video-Seite öffnen

          Nordkorea-Konflikt : Neue Attacken von Trump

          Der verbale Schlagabtausch zwischen Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un geht weiter. Trump warf Nordkorea schlechtes Verhalten vor und schloss eine militärische Option nicht mehr aus.

          Topmeldungen

          Martin Schulz (rechts) mit dem designierten SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil

          Martin Schulz unter Druck : Vorsitzender auf Abruf

          Die SPD akzeptiert die Personalpolitik ihres Vorsitzenden nur mit Zähneknirschen. Für Martin Schulz wird der Weg bis zum Bundesparteitag im Dezember steinig.

          Bundestagsvizepräsident : Der Problem-Kandidat

          Wenn der Bundestag an diesem Dienstag seine Vizepräsidenten wählt, könnte es zum Eklat kommen. Dass der AfD-Kandidat Albrecht Glaser scheitert, gilt als sicher – aber was geschieht dann?
          Kortison unterdrückt das Immunsystem. Aber nicht nur das kann zu Komplikationen führen.

          Zweifelhaftes Kortison : Fatale Spritzen

          Wenn der Rücken schmerzt oder das Knie zwickt, verabreichen Ärzte gern Kortison. Auch die Patienten glauben, das hilft. Doch oft stimmt das nicht, und es kann sogar ziemlich ernste Folgen haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.