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Kino Zweikampf im Frauengefängnis: Annette K. Olesens Film "In deinen Händen"

08.09.2004 ·  Zwei Frauen bewegen sich in diesem Film ganz langsam aufeinander zu, neunzig Minuten lang. Sie sind keine Westernhelden, sie tragen keine Waffen, und doch ist das, was am Ende zwischen ihnen passiert, ein Duell, das über Leben und Tod entscheidet, über den Tod einer Frau und den eines Kindes.

Von Andreas Kilb
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Zwei Frauen bewegen sich in diesem Film ganz langsam aufeinander zu, neunzig Minuten lang. Sie sind keine Westernhelden, sie tragen keine Waffen, und doch ist das, was am Ende zwischen ihnen passiert, ein Duell, das über Leben und Tod entscheidet, über den Tod einer Frau und den eines Kindes. Eigentlich geschieht nichts weiter, als daß Kate ihre Hand auf den Bauch der schwangeren Anna legt und daß Anna diese Hand, der sie sich einen Augenblick lang hinzugeben scheint, heftig zurückstößt. Aber damit ist alles gesagt, und danach geht alles sehr schnell. Es gibt Tote in diesem Film, wie in jeder ordentlichen Tragödie, aber weil "In deinen Händen" in nächster Nähe unseres Alltags spielt, weil es ein Film ganz von dieser Welt ist, sterben die Opfer in dieser Geschichte leiser als sonst - und ihr Tod hallt viel länger nach.

Die Geschichte von vorn. Dänemark im Winter. Eine Frauenhaftanstalt. Anna (Ann Eleonora Jorgensen) tritt eine neue Stelle als Gefängnispfarrerin an. Es ist ihr erster Job, sie kommt frisch aus dem Theologiestudium. Zugleich wird Kate (Trine Dyrholm) auf eigenen Wunsch aus einem anderen Gefängnis in die Anstalt überführt. Sie ist selbstsicher, verdüstert, rätselhaft. Kate habe Magie in den Händen, flüstern sich die anderen Insassinnen zu, und tatsächlich befreit sie die drogenabhängige Marion über Nacht von ihrer Sucht. Kurz darauf beantragt Kate einen Freigang, bei dem sie einer der Wächter, Henrik, begleitet. Henrik verliebt sich in Kate. Doch die beiden werden beobachtet und verraten.

Währenddessen entdeckt Anna, die ihre Kinderwünsche schon vor Jahren begraben hat, daß sie wider Erwarten schwanger ist. Doch die Untersuchung des Fruchtwassers enthüllt, daß der Embryo einen Chromosomendefekt hat. Es bestehe eine "fünf- bis zehnprozentige Wahrscheinlichkeit" für schwere Mißbildungen, erklärt der behandelnde Arzt. Und: Die Mehrzahl der Paare entscheide sich in diesem Fall für eine Abtreibung. Aber Anna und ihr Mann Frank (Lars Ranthe) zögern. Dann lassen sie sich doch einen Termin geben. An dem Morgen, an dem sie ins Krankenhaus gehen soll, betrinkt sich Anna in ihrer Wohnung. Dann fährt sie ins Gefängnis, zu Kate.

Man sieht, wie der Film gestrickt ist, wie seine Kraftlinien verlaufen. Zwei Frauen, jede auf ihre Weise in eine Liebesgeschichte verstrickt; die eine, Kate, eine Kindsmörderin, die - wie Anna beim Blick in ihre Akte erfährt - im Drogenrausch ihre Tochter verdursten ließ, die andere, Anna, vor die Wahl gestellt, ihr Ungeborenes töten oder zur Welt kommen zu lassen. Kim Fupz Aakeson, der Drehbuchautor, hat mit der Regisseurin Annette K. Olesen schon bei ihrem vorigen Spielfilm "Kleine Mißgeschicke" (2002) zusammengearbeitet. Das war eine erfolgreiche Komödie, so erfolgreich, daß Olesen und Aakeson mit dem Genre Schluß machten. "Wir fragen uns, ob wir auch eine andere Art von Film machen konnten." Diese Frage ist mit "In deinen Händen" beantwortet, aber man spürt auch hier die Handschrift des Komödienautors, der keinen Moment der Ruhe, des Innehaltens dulden mag. Wenn man dem Film etwas vorwerfen kann, dann ist es sein Übereifer beim Schicksalspielen, seine Sucht, alle Gleichungen aufgehen zu lassen, sein schachbrettartiger Grundriß.

Andererseits ist gerade diese Erzählweise durch den Schauplatz vorgegeben. In den achtziger Jahren war der Gefängnisfilm ein amerikanisches Kinogenre, in den Neunzigern gab es mit Detlev Bucks "Männerpension" und Roland Suso Richters "Vierzehn Tage lebenslänglich" zwei deutsche Nachzügler, und wie die meisten abgesunkenen Genres wird auch dieses in einer Fernsehserie - "Hinter Gittern" auf RTL - zur weiteren Verwendung aufbewahrt. Aber der Gefängnisfilm ist das eine, seine Variation durch Aakeson und Olesen dagegen etwas ganz anderes. "In deinen Händen" hat das "Dogma"-Zertifikat, ist also ein Film ohne Soundtrack, Stunts und Spezialeffekte, und das macht den Unterschied zum Fernsehen wie zum Hollywoodthriller aus.

Es gibt keine Pausenmusik, keine Akzentuierung durch Streicher und Bässe, keine vorgegebene Moral. Alles liegt im Blick, im Spiel. Wenn in den letzten Jahren in Dänemark eine ganze Generation von Schauspielern über den europäischen Durchschnitt hinausgewachsen ist, dann hat sie das vor allem den "Dogma"-Regeln zu verdanken, welche die Regisseure zwingen, sich auf die Essenz ihrer Geschichten zu besinnen. Hier ist es vor allem Trine Dyrholm als Kate, die das Geheimnis ihrer Figur zum Klingen bringt. Sie beherrscht den Raum, in dem sie auftritt, ohne ihre Stimme erheben zu müssen. Ann Eleonora Jorgensen wirkt dagegen nervöser, eingezwängt in eine Rolle, die sie zur Exaltiertheit zwingt, ohne ihr die Chance zum Brüllen und Toben zu geben. Dennoch fragt man sich, wenn man den stillen Kampf der beiden sieht, ob es wohl auch in Deutschland zwei Schauspielerinnen gibt, mit denen man eine solche Geschichte besetzen könnte - und eine Regisseurin, die den Mut aufbrächte, sie nicht durch Melodramatik zu unterfordern.

"Forbrydelser", Verbrecher, heißt der Film im Original, und am Ende fragt man sich, wer die schlimmere Übeltäterin ist: Anna, die kein Vertrauen in ihr Schicksal hat, die sich dem Unbegreiflichen, das sich ihr darbietet, nicht öffnen kann; oder Kate, die für ihr Vergehen die verhängte Strafe abbüßt. Es liegt ein kaltes, nordisches Licht über dieser Geschichte, ein Licht wie von Ingmar Bergman, zu dem am Ende alle wirklich gelungenen "Dogma"-Filme zurückführen. Nur daß Bergmans Frauen nicht hinter Gittern sitzen. Ihr Gefängnis ist ihr Leben, sie nehmen es überallhin mit. Diese Erkenntnis geht bei Bergman allen Geschichten voraus. Bei Annette Olesen kommt sie erst ganz zum Schluß.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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