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Rob Reiner wird siebzig : Ein Herz namens Köpfchen

Der Mann hinter all den klugen Szenen: Rob Reiner. Bild: dpa

Rob Reiner hat Kinoklassiker wie „Harry und Sally“, „Eine Frage der Ehre“ und „Stand by Me“ gedreht. Intelligenz und Empfinden stimmt er so präzise aufeinander ab, dass man nur staunen kann.

          Ein als Mensch verkleidetes Geschütz explodiert beim Abfeuern und begräbt sich unter selbst ausgespuckter schwarzer Galle. Ein kleiner Junge begegnet dem Tod und schaut ihn unverwandt an, bis er versteht, dass er von diesem Augenblick an kein kleiner Junge mehr ist, und den Blick abwendet. Eine Frau, die ihre zahlreichen Hemmungen zu einem beeindruckenden System neurotischer Entscheidungspfadblockaden verschaltet hat, spielt einem Zyniker in aller Öffentlichkeit so laut wie möglich einen Orgasmus vor, und der Zyniker weiß nicht, ob er lachen, sich zu Tode schämen oder applaudieren soll.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Wer vom Werk des Filmschöpfers und Schauspielers Rob Reiner nicht mehr weiß, als dass darin die drei geschilderten Szenen mit Jack Nicholson aus „A Few Good Men“ (1992), mit River Phoenix aus „Stand by Me“ (1986) und mit Meg Ryan aus „When Harry Met Sally“ (1989) vorkommen, weiß schon das Wichtigste über Reiner – nämlich dass dieser Mann das Uhrmacherhandwerk Filmregie gründlicher durchdrungen hat als zahllose Kolleginnen und Kollegen, deren Dünkel sich für befugt halten mag, auf Reiners Arbeiten von der vermeintlichen Höhe ihres Kunstreflexionsniveaus herunterzugucken, weil dieser Hollywoodprofi bloß marktgängige Wohlfühlware zusammensteckt, statt sich und andere wie jene an Grenzen konventioneller Formen abzuarbeiten, bis diese zerbrechen.

          Er spielt mit den Traditionen

          Wie viel faszinierende Schrauben und Rädchen, wie viel überraschungsöffnende interne Freiheitsgrade innerhalb dieser Grenzen Platz haben, will Reiner bei jedem Film aufs Neue wissen und greift dabei immer wieder auch auf ein praktisch-enzyklopädisches Wissen darüber zurück, was im Konventionskino so alles schon vor ihm da war – zum Beispiel auf die schwarzweiße Krimitradition, die sein Vater Carl* in dessen Ein-Film-aus-lauter-Filmen-Montagekarambolage „Dead Men Don‘t Wear Plaid“ (1982) bis in die audiovisuelle Mikrogrammatik zergliedert, während er sie gleichzeitig (!) neu sortiert.

          So steht Steve Martin da vor seiner Angebeteten, sie zündet ihm eine Zigarette an, wir hören, während sein Mund sich dazu nicht bewegt, wie bei den großen Ich-Erzähler-Monologen irgendwelcher vom Noir-Kino adaptierten Raymond-Chandler-Romane, Martins Stimme aus dem Off, wie sie seine Gedanken darüber artikuliert, dass er mit dieser tollen Frau leider keine Familie gründen kann, und glauben uns als Publikum natürlich in einer privilegierten Telepathieposition, da sagt die Frau so trocken wie sinnlich: „We wouldn‘t have to have kids“, und Martins ertappter Husten setzt das Ausrufezeichen hinter die Pointe.

          Er denkt mit dem Herzen

          Der Uhrmacher Reiner denkt mit dem Herzen und liebt, was er tut, mit dem Kopf – das heißt: Intelligenz und Empfinden sind bei ihm so passpräzis aufeinander verwiesen wie die drei Bildelemente des wunderbaren Triptychons in „When Harry Met Sally“, das Billy Crystal (links, auffällig alleine) und Meg Ryan (rechts, fast schon im Abseits) mit Bruno Kirby und Carrie Fisher (in der Mitte sowie vor allem: im Bett, gemeinsam) telefonieren lässt, um mit dieser Leinwandaufteilung schlagend zu verdeutlichen, dass gerade die energetisch knalligsten biochemischen Liebesreaktionen manchmal auf Katalysatoren angewiesen sind, um ihren Explosionspunkt zu finden.

          Filmausschnitt : Die berühmte Orgasmus-Szene aus „Harry und Sally“ im Video

          Wer so schlau inszeniert wie Reiner hier und anderswo, bietet auch als Schauspieler die Gewähr, anderen Regisseuren die Szenen nicht zu beschädigen, in die sie ihn bitten, und genießt daher das Vertrauen selbst notorischer Eigensinnstifter wie Woody Allen („Bullets over Broadway“, 1994) oder Ron Howard („EdTV“, 1999).

          Wo und wann immer Reiner sich also an einem Film zu schaffen macht, und gleichgültig, in welcher Funktion, gleicht er Steve Martin und seinen geschilderten Scheinmonolog: Ein Bewusstsein redet mit seinen Möglichkeiten, und wer‘s belauscht, amüsiert sich bestens. An diesem Montag wird Rob Reiner siebzig Jahre alt.

          Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels wird „Dead Men Don't Wear Plaid“ irrtümlich Rob Reiner statt Carl Reiner zugeschrieben. Man soll eben nicht in der Erinnerung recherchieren, sondern im Internet.

          Quelle: F.A.Z.

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