http://www.faz.net/-gqz-94uiq

Kinofilm „Lieber leben“ : Um Wunder geht es nicht

  • -Aktualisiert am

Steve (Franck Falise), Farid (Soufiane Guerrab), Ben (Pablo Pauly) und Toussaint (Moussa Mansaly) rollen sich witzereißend durchs Reha-Leben. Bild: Neue Visionen

Das Krankenhaus als Integrationsmodell der Abgehängten: Auch Gelähmte sind, wie die französische Tragikkomödie „Lieber leben“ zeigt, nicht alle gleich.

          Wenn einem auf einem Fernsehschirm in einem französischen Krankenhaus der deutsche Inspektor Derrick begegnet, dann darf man sich nicht wundern, wenn sich jemand für ein paar Momente nicht ganz sicher ist, auf welcher Seite des Lebens er steht. Oder liegt. Für einen jungen Mann namens Benjamin steht die Welt auf eine Weise kopf, dass er ebenso gut schon fast hinüber sein könnte. Aber der Surrealismus, der von Derrick oder von den 245 kleinen Quadraten ausgeht, die er in dem Neonscheinwerfer zählt, der auf ihn herunterstrahlt, ist dann doch noch von dieser Welt. Und das Syndrom, an dem Benjamin leidet, ist nicht vollständig irreparabel: teilweise Querschnittlähmung. Da lässt sich mit Physiotherapie und gutem Willen noch etwas machen.

          Der Film „Lieber leben“ trägt im französischen Original den schlichten Titel „Patients“. „Patienten“, so hieß in Deutschland auch einmal ein Bestseller von Jürgen Thorwald, in dem die Geschichte von Menschen erzählt wurde, an denen die ersten Transplantationen in der Medizingeschichte vorgenommen wurden. Auf vergleichbare Erfolge der Forschung hoffen auch, je nach Temperament unterschiedlich optimistisch, die Patienten in der Klinik, in der „Lieber leben“ weitgehend spielt. Sie sind alle auf die eine oder andere Weise gelähmt und unterscheiden sich im klinischen Alltag vor allem dadurch, ob sie einen Rollstuhl („fauteuil roulant“) mit Handbetrieb oder mit elektronischer Steuerung haben. Und natürlich in dem Ausmaß der Fähigkeit, sich aus dem Bett in diesen Rollstuhl hinüberzuhieven.

          Sein Künstlername: „Großer versehrter Körper“

          Hilfe brauchen dabei alle, aber für Ben ist dieser Moment vielleicht nur ein Übergang. Er träumt davon, eines Tages wieder gehen zu können, in einem unbedachten Moment meint er sogar, er könnte wieder Basketball spielen. Das wäre dann aber eher ein medizinisches Wunder, und darum geht es in „Lieber leben“ nicht.

          Der Sportunfall, den Ben vorschützt, um nicht gleich von der Dummheit sprechen zu müssen, die ihn tatsächlich ans Bett gefesselt hat, war und bleibt ein Einschnitt, und damit gehört Ben zu einer Gemeinschaft von Menschen, die ein Schicksal teilen. Von dieser Gemeinschaft erzählen die beiden Regisseure Grand Corps Malade und Mehdi Idir. Der Künstlername „Großer versehrter Körper“, den sich Fabien Marsaud gegeben hat, verrät schon, dass er hier viel von seiner eigenen Geschichte erzählt: er musste selbst einmal nach einer schweren Verletzung durch das ganze Protokoll der Rehabilitation und nimmt sich als Beispiel für die Geschichte von Ben.

          Sein erster Kontakt ins neue Leben ist denkwürdig

          Zu den stärksten Momenten von „Lieber leben“ zählen die ersten paar Minuten, in denen zu sehen ist, was es heißt, die Welt ausschließlich aus einer ohnmächtigen Rückenlage heraus wahrzunehmen. Nur ganz allmählich kann Ben wieder von den Apparaten getrennt werden, sein erster Kontakt ins neue Leben ist dann gleich eine denkwürdige Figur: Alban Ivanov spielt den Pfleger Jean-Marie, der von den Patienten am liebsten in der dritten Person spricht – auch so kann man professionelle Distanz zum Ausdruck bringen, wenn man einen jungen Mann im Intimbereich waschen muss.

          Wacker bleiben: Ben (Pablo Pauly) ist zunächst bei den einfachsten Dingen auf Hilfe angewiesen.

          Die Galerie der Patienten in „Lieber leben“ ist auch so etwas wie ein Ausdruck des französischen Universalismus. Bei allen Problemen mit sozial abgehängten oder religiös entfremdeten Minderheiten gibt es im Alltag eben auch eine Selbstverständlichkeit der längst nebensächlich gewordenen Migrationshintergründe. Wenn Benjamin sich für die schwarzhaarige Samira zu interessieren beginnt, dann tituliert er sie zwar selbstverständlich als „Araberin“, aber er nimmt sie nicht so wahr – die Schwierigkeiten, die diese mögliche Liebesgeschichte hat, sind andere als „ethnische“, und die Art und Weise, wie die beiden Regisseure mit dieser romantischen Dimension der Geschichte umgehen, zeugt von ihrer angemessen unsentimentalen Haltung.

          Im Strom französischer Problemfilme

          „Lieber leben“ gehört zwar zu diesem derzeit scheinbar unerschöpflichen Strom an französischen Problemfilmen, die alle latent auf Idealisierungen hinauslaufen (also auf eine Art programmatischen Gegenentwurf zu einem Kitchensink-Realismus, der nicht minder konventionell ist, aber derzeit im Weltkino kaum noch Verfechter hat). Wenn Ben also mit dem Langzeitpatienten Farid einen Joint raucht, mit anderen Rap-CDs austauscht oder bei dem von einer Schussverletzung gezeichneten Bettnachbarn über die Fehdeerzählungen hinweghört, mit denen dessen Freunde auf Rachebeschlüssen dringen, dann schimmert da eben auch immer so etwas wie ein Integrationsmodell durch, ein zusammengehörendes Frankreich, das sich in Filmen wie „Lieber leben“ (oder gerade kürzlich auch in „Die Lebenden reparieren“) seines funktionierenden (Gesundheits-)Systems versichert.

          An dieser Säule des Sozialen können sich Individuen wieder aufrichten, zuerst muss Ben aber erst einmal lernen, den Daumen so an den Zeigefinger zu pressen, dass er eines Tages bei Tisch wieder jemandem das Salz reichen kann. Zu einem Dreipunktewurf beim Basketballwurf wird es vielleicht unter Wettbewerbsbedingungen nicht mehr kommen, aber wenn er dem schnellen Hin und Her in diesem Spiel folgt, dann ist sein Nacken schon wieder so elastisch, dass man kaum mehr daran denken möchte, dass Ben einmal wenig mehr bewegen konnte als seinen Kopf.

          Weitere Themen

          Wem nützt der Clip im Herzen?

          Umstrittener Eingriff : Wem nützt der Clip im Herzen?

          Eine schwächelnde Herzklappe mit einem „Mitral-Clip“ abzudichten, zählt zu den beliebtesten und einträglichen Eingriffen von Kardiologen. Leider bringt das nicht viel, zeigt nun eine große Studie.

          Topmeldungen

          Olaf Scholz, Angela Merkel und Horst Seehofer (v.l.) vor wenigen Tagen bei einer Pressekonferenz in Berlin

          Kommentar zur Koalition : Der Reigen der Reue

          Nach der SPD-Vorsitzenden Nahles gibt nun auch die Kanzlerin zu, in der Maaßen-Affäre einen Fehler gemacht zu haben. Auf ein das Jahr 2015 betreffendes Eingeständnis Merkels wird man aber wohl vergeblich warten.
          Cristiano Ronaldo, mittlerweile bei Juventus Turin unter Vertrag, ist abermals nominiert, Favorit auf die Trophäe ist in diesem Jahr aber ein anderer.

          Wahl zum Weltfußballer : Das Ende einer Ära steht bevor

          Wenige Tage nach seinem Platzverweis droht Cristiano Ronaldo der nächste schmerzhafte Karriere-Moment. Bei der Kür zum Weltfußballer spricht vieles für einen anderen Spieler. Ronaldo kommt gar nicht erst zur Gala.

          Vorwurf von Thilo Sarrazin : Was in Schorndorf geschah

          Thilo Sarrazin behauptet, die F.A.Z. habe Ausschreitungen bei einem Stadtfest verharmlost. Diese Unterstellung wirft ein Schlaglicht auf seine eigene Vorgehensweise. Was unser Korrespondent Rüdiger Soldt dazu berichten kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.