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Kinofilm „Lieber leben“ : Um Wunder geht es nicht

  • -Aktualisiert am

Steve (Franck Falise), Farid (Soufiane Guerrab), Ben (Pablo Pauly) und Toussaint (Moussa Mansaly) rollen sich witzereißend durchs Reha-Leben. Bild: Neue Visionen

Das Krankenhaus als Integrationsmodell der Abgehängten: Auch Gelähmte sind, wie die französische Tragikkomödie „Lieber leben“ zeigt, nicht alle gleich.

          Wenn einem auf einem Fernsehschirm in einem französischen Krankenhaus der deutsche Inspektor Derrick begegnet, dann darf man sich nicht wundern, wenn sich jemand für ein paar Momente nicht ganz sicher ist, auf welcher Seite des Lebens er steht. Oder liegt. Für einen jungen Mann namens Benjamin steht die Welt auf eine Weise kopf, dass er ebenso gut schon fast hinüber sein könnte. Aber der Surrealismus, der von Derrick oder von den 245 kleinen Quadraten ausgeht, die er in dem Neonscheinwerfer zählt, der auf ihn herunterstrahlt, ist dann doch noch von dieser Welt. Und das Syndrom, an dem Benjamin leidet, ist nicht vollständig irreparabel: teilweise Querschnittlähmung. Da lässt sich mit Physiotherapie und gutem Willen noch etwas machen.

          Der Film „Lieber leben“ trägt im französischen Original den schlichten Titel „Patients“. „Patienten“, so hieß in Deutschland auch einmal ein Bestseller von Jürgen Thorwald, in dem die Geschichte von Menschen erzählt wurde, an denen die ersten Transplantationen in der Medizingeschichte vorgenommen wurden. Auf vergleichbare Erfolge der Forschung hoffen auch, je nach Temperament unterschiedlich optimistisch, die Patienten in der Klinik, in der „Lieber leben“ weitgehend spielt. Sie sind alle auf die eine oder andere Weise gelähmt und unterscheiden sich im klinischen Alltag vor allem dadurch, ob sie einen Rollstuhl („fauteuil roulant“) mit Handbetrieb oder mit elektronischer Steuerung haben. Und natürlich in dem Ausmaß der Fähigkeit, sich aus dem Bett in diesen Rollstuhl hinüberzuhieven.

          Sein Künstlername: „Großer versehrter Körper“

          Hilfe brauchen dabei alle, aber für Ben ist dieser Moment vielleicht nur ein Übergang. Er träumt davon, eines Tages wieder gehen zu können, in einem unbedachten Moment meint er sogar, er könnte wieder Basketball spielen. Das wäre dann aber eher ein medizinisches Wunder, und darum geht es in „Lieber leben“ nicht.

          Kinotrailer : „Lieber Leben“

          Der Sportunfall, den Ben vorschützt, um nicht gleich von der Dummheit sprechen zu müssen, die ihn tatsächlich ans Bett gefesselt hat, war und bleibt ein Einschnitt, und damit gehört Ben zu einer Gemeinschaft von Menschen, die ein Schicksal teilen. Von dieser Gemeinschaft erzählen die beiden Regisseure Grand Corps Malade und Mehdi Idir. Der Künstlername „Großer versehrter Körper“, den sich Fabien Marsaud gegeben hat, verrät schon, dass er hier viel von seiner eigenen Geschichte erzählt: er musste selbst einmal nach einer schweren Verletzung durch das ganze Protokoll der Rehabilitation und nimmt sich als Beispiel für die Geschichte von Ben.

          Sein erster Kontakt ins neue Leben ist denkwürdig

          Zu den stärksten Momenten von „Lieber leben“ zählen die ersten paar Minuten, in denen zu sehen ist, was es heißt, die Welt ausschließlich aus einer ohnmächtigen Rückenlage heraus wahrzunehmen. Nur ganz allmählich kann Ben wieder von den Apparaten getrennt werden, sein erster Kontakt ins neue Leben ist dann gleich eine denkwürdige Figur: Alban Ivanov spielt den Pfleger Jean-Marie, der von den Patienten am liebsten in der dritten Person spricht – auch so kann man professionelle Distanz zum Ausdruck bringen, wenn man einen jungen Mann im Intimbereich waschen muss.

          Wacker bleiben: Ben (Pablo Pauly) ist zunächst bei den einfachsten Dingen auf Hilfe angewiesen.
          Wacker bleiben: Ben (Pablo Pauly) ist zunächst bei den einfachsten Dingen auf Hilfe angewiesen. : Bild: Neue Visionen

          Die Galerie der Patienten in „Lieber leben“ ist auch so etwas wie ein Ausdruck des französischen Universalismus. Bei allen Problemen mit sozial abgehängten oder religiös entfremdeten Minderheiten gibt es im Alltag eben auch eine Selbstverständlichkeit der längst nebensächlich gewordenen Migrationshintergründe. Wenn Benjamin sich für die schwarzhaarige Samira zu interessieren beginnt, dann tituliert er sie zwar selbstverständlich als „Araberin“, aber er nimmt sie nicht so wahr – die Schwierigkeiten, die diese mögliche Liebesgeschichte hat, sind andere als „ethnische“, und die Art und Weise, wie die beiden Regisseure mit dieser romantischen Dimension der Geschichte umgehen, zeugt von ihrer angemessen unsentimentalen Haltung.

          Im Strom französischer Problemfilme

          „Lieber leben“ gehört zwar zu diesem derzeit scheinbar unerschöpflichen Strom an französischen Problemfilmen, die alle latent auf Idealisierungen hinauslaufen (also auf eine Art programmatischen Gegenentwurf zu einem Kitchensink-Realismus, der nicht minder konventionell ist, aber derzeit im Weltkino kaum noch Verfechter hat). Wenn Ben also mit dem Langzeitpatienten Farid einen Joint raucht, mit anderen Rap-CDs austauscht oder bei dem von einer Schussverletzung gezeichneten Bettnachbarn über die Fehdeerzählungen hinweghört, mit denen dessen Freunde auf Rachebeschlüssen dringen, dann schimmert da eben auch immer so etwas wie ein Integrationsmodell durch, ein zusammengehörendes Frankreich, das sich in Filmen wie „Lieber leben“ (oder gerade kürzlich auch in „Die Lebenden reparieren“) seines funktionierenden (Gesundheits-)Systems versichert.

          An dieser Säule des Sozialen können sich Individuen wieder aufrichten, zuerst muss Ben aber erst einmal lernen, den Daumen so an den Zeigefinger zu pressen, dass er eines Tages bei Tisch wieder jemandem das Salz reichen kann. Zu einem Dreipunktewurf beim Basketballwurf wird es vielleicht unter Wettbewerbsbedingungen nicht mehr kommen, aber wenn er dem schnellen Hin und Her in diesem Spiel folgt, dann ist sein Nacken schon wieder so elastisch, dass man kaum mehr daran denken möchte, dass Ben einmal wenig mehr bewegen konnte als seinen Kopf.

          Quelle: F.A.Z.

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