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Kino Wo Illusionen niederbrennen: "Sweet Sixteen" von Ken Loach

24.06.2003 ·  Es gibt keinen Regisseur, der sich so konsequent als Anwalt der Unterdrückten versteht wie der Brite Ken Loach. Sein Film "Sweet Sixteen" ist dafür wieder ein herausragendes Exempel.

Von Hans-Dieter Seidel
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Keine Frage, das Geld ist unredlich erworben. Aber die Absicht, die Liam damit verbindet, offenbart nicht nur das Harmonieverlangen, sondern auch das ausgeprägte Verantwortungsbewußtsein des Fünfzehnjährigen. In sechs Wochen wird seine Mutter Jean aus dem Gefängnis entlassen werden, in das sie ihr Freund Stan, ein rabiater Drogendealer, gebracht hat. Und genau in sechs Wochen wird Liam sechzehn.

Auf diesen Tag ist die Perspektive seines Denkens und Handelns ausgerichtet. Er will Jean für immer dem Einfluß Stans entziehen, er will seiner Mutter und sich ein Zuhause schaffen, in dem von Gewalt und Abhängigkeit nichts mehr zu spüren sein soll, er will einen familiären Frieden, den er bisher in seinem Leben nie kannte, und einen Ort, an dem er sich von Nutzen fühlen kann: für jemanden und für etwas. Denn das allein prägte bisher Liams Dasein: daß er sich nie gebraucht fühlte.

Für sechstausend Pfund könnte Liam ein Vehikel erwerben, halb Wohnwagen, halb Wochenendhäuschen, das auf einer kleinen Anhöhe mit Ausblick auf den Fluß Clyde steht. Der Schmuggel von Zigaretten, den Liam mit seinem überdrehten Freund Pinball betreibt, wirft jedoch niemals einen so hohen Gewinn ab. Also entwenden die zwei Fünfzehnjährigen dem verachteten Stan seine Heroinvorräte und beginnen selbst zu dealen, womit Liam sich auf ein Terrain begibt, dem der naive Träumer niemals gewachsen sein kann. Massive Drohungen und Prügel könnte er wegstecken, aber daß seine Illusionen buchstäblich niedergebrannt werden, wirft ihn moralisch aus der Bahn. Der Wohnwagen, auf den der Junge wie besessen sparte, ist nur noch ein verkohltes Gerüst. Und Liam schwört Vergeltung.

Eine Schlüsselszene in Ken Loachs Film "Sweet Sixteen". Wie Wut jäh aufbricht und einen Menschen überwältigt, ohne daß er etwas dagegen vermag, das erfährt in diesem Moment nicht nur Liam am eigenen Leibe, sondern fast ebenso unmittelbar der Zuschauer im Kino. Es gibt keinen anderen Regisseur, der sich so konsequent als Anwalt der Unterdrückten und Chronist sozialer Mißstände versteht wie der Brite Loach. Es gibt aber auch keinen, der dabei weniger Mitleid schindet. Zwar ist ihm und seinem Drehbuchautor Paul Laverty die Sympathie hochwillkommen, die Liam, mit lodernder Energie verkörpert von Martin Compston, auf sich zieht. Wenn er sich gleich zu Beginn des Films weigert, der Mutter beim Besuch im Gefängnis verstohlen ein Tütchen Heroin zuzuschieben, wozu den Jungen sein Großvater und Stan zu nötigen suchen, und wenn die Erwachsenen Liam hinterher zusammenschlagen und aus dem Haus werfen, dann haben beide, Loach und Liam, den Zuschauer sofort auf ihrer Seite. Aber Regie und Drehbuch unterschlagen nicht, wie verhängnisvoll Liams Träume sind, indem sie keine Grenzen kennen zwischen Zweck und Mittel und so gut wie alle Werte, wenn's nottut, ins Gegenteil verkehren.

Der Fünfzehnjährige haßt den Dealer Stan geradezu inständig, aber er findet nichts dabei, zu seinem eigenen Besten Abhängige mit Drogen zu versehen. Er läuft Sturm gegen den Mißbrauch aller Art, aber er nutzt seine Freundschaft zu zwei unbedarften Pizza-Ausfahrern, um die beiden insgeheim zu Drogenkurieren zu machen. Er arrangiert sich mit der örtlichen Mafia und nähme, ihr zu Willen, selbst einen Mord an seinem Freund Pinball, als der völlig ausrastet, in Kauf, wenn der Zufall ihm nicht das Messer aus der Hand risse. Er ist beseelt von einem besseren Dasein und reißt, wie es zuvor stets ihm auch geschah, alle neben sich ins Verderben.

Loach und Laverty aber, anders als der halbwüchsige Held von "Sweet Sixteen", erliegen nicht ihren Idealen. Die Sozialstudie aus heruntergekommenen Randbezirken jenseits von Glasgow, wo ehedem profitable Werften verrotten, ist unerbittlich und parteiisch gewiß auch - selbstgerecht aber ist sie nie. Zwar sagt der Regisseur, die Politik sei "etwas, das dir auf der Schulter hockt und das du nicht loswirst, denn das ist die verdammte Pflicht". Aber diese Pflicht verführt ihn nicht zur Lüge.

Wie verführerisch zum Beispiel wäre es gewesen, den Weg, den Liams nur zwei Jahre ältere, aber mindestens doppelt so erwachsene Schwester Chantelle geht, zum Ausweg zu verklären. Mit siebzehn selbst schon alleinerziehende Mutter eines kleinen Jungen, sucht sie das Kind vor allen Schrecken des Lebens zu behüten, four-letter-words eingeschlossen, die sie keinesfalls in seiner Nähe duldet. Aber auch Chantelle muß ihren umsorgten Calum mal für Stunden in der Obhut anderer lassen, zum Beispiel Liams - und schon gehen der und sein Freund Pinball im gestohlenen Auto verwegen auf Spritztour, den kleinen Passagier begeistert an ihrer Seite. Auch er wird Liams Weg ins Verhängnis nehmen, später einmal, wenn die Arbeitslosigkeit noch erbarmungsloser grassiert.

Chantelle hat sich von ihrer Mutter losgesagt. Sie wird sich auch von Liam trennen. Aber sie wird nicht ewig davonlaufen können, auch Calum zuliebe nicht. Und Liam? Er schafft, weil die Mafia zu ihrem Wort steht, der Mutter ein Heim, wie sie es nie zuvor hatte. Aber mehr als eine Nacht hält es Jean dort nicht, dann läßt sie, weil die alten Abhängigkeiten stärker sind, ihren Sohn wieder im Stich. Süße sechzehn? Der Grat zwischen Ironie und Hohn ist äußerst schmal, doch Loach leistet sich keinen falschen Tritt.

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