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Kinofilm „Die Welle“ : Auf Wiedersehen, Kinder

Dennis Gansels Film „Die Welle“ zeigt den alltäglichen Faschismus als Schulversuch. Ebenso mühelos, wie Lehrer Wenger, gespielt von Jürgen Vogel, seinen Schülern das Strammstehen beibringt, redet er sich selber ein, er habe seine Gruppe unter Kontrolle. Bis zum blutigen Showdown.

          Die Geschichte beginnt als Seestück. Wenger (Jürgen Vogel) lebt mit seiner Frau Anke (Christiane Paul) in einem Blockhaus am Wasser. Jeden Morgen dreht er in vollkommener Einsamkeit seine Runden, danach wird gefrühstückt, und seit ein paar Tagen ist Anke schwanger. Alles könnte so idyllisch sein. Aber Wenger ist Gymnasiallehrer, und morgen beginnt die Projektwoche an seiner Schule. Wengers Kurs hat das Thema „Autokratie“. Das ist der Stoff, aus dem die Horrorfilme sind.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber es wird kein Horrorfilm daraus, sondern ein deutsches Lehrstück. Denn Wenger lässt sich etwas einfallen, er gibt der Autokratie ein Gesicht: seines. Zur Einführung verordnet er Atemübungen, dann Gleichschritt. Wengers Schüler, befiehlt er, müssen ihn mit seinem Nachnamen anreden und beim Sprechen aufstehen, Befehlsverweigerer werden vor die Tür gesetzt. Jeder Kurstag bekommt eine eigene Losung: „Macht durch Disziplin“, „Macht durch Gemeinschaft“, „Macht durch Handeln“. Am zweiten Tag hat die Bewegung eine Uniform, weißes Hemd zu blauen Jeans. Am dritten gibt sie sich einen Namen: „Die Welle“.

          Ein Gemeinschaftsexperiment

          „The Third Wave“ hieß ein Artikel, den der kalifornische Geschichtslehrer Ron Jones 1972 veröffentlichte. Jones hatte mit Zehntklässlern an einer Highschool in Palo Alto ein Gemeinschaftsexperiment veranstaltet, um die alltäglichen Wurzeln des Nationalsozialismus offenzulegen. Nach fünf Tagen brach er den Versuch ab. Sein Erfolg war bestürzend. Die Mitglieder der „dritten Welle“ ließen sich mühelos davon überzeugen, Teil einer nationalen Erneuerungsbewegung zu sein, sie gaben sich ein eigenes Banner, grüßten einander mit erhobenem Arm und schüchterten Widerspenstige durch Drohungen ein.

          Es ist der Versuch, die Entstehung einer Diktatur greifbar zu machen
          Es ist der Versuch, die Entstehung einer Diktatur greifbar zu machen : Bild: ddp

          Später fasste Jones seine Erlebnisse für ein Erinnerungsbuch zusammen, und 1981 machte der Schriftsteller Morton Rhue daraus einen Roman: „The Wave“. Im selben Jahr entstand ein amerikanischer Fernsehfilm gleichen Titels. Dennis Gansels „Welle“ ist schon die fünfte Version der Geschichte. Wenn ein Ereignis eine so weite Reise zu seinem Publikum zurücklegt, verliert es unterwegs an Helligkeit. Es sei denn, man schaltet eine zusätzliche Lichtquelle ein.

          Jürgen Vogel als Pauker und Freak

          Jürgen Vogel als Rainer Wenger hätte dieses Zusatzlicht sein können. Vogel ist vielleicht der einzige deutsche Schauspieler, dem man das Autoritäre und das Antiautoritäre gleichermaßen abnimmt, die Lust am Befehlen und die Verachtung der Macht, den Pauker und den Freak. Ebenso mühelos, wie er seinen Schülern das Strammstehen beibringt, redet er sich selber ein, er habe seinen Gruppenversuch unter Kontrolle.

          Die Zweideutigkeit Wengers, der es gut meint, wenn er Böses tut, übersetzt Vogel in quecksilbrige Energie. Bevor er nachmittags in sein Seehaus zurückfährt, trainiert Wenger noch die Wasserballmannschaft der Schule. Auch sein Schwimmen ist Kampf.

          Aufgeschlagen im flachen Wasser des Fernsehkrimis

          Aber die Geschichte, wie sie Dennis Gansel und sein Ko-Autor Peter Thorwarth (um-)geschrieben haben, lässt Vogel im Stich. Ihr Hauptfehler besteht darin, dass sie die soziale Wirklichkeit, in der Wengers Experiment stattfindet, selbst als Laborsituation konstruiert. Es gibt zwar Migrantenkinder in Wengers Klasse, aber keine Sprachprobleme. Es gibt Söhne von Alleinerziehenden und Töchter von Besserverdienern, doch die Regie tut so, als spiele das keine Rolle. Die Klasse der „Welle“ sieht aus wie eine Schulklasse von 1980 in den Kleidern von heute. So hat die Handlung, die überall in Deutschland spielen soll, nicht nur keinen Ort. Sie hat auch kein Datum.

          Erst sein Ende aber macht diesen Film richtig kaputt. In Schulgeschichten, das ist klar, muss es immer eine Figur geben, die über die Stränge schlägt. Aber dass Tim (Frederick Lau) am Schluss eine Waffe in der Hand hält und die Polizei die Projektwoche beendet, lässt „Die Welle“ im flachen Wasser des Fernsehkrimis aufschlagen. Ron Jones hat gezeigt, dass alltäglicher Faschismus auch ohne Blutvergießen funktioniert. Dennis Gansel wollte die Geschichte weiterdenken, indem er sie durch die Amok-Brille von heute las. Das war zu kurz gedacht.

          Der Film „Die Welle“ läuft vom 13. März an in den Kinos.

          Quelle: F.A.Z., 13.03.2008, Nr. 62 / Seite 36

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