22.06.2004 · Der erste Film des japanischen Regisseurs, der konsequent mehr will, als ein reiner Kitano-Film zu sein: Und schon ist es sein bester Film geworden.
Von Andreas PlatthausTakeshi Kitano kam nur durch einen Zufall zur Regie. 1988 sprang während der Vorbereitungen zu "Violent Cop" der vorgesehene Regisseur ab, und mangels Ersatz übernahm der Hauptdarsteller kurzerhand den Job. Dazu verwandte er auch erstmals wieder seinen bürgerlichen Namen, denn als Akteur hatte er ausschließlich unter dem schlagkräftigen Namen Beat Takeshi, einem Erbe aus seiner Zeit als Bühnenkomiker, firmiert. Die Aushilfe wurde zum Beginn einer großen Karriere: Schon in "Violent Cop" zeigte sich die später für Kitano so typische Melange aus Einzelgängertum, Gewaltbereitschaft und augenzwinkernder Schläue, die seine Helden (meist weiterhin von ihm selbst gespielt) auszeichnet. Dazu setzt Kitano mit seinem treuen Technik- und Darstellerteam auf eine unverkennbare Kamera- und Farbsprache und nimmt seit seiner dritten Regiearbeit ("Ano natsu, ishiban shizukana umi" von 1991) auch prinzipiell den Schnitt selbst vor, so daß seine Filme eine individualästhetische Homogenität besitzen, die in bester japanischer Kinotradition steht.
Wie seine großen Vorgänger Ozu, Oshima oder Kurosawa hat er damit allerdings vor allem außerhalb der Heimat Erfolg. Seit "Hana-bi" 1997 in Venedig den Goldenen Löwen gewann, ist Kitano international nicht mehr nur den Liebhabern des eher düsteren japanischen Kriminalfilms geläufig, und er hat sich auf dieses neue Publikum eingestellt. Mögen seine Regiekollegen auch weiterhin auf jene Rollenklischees setzen, die Kitano als Schauspieler bekannt gemacht haben, wenn sie mit ihm arbeiten - er selbst hat sich mit Ausnahme von "Brother" (2000) davon gelöst. Seine anderen beiden Filme der letzten fünf Jahre, "Kikujiros Sommer" und "Dolls", haben statt dessen einen Kitano auf der Suche gezeigt: nach komödiantischen Elementen in "Kikujiros Sommer", nach vollendeter Stilisierung in "Dolls" (in dem Kitano bezeichnenderweise auch erstmals keinen eigenen Auftritt hatte). Und nun zieht sein neuestes Werk, "Zatoichi", die Summe dieser Experimente.
Es ist der beste Film, den Kitano gedreht hat, weil es der erste Film geworden ist, der konsequent mehr will, als ein Kitano-Film zu sein. Zwar ist die Handlung wieder um eine Figur gestrickt, die der Regisseur selbst spielt: um den blinden Masseur Zatoichi. Doch schon die Wahl dieser Rolle weist in eine neue Richtung, denn sie verdankt sich einer erfolgreichen japanischen Filmreihe, die um die von Kan Shimozawa erfundene Romanfigur Zatoichi entstand und es in nur elf Jahren bis 1973 auf vierundzwanzig Folgen brachte. Zatoichi ist in Japan seitdem eine gängige Größe der historischen Kolportage, und die Wahl dieses Helden kennzeichnet eine Rückkehr des Regisseurs Kitano zum einheimischen Publikum, die sich auch schon im Bunraku-Stil von "Dolls" angedeutet hatte, der aber an den japanischen Kinokassen erfolglos geblieben war.
"Zatoichi" fand weitaus günstigere Aufnahme; der Film wurde in Japan zu Kitanos erstem kommerziellen Erfolg als Regisseur. Es zahlte sich also aus, daß der Sechsundfünfzigjährige seine Schwertkampfästhetik an den Arbeiten solch populärer junger Kollegen wie Ryhuhei Kitamura oder Yukihiku Tsutsumi - deren Beiträge zu einem gemeinsamen "Duell"-Projekt gerade durch deutsche Programmkinos ziehen - geschult hat. Dementsprechend furios (und blutrünstig) sind manche Szenen ins Bild gesetzt, doch die Schnelligkeit, mit der in ihnen die Entscheidung gesucht wird, verfolgt ein ganz anderes Ziel, als es die jungen Wilden des japanischen Kinos im Auge haben, die in ihren viertelstundenlangen Kampfchoreographien die Einflüsse aus Festlandchina verarbeiten.
Kitano dagegen knüpft gerade im Bewegungsablauf seiner Akteure an die Kurosawa-Ästhetik an, denen auch seine Genreszenen in Wirtshäusern und Spielhöllen viel verdanken - und das ganz in Kurosawa-Manier mit einem Paukenschlag zum Auftakt eingeblendete gigantische Schriftzeichen für "Zatoichi". Die Grundkonstellation der Handlung - der Kampf konkurrierender Banden um ein Dorf - ist bis hin zu direkten Dialoganspielungen und speziellem Waffengebrauch aus "Yojimbo" entnommen. Doch gleichzeitig huldigt Kitano auch Ozu - nicht nur dadurch, daß die häuslichen Szenen die vertraute Lakonie und manchmal auch den markanten Blick von unten pflegen, sondern auch durch ein Detail wie die Benennung des Tunichtguts Shimikuchi, der seinen Namen dem jungen Rebellen aus Ozus frühem Erfolg "Okiguza monogatari" von 1934 entlehnt hat.
Doch bei allem meisterhaft umgesetzten Eklektizismus hat auch Kitano selbst Elemente beigesteuert, die den Film zu einer veritablen Schule des Kinos machen. Die Manierismen der Kämpfer haben Tradition in japanischen Filmen, doch das Geräusch der aus den Scheiden gezogenen Schwerter wird bei Kitano zu einem Charakteristikum, das die jeweiligen Protagonisten auch akustisch vorstellt. Der gesamte Film ist gerade auf der Tonspur ungeheuer komplex gearbeitet; der Musikeinsatz etwa, der gleich mehrere Szenen seinen Klängen unterwirft und Bauern und Handwerker in strenger Rhythmik ihre Tätigkeiten verrichten läßt, kulminiert im Finale zu einem Tanzvergnügen, das westliche Steptanzakrobatik mit japanischen Trommeln paart. So entsteht eine Ensembleszene, die "Zatoichi" nach allem vorherigen Schwelgen in der Szenerie der Shogunzeit mit einemmal in eine seltsame Moderne verweist und so den grundlegenden, aber oft virtuos kaschierten Komödiencharakter des Ganzen noch einmal betont, der über den souveränen Rückblenden im Stil der Proustschen memoire involontaire (ausgelöst durch Regen, Musik, Dunkelheit) und den ausgefuchsten Parallelmontagen bisweilen in Vergessenheit zu geraten droht.
Dabei beginnt "Zatoichi" bereits mit einer ironischen Brechung, die ein klares Signal setzt, daß alles Folgende nur als Satyrspiel auf den Nimbus des Samuraifilms zu verstehen ist: Beim hoffnungslosen Kampf einer ganzen Wegelagerergruppe gegen den einsamen Zatoichi zieht einer der Räuber seine Waffe so übereifrig, daß er damit den Arm eines Kumpans durchtrennt. Es gibt mehrere solcher rein als Farce inszenierten Mißgeschicke, und Kitano als blondgefärbter Masseur trägt durch seine grotesk-schleppenden Bewegungen nicht wenig dazu bei, den burlesken Grundton aufrechtzuerhalten. Daß aber quasi nebenbei für scharfe Beobachter auch die Geschichte der für Kitanos Filmographie so wichtigen Yakuza erzählt wird, die ihren Ursprung als tätowierte Betreiber von Würfelbuden nahmen, das ist ein Detail, das "Zatoichi" doch wieder als einen höchst persönlichen Film ausweist, der Kitano auf der Höhe dessen zeigt, was anspruchsvolles Unterhaltungskino heute leisten kann - wenn es noch auf eine individuelle Handschrift und nationale Traditionen setzt.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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