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Veröffentlicht: 16.11.2012, 15:40 Uhr

Kinofilm „Nemesis“ Ein Paar in seiner Paraderolle

Schon 2006 entstand, mit Susanne Lothar und Ulrich Mühe, der Film „Nemesis“. Erst jetzt kommt er in die Kinos: das Vermächtnis zweier brillanter Darsteller.

von Jan Knobloch
© dpa Ich sehe, dass du mich nicht siehst: Susanne Lothar und Ulrich Mühe durchsuchen das Leben des Anderen

„Sehr gut. Wie immer.“ So wie Robert das nach dem Abendessen zu Claire sagt, mit einer Pause nach dem ersten Satz und leicht konsterniertem Tonfall im zweiten, klingt es nach einem Lob, das auf einen unbestimmten Zeitraum in Vergangenheit und Zukunft ausgedehnt und damit relativiert wird. Als entwickle jede noch so exquisite Speise irgendwann einen faden Beigeschmack, solange sie nur immer mit derselben Person eingenommen wird.

In „Nemesis“ ist das verstorbene Schauspielerpaar Ulrich Mühe und Susanne Lothar noch ein Mal gemeinsam zu sehen. Sie spielen zwei Eheleute, eingeschlossen in einem Haus am See, das ihnen zur Hölle verkommt. Das gab es schon einmal, 1997 in Michael Hanekes „Funny Games“. Unvergessen die Schikane und die Demütigung, die die beiden von den behandschuhten Händen zweier bornierter, aber gut gekleideter Folterenthusiasten hinzunehmen hatten, die rückhaltlose Intensität ihres Spiels, das dem sadistischen Herrengehabe ihrer Häscher erst den Resonanzraum bot, die alles schon andeutende Verzweiflung in Lothars Blick, als sie zu Beginn eine Packung Eier herausgibt.

Jahrelang durch einen Rechtsstreit verzögert

Auch diesmal ist der Schauplatz ein am Wasser gebautes Domizil. Anders als bei Haneke aber wird das Familienidyll nicht von außen erschüttert, sondern zerbricht von innen heraus. Claire und Robert kommen zwar gemeinsam nicht mehr voran, aber auch nicht voneinander los, er der notorische Fremdgänger, sie die zu hysterischen Anfällen neigende Pillenschluckerin. Dass Claires Schwester Nina, mit der Robert früher einmal zusammen war, auch noch hier ermordet wurde und ihre Hand eines Tages in der ehelichen Kühltruhe auftaucht, lässt die üblichen pechschwarzen Abgründe hinter bürgerlichen Kinofassaden vermuten.

Ulrich Mühe starb 2007. Seine Frau Susanne Lothar ist seit Sommer dieses Jahres nicht mehr am Leben. „Nemesis“, gedreht 2006, ist ihr letzter gemeinsamer Film, die Regie führte eine Debütantin, Nicole Mosleh. Da es nach Mühes Tod zu einem Rechtsstreit zwischen ihr und Susanne Lothar gekommen war, ist das Werk bislang nicht zu sehen gewesen. 2010 aber stellten Regisseurin und Hauptdarstellerin den Film bei den Hofer Filmtagen vor. Jetzt kommt er in ausgewählte Kinos.

Am Ende fehlt die Fallhöhe

„Nemesis“, aller handwerklichen und logischen Mängel zum Trotz, wird einmal als das Vermächtnis dieses außergewöhnlichen Schauspielerpaares angesehen werden. Denn die Regisseurin lässt ihre beiden Protagonisten gänzlich über die Leinwand verfügen. Die Handlung vollzieht sich in ihrem Mienenspiel, die feinen Abstufungen von Lüge, Enttäuschung und Verdrängen ergeben den Spannungsbogen, der dem Drehbuch fehlt.

Zu sehen sind die beiden in ihren Paraderollen: Susanne Lothar als Grenzgängerin mit lächelndem Schmollmund, der in bittere Verletztheit abrutscht, Mühe als belehrender, künstlich Ruhe bewahrender Vernunftmensch. Das ist brillant gespielt. Schade ist nur, dass dem zerbrechlichen Zwangsverhältnis am Ende die Fallhöhe genommen wird.

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